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«Bordeaux, mon amour»


Auch ein Jahr nach meinem Sprachaufenthalt in Bordeaux komme ich aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Was als eine Pflichtübung anfing, endete in einem wunderbaren Sommer.

Als ich im Herbst 2014 meinen Sprachaufenthalt zur Vorbereitung auf mein Studium buchte, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Drei Monate nach Frankreich? Das kann ja heiter werden! Als ich dann in Bordeaux ankam, sah ich meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Mein Taxifahrer wählte einen Weg durch ein heruntergekommenes Industriequartier und so voreingenommen wie ich war, dachte ich, es sei repräsentativ für die ganze Stadt. Wie sehr ich mich irrte. Zehn Gründe wieso ich mich in diese Stadt verliebt habe:

  1. Die Promenade

Die Stadt an der Garonne hat in den letzten zwanzig Jahren viel in das Stadtbild investiert. War das ehemalige Hafenareal mit seinen Lagerhäusern früher ein Umschlagsplatz für Drogen und Prostitution, ist es heute die Flaniermeile von Bordeaux. Die knapp 6 Meter breite und 4.5 Kilometer lange Promenade bietet genug Platz, damit Spaziergänger, Rollschuh- und Fahrradfahrer sich nicht gegenseitig in die Quere kommen. In den früheren Lagerhäusern finden sich jetzt Restaurant und Shops. Die Bemühungen der letzten Jahre haben sich für die Stadt ausgezahlt. Seit 2007 gehört Bordeaux Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein Höhepunkt ist es, wenn eines der grossen Kreuzfahrtschiffe in der Stadt anlegt. Diese Ozeanriesen aus der Nähe zu betrachten ist eindrucksvoll. Gerade in der Nacht, wenn die Lichter der Stadt und diejenigen des Schiffes um die Wette leuchten.

  1. Die Geschichte der Stadt

Für Hobby-Historiker ist die Stadt ideal, da sie bereits seit der Antike besiedelt ist. In der Stadt entdeckt man noch immer Bauwerke aus den verschiedenen Epochen. So zum Beispiel die Ruinen des Amphitheaters «Palais Gallien». Im Mittelalter kam die Stadt in den Besitz der englischen Krone. Die historische Nähe zu England erklärt auch die grosse Anzahl Pubs in Bordeaux. Im 18. Jahrhundert besass die Stadt den grössten Hafen Frankreichs. Daher beschloss der damalige König, dass sie als Visitenkarte des Reichs gelten soll. Die alten Stadtmauern wurden abgerissen und durch Prachtbauten ersetzt.

Einzig die Stadttore «Porte Cailhau» und «Porte de Bourgogne» blieben als Teil der Stadtmauer erhalten. Heute zählen sie zu den Sehenswürdigkeiten und können besichtigt werden. Im Zweiten Weltkrieg diente die Stadt dann als Stützpunkt für die Deutsche U-Boot-Flotte. Einer dieser U-Boot-Hangars steht immer noch, kann aber wegen Einsturzgefahr nicht besichtigt werden. Glücklicherweise blieb Bordeaux während des Zweiten Weltkrieges von Bombardements weitgehend verschont, so blieb die historische Innenstadt erhalten.

  1. Events, Events, Events

Die Stadt ist selten ruhig. Im Sommer gibt es kaum eine Woche, in der nichts läuft. So zum Beispiel die «Fête de la Musique», in der in jeder Bar und auf jedem grösseren Platz der Stadt kostenlose Konzerte gespielt werden. Oder das Fest zum 14. Juli, welches mit einem grossen Feuerwerk über dem Fluss gefeiert wird.

  1. Das französische Lebensgefühl

Ein zentraler Ort ist der «Place de la Comédie». Hier befinden sich das Tourismusbüro, das «Grand Théatre» und – ganz wichtig – das «Maison du Vin». Für einen Apéro vor dem Abendessen oder zur Erholung nach einem langen Tag ist diese Wein-Bar perfekt. Die vielfältige Getränkeauswahl und die entspannte Atmosphäre des Geniessens lassen einen verstehen, was mit dem französischen Savoir-vivre wirklich gemeint ist.

Das neuste Wahrzeichen der Stadt ist der «Miroir d’eau». Der Platz ist halb so gross wie ein Fussballfeld und mit einer dünnen Schicht Wasser bedeckt. Am Tag spielen darauf Kinder und in der Nacht spiegelt die Wasserschicht die Fassade der gegenüberliegenden Gebäude wider. Ein wunderschöner Anblick und der krönende Abschluss für einen romantischen Abend.

  1. Gastronomie

Ein Restaurant für ein Abendessen aufzustöbern, ist in Bordeaux definitiv nicht schwer. Die Auswahl ist eher schon zu gross. Aber in den drei Monaten hatte ich genug Zeit, mir einen Überblick über die Gastronomie in der Stadt zu machen. Einer meiner Favoriten ist das «Chez les Ploucs» in der Altstadt. Das Restaurant bietet eine authentische französische Küche an. Damit sind aber nicht Frösche oder Schnecken gemeint, sondern deftige Hausmannskost, wie eine Cassoulet, ein Eintopf mit weissen Bohnen, Speck und diversen Fleischsorten. Sehr lecker!

