Influencer in der Schweiz leiden unter einem Imageproblem: gekaufte Follower, eine falsche Abbildung der Realität oder Marketinglügen werden vielen von ihnen vorgeworfen. Doch das Inf luencer-Marketing birgt auch eine Chance.

6 Uhr morgens: Frisur sitzt #iwokeuplikethis, das Frühstück sieht aus, wie aus einer Kochsendung #foodporn und das Outfit sitzt perfekt #style. Gemäss Instagram, Snapchat und Co. sieht so der Start in den Tag im Leben eines Influencers aus. Für ihre grossen Communities übernehmen sie eine Vorbildfunktion und gelten als Trendsetter. Ob Beauty, Food oder Fitness: die Meinung eines Influencers zählt. Klar also, dass das Werben im Internet zum Geschäftsmodell wurde. Denn immer häufiger verdienen Influencer Geld mit ihren Posts, in denen sie Produkte von Firmen bewerben und so deren Zielgruppe erreichen.

Mehr Schein als Sein: Das wird den Internet-Stars immer häufiger nachgesagt. Viele sehen Influencer als oberflächliche Personen, die ein falsches Bild von sich und ihrem Leben in den sozialen Medien vermitteln. Die Tatsache, dass eine grosse Anzahl von ihnen Fake-Follower hat, ist für viele ein weiterer Grund, um misstrauisch zu sein. Eine Recherche von SRF Data, bei der sie die Follower von insgesamt 115 Schweizer Instagram-Influencern analysierten, bestätigte kürzlich: Fast jeder dritte Follower von Schweizer Influencern ist fake, existiert also gar nicht. Woher die falschen Follower stammen und ob sie gekauft sind oder nicht, lässt sich nicht nachweisen. «Klar ist: Die Influencer-Szene hat ein Fake-Problem – manche mehr, andere weniger», lautet das Fazit von SRF Data.


Aufwand wird häufig unterschätzt

Ein Foto knipsen, Produkte kostenlos testen und vorstellen oder einfach nur gut aussehen: So stellen sich viele Menschen diesen Beruf vor. Doch welcher Aufwand wirklich dahintersteckt, sehen die meisten nicht. Fotoshootings, Videodreh, Community pflegen: All das gehört zu den täglichen Aufgaben eines Influencers. Auch die 28-jährige Food- und Fitness-bloggerin Sylwina ist sich der Voreingenommenheit bewusst: «Ich denke, Vorurteile sind ein Teil des Lebens und lassen sich auch nicht gesamthaft aus der Welt schaffen. Die Erwartungshaltung bestimmt die Reaktion, die man von der Umwelt erhält. Das ist ein Teil meiner Message, die ich meiner Community als Influencerin weitergeben möchte».

Sylwina wirbt für einen Primer der Marke L’Oréal.

Der professionelle Internetauftritt hat sich für Sylwina eher zufällig ergeben. Da das Kochen seit ihrer Kindheit ein Hobby und die gesunde Ernährung schon lange ein Teil ihrer Lebensgewohnheit sei, habe sich in ihren Posts automatisch immer wieder der gleiche Inhalt ergeben. «Ich habe nie bewusst einen Foodblog gemacht und mich somit in eine bestimmte Kategorie gesteckt, sondern einfach über das geschrieben und gepostet, was ich gerade interessant fand», erklärt sie. Heute zählt die Influencerin über 50’000 Follower, ihre Bilder erhalten immer mehrere tausend Likes. Sie selber folgt jedoch nur knapp 150 Personen. «Ich folge auch anderen Influencern und finde es sehr inspirierend. Meiner Meinung nach sind sie bessere Vorbilder als Stars aus klassischen TV-Serien. Aber ich persönlich suche mir meine Vorbilder sehr genau aus und vertraue ihnen auch.


Ihr wichtigstes Credo ist Transparenz

Sylwina hat vor einigen Jahren ihre juristische Arbeit und gelegentliche Modeljobs aufgegeben, um heute erfolgreich über Food und Fitness zu bloggen. Die Zürcherin arbeitet zudem bei der Morning Show des Radios «Planet 105» und hat ihre eigene GmbH «Sharesquare» gegründet, die sich mit Digital Marketing befasst. «Mein Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Ich fahre je nach Wetterlage mit dem Fahrrad ins Radiostudio und kümmere mich später am Tag um die administrativen Arbeiten, die bei einer GmbH so anfallen. Natürlich treffe ich auch Kunden, erarbeite Konzepte und erstelle Reportings. Wenn es die Agenda zulässt, treffe ich meinen Fotografen, um Bilder und Videos für Instagram zu machen», beschreibt Sylwina ihren typischen Tagesablauf. Wichtig dabei sei ihr vor allem auch die Bewegung. «Ich mache Sport wie Yoga oder auch Meditation. Anstatt TV zu schauen bin ich lieber aktiv.»

 

Die Influencerin ist Food- und Fitnessbloggerin.

 

Social Media spielt für die Influencerin eine grosse Rolle. Sie sieht im Werbegeschäft in den sozialen Medien grosse Chancen. «Ich liebe Influencermarketing und betreibe es in meiner Firma auch. Wir machen zum Beispiel die Social-Media-Kampagne für die L’Oréal Consumer Products in der Schweiz. Ich finde es toll, wenn Menschen mit ihrer eigenen Sprache C2C (Konsument zu Konsument)-Produkte in ihr Leben integrieren und die Produkte so an die Community bringen. Man kann sich streiten über die ‘Echtheit’ dieser Contents, aber sie sind auf jeden Fall immer ehrlicher, als ein Werbespot, bei dem der Brand direkt Absender ist», sagt Sylwina. Sie selber konsumiere ebenfalls Influencermarketing wie beispielsweise Produktereviews. So habe sie ihr gesamtes Kameraequipment anhand Produktbewertungen und Empfehlungen gekauft und sei zufrieden damit.

Dennoch hat die Bloggerin auch Verständnis für Kritiker. «Die ganze Bewegung ist noch sehr neu und viele Leute verstehen wahrscheinlich noch nicht genau, wie das alles funktioniert. Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht – so in dem Stil.» Grundsätzlich finde sie jedoch, dass es berechtigt sei, vorsichtig zu sein, da es auch negative Beispiele gebe, fasst Sylwina zusammen. Das wichtigste bei ihrer Arbeit im Netz sei Transparenz. «Die Menschen in meiner Community sind wie Freunde für mich. Ich spreche mit ihnen, wie ich es auch mit meinem privaten Umfeld tue. Man muss sich selber sein und vor allem muss man im Reinen mit sich selber sein.»

Bildurheber: zVg / David Biedert / Andrea Monica Hug / Sylwina / Daniel Prochetti