Eigentlich wollte ich über das Virus motzen. Es stellte sich heraus, dass das nicht so einfach ist. Und überhaupt: So gar nicht der Moment.

Es ist Freitag, der 13. Wir sitzen in der Mensa des Technoparks. Die Sonne flutet den Raum, wirft Schatten. Wir besprechen unsere Präsentation, die uns gerade unglaublich unwichtig vorkommt. Denn: Corona ist da und der Lockdown nur noch eine Frage der Zeit – eben kein gewöhnlicher Unitag.

Eine Krise bahnt sich an. Eine mehr. Klimakrise. Flüchtlingskrise. Ja, wir haben einige erlebt, gerade in den letzten Jahren. Gelöst haben wir keine wirklich und nun ist also ein Virus dabei die Schweiz, Europa und die Welt aus den Angeln zu heben.

Krieg, Klimawandel, Kinder auf der Flucht. Das alles ist real. Und trotzdem schafft kein Ereignis, was Corona schafft: die totale Aufmerksamkeit. In den Medien, aber vor allem in unseren Köpfen. Corona verdrängt alles. Das kann es, weil es jede und jeden betrifft. Es schreitet über Grenzen, breitet sich über den ganzen Globus aus. Es zwingt uns, zu handeln. Aber sind wir dazu überhaupt bereit? Schaffen wir nun das, woran wir zuletzt so oft gescheitert sind: Lösungen finden, auch wenn das heisst, Dinge zu tun, die uns herausfordern, uns einschränken. Im Job, im Alltag, in unserer Freiheit.

Zurück in der Mensa: Medienkonferenz, Livestream, Lockdown – Ausnahmezustand! Das ist also unser letzter Tag auf dem ZHAW-Gelände. In diesem Semester zumindest. Die Welt brennt und im Stillen hoffen wir, dass der Leistungsnachweis verschoben wird. Wir schauen nur halb zu und diskutieren über das Gehörte. Wir sind uns nicht einig.

Alle: «Sollen wir uns einschränken, obwohl nur eine Minderheit – die Älteren, die mit Vorerkrankungen, kurz: die Vulnerablen – gefährdet sind?»
Studentin 1: «Jedes Leben zählt.»
Ich: «Andernorts sterben auch Menschen.»
Studentin 2 (schockiert): «Wo?»
Ich: «Na, in Griechenland, auf Lesbos, an Europas Grenzen.»
Studentin 2: Aufatmen.

Stille am Tisch. Im Hintergrund verlangen die Bundesräte S-O-L-I-D-A-R-I-T-Ä-T! Diese Krise können wir nur gemeinsam bewältigen.

Zusammenhalten, das sollen wir nun also. Derweil geht das Sterben andernorts weiter – und es könnten in diesen Tagen nicht weiter weg sein.

Verlangt die Landesregierung gar Unmögliches? Gerade von dieser, unserer Generation! Über die es heisst, sie sei ein Haufen lethargischer Individualisten, der von sich denkt, er sei eine dynamische Einheit mit Werten und Maximen. Wir, die um die Welt fliegen, 100 Bekanntschaften treffen, aber keine Freundschaften eingehen, hie und da streiken und nebenbei alles dokumentieren und poliert auf «sozialen» Plattformen «teilen». Anteilnahme? Ja, klar. Aber Aktion? Nur solange das mit einem Klick vom Smartphone aus geht.

Ja, ich gehöre zu dieser Generation. Diese Klischees sind wenig schmeichelhaft, aber zugegeben: Ein bisschen treffen sie schon zu. Ist es nicht ironisch, dass wir uns fürchterlich kümmern, aber nichts tun? Noch nie zuvor hatte eine Generation Zugang zu so vielen Informationen, zu so viel Wissen wie unsere. Wir wissen immer und sofort wer was wo macht. Was alles schief läuft.

Es ist Sonntag. Einen Tag bevor die Bundesräte die Lage als «ausserordentlich» einstufen. Bevor alles bis auf die Grundversorgung eingestellt wird. Bevor Geschäfte, Restaurants und Bars schliessen, Veranstaltungen abgesagt und Grenzen kontrolliert werden. Ich schlendere durch unser Wohnquartier. Ein Blatt fliegt mir vor die Füsse: «Freiwillige, die helfen möchten. Einkaufen, Kinderhüten, Nachhilfe.» In ein Feld haben sich Menschen eingetragen. Am Abend sehe ich, dass es bereits unzählige WhatsApp-Gruppen und Facebook-Seiten mit ähnlichen Angeboten gibt. Während ich den ganzen Tag genörgelt hatte, haben sich die Freiwilligen organisiert.

Tatsächlich, eine Welle der Solidarität ist ins Rollen geraten. Nicht nur bei den Freiwilligen, sondern auch in den Pflegeheimen und Spitälern, in denm Migros und Coops. Gleichzeitig macht die Regierung vorwärts. Um die Verbreitung des Virus zu stoppen und seine unmittelbaren Auswirkungen abzufedern, erlässt sie rasant schnell Massnahmen. Sie lassen den öffentlichen Verkehr drosseln, stellen der Wirtschaft ein Milliardenfonds zur Verfügung. Plötzlich muss es schnell gehen – die unabsehbaren Folgen für die Volkswirtschaft nimmt die Regierung für unsere Gesundheit in Kauf.

Es ist eine verrückte Zeit. Für uns bedeutet sie: Verzicht auf unseren Alltag, unsere Freunde und Familien. Stattdessen arbeiten und büffeln wir von Zuhause.

Die Corona-Krise ist eine, die wir gemeinsam bewältigen können. Sie bietet eine Gelegenheit, gerade auch unserer Generation, um zu handeln, um unseren Zugang zu Informationen zu nutzen und um etwas zu verändern. Wir müssen einen neuen Zusammenhalt entwickeln. Herausfinden, wie wir ihn kultivieren können, um die ungelösten Krisen in der Zukunft gemeinsam anzugehen. Und es ist so gar nicht der Moment, um sich aufzuregen.

«Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.»

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Shabnam Kohi

Shabnam Kohi

Autorin

Wenn ich mich über Alltagskatastrophen, Menschen, Ungerechtigkeiten oder über mich selbst aufrege, stutze und verstehen möchte, schreibe ich darüber. Früher nur für mich. Bei Brainstorm kann ich das teilen.