Bei einer Feedbackrunde haben wir im Unterricht das Thema «Lernen im digitalen Zeitalter» kurz angeschnitten und uns überlegt, wieder Unterricht in Zukunft mit den neuen, digitalen Mitteln gestaltet werden könnte. Dabei sind wir auf die «Iversitys» gestossen. «Iversitys» sind schulische Institutionen, die einem ermöglichen, sich individuell und ohne grosse Mittel Wissen anzueignen. Dank des technologischen Fortschritts und der Digitalisierung können Kurse oder sogar ganze Studiengänge bequem via Internet absolviert werden. Somit sind die Studierenden nicht mehr an einen Ort oder Zeitplan gebunden. Das bringt Flexibilität in die Terminplanung für die Studierenden und auch Dozierenden. Denn diese müssen sich nicht mehr in den Hörsaal begeben, um eine Lesung zu halten, sondern können ihre Podcasts zu einem beliebigen Zeitpunkt produzieren und jedes Jahr wieder verwenden.

Werden die Studierenden in Zukunft nur noch von zuhause aus Kurse besuchen? Nein, denn mit dieser Entwicklung von der «University» zur «Iversity» gehen mehr als nur zwei Buchstaben verloren. Denn Universitäten leisten viel mehr als nur individuelle Bildung. Sie ermöglichen den wissenschaftlichen Dialog zwischen den Menschen. Denn die wissenschaftliche Welt besteht nicht aus Schwarz und Weiss, sondern fast ausschliesslich aus Grau. Theorien werden in Universitäten aufgestellt und fast zeitgleich auch hinterfragt und widerlegt. Aus dem Dialog und in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Instituten entstehen immer wieder neue Erkenntnisse. Dieses kritische Denken ist ein wichtiges Merkmal, welches in individuellen Institutionen schwer vorstellbar ist. Denn der Dialog zwischen den Studierenden, den Dozierenden und den wissenschaftlichen Mitarbeitern wird dadurch erschwert.

Wie es der Name Universität bereits sagt, haben solche Institutionen einen Anspruch auf Universalität. Eine Universität soll deshalb möglichst alles umfassen, bündeln, erforschen und hinterfragen. Universal heisst auch, alle anzusprechen und auf alle Rücksicht zu nehmen. Nicht nur eine Dienstleistung für die Mehrheit zu sein, sondern alle Minderheiten einzubeziehen, die die Diversität auch ausmachen. Die «Iversity» hingegen ist auf die Einzelperson ausgelegt und hat, wie es der Name auch schon sagt, keinen Anspruch auf Universalität, sondern nur den, ein einzelnes Individuum zu beglücken.

Dieser Ansatz ist aber falsch, denn die Gesellschaft entwickelt sich nur in der Zusammenarbeit von Menschen und deren Austausch untereinander. In einer digitalen Schule fällt diese Entwicklung weg. Die Universität ist auch ein Ort, der mehr bietet als nur Bildung und Wissenschaft, denn an diesem Ort treffen sich auch Menschen, um Kontakte zu knüpfen. Der Dialog zwischen den Menschen hilft, andere kennenzulernen, und sich mit deren Ansichten vertraut zu machen. Nur durch den Dialog können andere Standpunkte verstanden, Kompromisse gefunden und somit auch Konflikte verhindert werden.

Programme wie zum Beispiel Erasmus ermöglichen es, diesen Austausch in einer weiteren Dimension zu erleben. Denn solche Austauschprogramme umfassen weit mehr als nur den intellektuellen Austausch. Im Ausland und im Kontakt mit Studierenden von anderen Ländern steht die kulturelle Diversität im Vordergrund. Nur ein Austauschprogramm ermöglicht den Studierenden, sich Kulturen aus aller Welt anzunähern, sie kennen zu lernen und andere Standpunkte ansatzweise zu verstehen. Keine digitale Welt kann diese Immersion nachahmen.

In einer Welt, die immer globaler und vernetzter wird, ist die Begegnung und der Austausch – sei es auf kultureller oder intellektueller Ebene – zwischen den verschiedenen Ländern und Kulturen essenziell. Nur dadurch kann eine gemeinsame Basis mit gemeinsamen Werten erschlossen werden, die es ermöglicht, Konflikte zu vermeiden und langfristige, fruchtbare Beziehungen zu pflegen. Deshalb ist es für eine Universität, die sich auch als eine universale Institution versteht, wichtig, dass die Studierenden von einem Austauschprogramm profitieren. Nur so können sie sich auf die zukünftige, vernetzte und interkulturelle Welt vorbereiten.