Das Internet ist nicht gleich das Internet. Denn das World Wide Web präsentiert sich jedem ganz anders. Suchresultate, Leseempfehlungen, Werbeanzeigen oder Facebook-Meldungen – alles wird personalisiert und angepasst. Wer sich objektiv informieren will, ist im Netz am falschen Ort. Grund dafür ist die Filterblase. 

 
Internetkonzerne bestimmen darüber, welche Partei wir wählen, welche News wir lesen, welche Entscheidungen wir im Alltag treffen, mit wem wir befreundet sind und welchen Pulli wir kaufen – eine Horrorvorstellung, die längst Realität ist. Erscheint ein Artikel in den eigenen Suchresultaten an erster Stelle, heisst das nicht, dass jemand anderes ihn überhaupt angezeigt bekommt. Verantwortlich dafür sind Algorithmen. Diese Programme laufen stetig im Hintergrund, analysieren unser Online-Verhalten und präsentieren uns dementsprechend massgeschneiderte Angebote. 

Im Extremfall führt dieses Personalisieren zu einer sogenannten Filterblase. Eine Filterblase ist die eingeschränkte Welt mit vorgefilterten Inhalten, in der wir uns im Web bewegen. Doch es sind schon lange nicht mehr nur die Mega-Konzerne, die unser Sichtfeld einschränken. Auch kleine Webshops analysieren unser Verhalten und zeigen uns persönlich abgestimmte Angebote. Dahinter verbirgt sich die Absicht, unseren Geschmack zu treffen und neue Kunden zu gewinnen. 

 Das Spiel mit den Inhalten 
Obwohl die Vorgehensweisen von Google und Co. umstritten sind, sind die Suchmaschinen und Netzwerke heute nicht mehr wegzudenken.

Das Internet ist unglaublich gross – die Anzahl der Suchanfragen ratsuchender Menschen fast genauso. Das macht es für Suchmaschinen wie Google nicht einfach, immer die für uns passenden Antworten herauszufiltern und anzuzeigen. Anfänglich reichten Algorithmen, um Relevanz und Qualität des Inhalts zu beurteilen. Dann aber kamen vor einigen Jahren personalisierte Suchfaktoren hinzu. Plötzlich fielen Standort, Stichwortsuche und das Verhalten in sozialen Netzwerken mit ins Gewicht und veränderten die Suchergebnisse bei Google stark. 

Auch bei Facebook werden Inhalte fleissig sortiert. Kontakte, Interaktionen und Interessen, also das persönliche Verhalten der Facebook-User, haben einen Einfluss auf die Sichtbarkeit der Posts. Dazu kommen die kommerziellen Interessen des Netzwerks, die mitbestimmen, was wir als Benutzter sehen und was uns verborgen bleibt. Das Verfahren des Filterns wird bei Facebook sogar als Grund für den zunehmenden Extremismus mancher User beschrieben. Denn die Filterblase bestärkt einen in seinen Ansichten und hilft, immer mehr und immer extremere Meinungen zu lesen und zu vertreten.  

 Game Over für die Vielfalt 

Alles wird personalisiert und sobald wir das Internet betreten, tauchen wir in eine Wohlfühloase ein. Denn dank den Algorithmen sehen wir nur noch das, was uns gefällt: ganz egal ob Facebook-Freunde, News, Kleidung, Meinungen oder Ferienziele. Durch diese fremdgesteuerten Inhalte können Informationen manipuliert werden und damit auch unsere Meinungen. Durchs Netz geistern unzählige Verschwörungstheorien, die alle einen Schuldigen für die Online-Überwachung gefunden haben wollen. Politik, Wirtschaft, Medien – welcher Macht sind wir denn nun so masslos ausgeliefert? Wer missbraucht unser Vertrauen in die virtuelle Welt?  

