René Jaun ist 33 Jahre alt, kommt aus Bern, studiert an der ZHAW am IAM Journalismus und Organisationskommunikation und er ist blind. Wie er durchs Studium kommt, warum es ihn manchmal stört, dass Mitstudenten ihn auf seine Sehbehinderung ansprechen und wieso sich die Schweiz in der Förderung sehbehinderter Studenten noch verbessern kann, erzählt er im Interview.

Mit René Jaun sprach Lisa Aeschlimann

Fühlst du dich als Blinder im Studium manchmal benachteiligt?

René: Es gibt einzelnes, wofür ich länger brauche als sehende Studenten. In einem Fach beispielsweise hatten wir sehr viele Tabellen, die Teil des Prüfungsstoffs waren. Dort hätte ich gerne die Sicht der normalen Studenten, die sich schnell einen Überblick davon machen können. Nichtsdestotrotz empfinde ich es als gefährlich und unnötig wenn man davon ausgeht, dass es Blinde oder Sehbehinderte im Studium generell schwerer haben. Oft haben Leute die Devise: «Er ist blind, darum muss das Studium doch schwieriger sein für ihn.» Wenn man sich diese Haltung dann selbst einredet, kann dies schnell deprimierend wirken. Darum denke ich über Benachteiligungen weniger nach, sondern konzentriere mich lieber auf das Positive.

Wie geht das IAM mit deiner Behinderung um?

Das IAM ist meinem Anliegen offen gegenübergetreten. Ich erfahre die Dozenten als sehr zugänglich, spontan und flexibel. Falls ich einmal eine Frage habe oder zusätzliche Informationen benötige, kann ich sie auf einfachem Weg ansprechen. Meistens bringen die Dozenten dann auch direkt interessante und funktionierende Lösungsvorschläge.

Wie fühlst du dich von den Studenten hier aufgenommen?

Ich fühle mich recht gut aufgenommen. Bis jetzt hat es sich noch nicht ergeben, dass ich mit vielen Personen in Kontakt getreten bin. Trotzdem gibt es einige Mitstudenten, die ich relativ gut kenne und ansprechen kann, wenn ich Hilfe benötige.

Hattest du mit den Studenten auch schon weniger gute Erfahrungen gemacht?

Was häufig passiert, ist, dass mich Studenten im Gespräch sehr oft auf meine Behinderung ansprechen. Dann wird meist ein Satz gesagt wie: «Für dich muss es ja sowieso noch viel schwieriger sein.» – Als ob man bei mir den Fokus darauf lege, welche Dinge für mich weniger oder gar nicht funktionieren. Das empfinde ich als ermüdend. Denn ich finde nicht, dass das Studium für mich anspruchsvoller ist als für andere Studenten.

Was ich jedoch merke, ist, dass man mich als jemand anderen betrachtet. Denn die Gesellschaft in der Schweiz macht das nach wie vor und nimmt sich auch das Recht heraus, mit uns anders umzugehen als mit Sehenden. Doch es ist weder die Aufgabe meiner Behinderung, noch ist es die Aufgabe der Gesellschaft, mir zu zeigen, wo meine Grenzen sind. Ich möchte meine Fähigkeiten, meine Motivation und Begabungen nutzen, um persönliche Grenzen zu überwinden.

Mit welchen Hilfsmitteln kommst du durchs Studium?

Auf dem Computer habe ich ein Vorlese-Programm installiert. Das kann mir Word oder PDF-Dateien problemlos vorlesen. Mit dem Programm ist es heutzutage zum Beispiel auch möglich, von Titel zu Titel zu «springen». Grafiken können grundsätzlich nicht vorgelesen werden, aber die Dozenten sind sehr zuvorkommend und fassen mir diese in Sätzen zusammen oder umschreiben sie. Das funktioniert meist, doch leider nicht immer. Dann bin ich darauf angewiesen, den Stoff mit einem Mitstudenten zu besprechen.

Wie lernst du den Stoff für die Prüfungen?

Vieles läuft über das Gehör, manchmal stelle ich mir Gelerntes auch visuell vor, damit ich mir es merken kann. Das kann ich jedoch nur, weil ich bis zu meinem 17. Lebensjahr noch eine sehr kleine Sehkraft hatte. Ich habe nie genug gesehen, um lesen zu können, doch ich weiss noch was eine grüne Wiese ist und wie der blaue Himmel aussieht. Diese Vorstellungen helfen, sich den Stoff merken zu können.

Wie absolvierst du Prüfungen?

Da ich länger brauche, um mich in grossen Dokumenten zurechtzufinden, erhalte ich mehr Zeit für die Prüfungen. Damit andere Mitstudierende konzentriert arbeiten können – das Vorleseprogramm auf meinem Computer ist eher laut und kann schnell ablenken – absolviere ich die Prüfungen in einem separaten Raum. In zwei Fächern konnte ich die Prüfungen jeweils mündlich abschliessen – die Dozenten sind hier sehr flexibel.

Du bist im Austausch mit anderen sehbehinderten Studenten. Was sind ihre Erfahrungen, die du von ihnen oft hörst?

Die Erfahrungen von anderen sehbehinderten Studenten sind sehr verschieden. In der Schweiz haben wir ein Gleichstellungsgesetz, das vorschreibt, dass Bildungseinrichtungen für alle Menschen, auch jene mit Sehbehinderung, zugänglich sein müssen. Das kann in der Praxis jedoch sehr unterschiedlich ausfallen. Ich habe das Gefühl, dass es sich viele Bildungseinrichtungen auch heute noch leisten können, zu kommunizieren, dass Blinde an ihrer Schule nicht erwünscht sind. Sie weisen Menschen mit Behinderung dann auch sehr schnell ab. Es gibt zwar rechtliche Wege, um gegen diese Diskriminierung vorzugehen, aber dieses Angebot nutzen nur wenige.

Es gibt diese traurigen Geschichten, jedoch gibt es auch das Gegenteil, ein gutes Beispiel ist das IAM.  Auch andere Universitäten haben spezielle Fachstellen eingerichtet, an die sich behinderte Studenten wenden können. Das hilft, den Dialog mit unserer Gemeinschaft aufzubauen.

Es passiert also etwas in dieser Hinsicht. Wir Sehbehinderte geniessen ein relativ gutes Leben in der Schweiz, das heisst aber noch lange nicht, dass die Politik sich auf ihren Lorbeeren ausruhen kann.

Wir sind also schon weit, können aber noch viel verbessern?

Ja, viel! Für Blinde ist es zum Beispiel auch heute noch nicht möglich, sich zum Chiropraktiker ausbilden zu lassen. Falls man als Sehbehinderter Chiropraktiker werden möchte, muss man in die USA gehen und sich dort ausbilden lassen. Das ist dann sehr viel teurer.

Nimmt die USA eine Vorreiterrolle in Sachen Gleichstellungsgesetz ein?

Die rechtlichen Grundlagen in den USA sind für Blinde viel besser. Dort kann man sich viel eher einen Studienplatz erstreiten. In der Gesellschaft wird man auch besser integriert – die Menschen in Amerika haben eine andere Sichtweise auf Sehbehinderte und sind uns gegenüber offener. Trotzdem hat auch die USA noch einen Weg vor sich, bis Blinde in Sachen Bildung oder Integration gleichgestellt sind.