Wenn wir beim Thema Essen sind: Verzichtet, wenn möglich darauf, Froschschenkel oder Gänseleber, sogenannte Foie gras zu bestellen. Bei den Froschschenkeln aus dem Grund, dass sie praktisch kein Fleisch am Knochen haben. Sicher als Vorspeise ideal, da man nachher noch Hunger hat, aber da ist ein Salat oder eine Suppe empfehlenswerter, als der Tod von 30 Fröschen. Bei der Foie gras werden Gänse gestopft. Das heisst, der Gans wird mittels Trichter Futter in den Magen gepumpt. Tierfreundlich ist anders.

  1. Nachtleben

Eine tolle Art, das Nachtleben der Stadt kennenzulernen, ist ein Pub Crawl. Diese Touren finden jeweils an Freitag- und Samstagabenden statt. Es ist eine gute Möglichkeit, neue Leute zu treffen und gleichzeitig mehrere Pubs auszuprobieren. In der Tour inbegriffen ist ein Eintritt in einen Nachtclub. Aber das Feiern ist nicht nur auf das Wochenende beschränkt. Die meisten Lokale haben auch unter der Woche längere Öffnungszeiten und bieten ein Abendprogramm wie beispielsweise Open-Mic-Sessions, Pub-Quiz oder Sportübertragungen an.

  1. Kulturelle Vielfalt

Bordeaux hat aber nicht nur kulinarisch und feiertechnisch viel zu bieten. Auch im Museumsbereich findet sich eine breitgefächerte Auswahl. Mein Lieblingsmuseum ist das «Centre Jean Moulin». Es ist nach dem bekannten Résistance-Anführer Jean Moulin benannt, der im Zweiten Weltkrieg den deutschen Besatzern Widerstand geleistet hat. Es behandelt ebenfalls die Geschichte von Bordeaux während des Zweiten Weltkrieges.

Für Kunstinteressierte ist sicher das «Musée d’Art Contemporain» interessant, welches moderne Kunst zeigt. Das grösste Museum der Stadt ist das «Musée d’Aquitaine». Das Museum zeigt die Geschichte der Region um Bordeaux, von der Frühzeit bis zur Gegenwart. Ich habe einen Vormittag damit verbracht, das Museum zu erkunden und kann es nur weiterempfehlen.

  1. Rotwein, Weisswein, Bordeaux-Weine

Die Region ist bekannt für ihren Wein. Bordeaux ist jedoch nicht gleich Bordeaux. Es gibt mehrere Weinanbaugebiete mit unzähligen Chateaus. Das Tourismusbüro bietet Touren in die einzelnen Gebiete inklusive Führungen bei den Produzenten und Degustationen an. Auf meinem Ausflug ins Haut-Médoc konnte ich zwei Chateaus besichtigen. Am beeindrucktesten fand ich die Weinkeller mit den unzähligen, riesigen Fässern mit Wein, die dort in Reih und Glied lagerten. Am Ende der Tour war fast jeder Teilnehmer ein Wein-Fan.

Ein weiterer Ausflug führte mich nach St. Émilion. Dieses kleine Städtchen ist bekannt für seine Spitzenweine. Seit 1999 gehört es zum UNESCO-Weltkulturerbe. In den Gässchen entdeckt man hauptsächlich Weinboutiquen und Souvenir-Läden, trotzdem hat es der kleine Ort geschafft, seinen Charme zu behalten. In dem Städtchen gibt es ausserdem Wasserbecken, wo man seine Füsse nach einem anstrengenden Tag kühlen kann.

  1. Die grösste Wanderdüne Europas

Wer sich nicht für Wein begeistern kann, findet in der «Dune du Pilat» die grösste Wanderdüne Europas. Die 110 Meter hohe Düne ist auf drei Seiten umgeben von dichtem Wald und auf einer Seite offen zum Atlantik. Ein spektakulärer Anblick, wenn man auf der Düne oben steht und sich das Panorama anschaut. Das Problem ist einfach, dass man auch Tage nach dem Ausflug noch überall Sand findet.

Für einen gemütlichen Tag am Strand muss man nicht weit fahren. Der Küstenort Lacanau ist nur 45 Kilometer von Bordeaux entfernt. Hier werden im September auch internationale Surfwettbewerbe veranstaltet. Wer selber aufs Brett steigen will, kann bei den ansässigen Surfschulen die Ausrüstung auch tageweise mieten.

  1. Sportevents

Wer die Gelegenheit nutzten möchte, ein «Ligue 1»-Spiel anzuschauen: Der Fussballverein «Girondins de Bordeaux» verfügt seit dem letzten Jahr über ein topmodernes Stadion. Die Atmosphäre an den Spielen ist super und es kommt eine Hexenkesselstimmung auf. Trotzdem bleibt es vor und nach dem Spiel friedlich und das Stadion ist mit einer Tramlinie nur einen Katzensprung vom Stadtzentrum entfernt.

Bordeaux ist mir in diesen drei Monaten sehr ans Herz gewachsen. Es ist ein Ort mit Geschichte und einem Flair, das man nicht in Worte fassen kann. Die Stadt ist voller Details, die einen immer mehr faszinieren. Die kleinen Gässchen in der Altstadt, das Weintrinken auf dem «Place de la Comédie» und die Spaziergänge auf der Promenade. Bordeaux, mon amour, ich komme wieder.

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