Um diesem Missbrauch zu entkommen versuchen viele User, so wenig persönliche Daten wie nur irgendwie möglich im Netz preiszugeben. Es spielt eigentlich gar keine Rolle, wer verantwortlich für die heutige Online-Situation ist. Wir sollten jedoch einen wichtigen Aspekt der ganzen Sache nicht vergessen. Es geht nicht nur darum, dass unbekannte Organisationen unsere Daten analysieren, sondern auch darum, dass die Diversität im Netz verloren geht. Auf YouTube werden nur noch Videos angezeigt, die man sowieso schauen würde. TUI schlägt Ferienziele vor, die man schon besucht hat. Und Exlibris will nur noch Bücher von Autoren verkaufen, die man schon längst kennt. Ganze Bandbreiten von Musik, Büchern, News – ja, allem erdenklich Möglichen – verschwinden vom Radar. Man lebt in seiner eigenen Filterblase und schafft es nicht mehr, den persönlichen Horizont zu erweitern, sondern dümpelt immer in den gleichen Gewässern herum. 

 Die Karten neu mischen 

Doch es gibt immer einen Ausweg. So gibt es auch eine Möglichkeit, die allgegenwärtige Filterblase zum Platzen zu bringen – zumindest teilweise. Wer bereit ist, Facebook und seine in den Jahren angehäuften «Freunde» zu verlassen, kann sich der Plattform «Vero» anvertrauen. Obwohl sie bereits 2015 gegründet wurde, hat sie erst dieses Jahr den grossen Hype erlebt. Ein typisches Phänomen von «right time, right place», denn sie verspricht genau das, wonach sich viele User heute sehnen: keine Algorithmen, keine Werbung, sondern Authentizität. Dank des werbefreien Systems ist es auf der Plattform nicht nötig, Nutzerdaten zu sammeln, da gar keine zugeschnittene Werbung platziert werden kann. Jedoch kann man sich beim sozialen Netzwerk nur mit seiner Handynummer registrieren, was zwar widersprüchlich ist, aber vor Fake-Accounts schützen soll. 

Für diejenigen, die es noch nicht übers Herz bringen, ihre langjährigen Facebook-Freundschaften aufzugeben, gibt es auch eine Möglichkeit. Bei Facebook ist der Algorithmus dafür verantwortlich, dass wir eine individuell zusammengestellte Liste mit Beiträgen zu sehen bekommen. Wer online ist, sieht also nicht mehr jedes Ferienfoto irgendeines alten Schulfreundes, sondern nur noch diejenigen Inhalte, die erfahrungsgemäss interessieren oder gefallen. So besteht die Gefahr, dass Personen, mit denen man nicht interagiert, von der Bildfläche verschwinden. Dieser Filterung kann man entgehen, indem man Freunde, deren Beiträge man zwar nicht mag, aber einen guten Kontrapunkt darstellen, gewollt in seinen Newsfeed einbezieht. Mit der Funktion «als erstes darstellen» werden Beiträge prominent im Newsfeed aufgenommen, ohne dass man sie liken muss. So bekommt man auch Inputs zu Themen, die einem sonst komplett entgehen würden. 

 Selbstverschuldete Pleite 

Es braucht sehr viel Eigeninitiative und Überwindung, um dieser Sortierung entgegenzuwirken. Und es ist nicht die einzige Hürde: Zur Filterblase, die uns die Provider anhand von Algorithmen vor die Nase zaubern, kommt die selbstgebastelte hinzu. Wenn wir uns im Internet aufhalten, entscheiden wir innerhalb von Sekunden, ob uns ein Text, ein Musikstück oder ein Video gefällt. Wir klicken uns durch Leads, Intros und Anfänge, ohne zu wissen, womit wir es zu tun haben. Wir geben den Inhalten keine Chance mehr, das mitzuteilen, was sie mitteilen wollen. Konträre Inhalte und tiefgründige Gedankengänge können uns nicht mehr erreichen. So kommt es, dass wir unser Blickfeld verengen und persönliche teils oberflächliche Meinungen zusammenbasteln, auch ganz ohne Einfluss der Algorithmen. 

Die Schuld am subjektiven Web tragen also nicht nur die Internetkonzerne, sondern auch jeder Einzelne von uns. Wenn ihr euren politischen Standpunkt festigen wollt, nehmt an einer Podiumsdiskussion teil. Wenn ihr wissen wollt, welcher Pullover euch steht, geht mit einem guten Freund shoppen. Wenn ihr wissen wollt, was in der Welt passiert, redet mit Menschen. Fragt nicht das Internet, vertraut nicht auf die Online-Welt. Denn ihr Ziel ist es nicht, ehrlich zu sein, sondern euch zu gefallen. 

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