Dass ein Wort mit «Klima» vornedran zum Schweizer «Wort des Jahres» gewählt wurde, dürfte nicht sonderlich erstaunen. Fridays For Future, die «Klimawahl» und der messianische Hype um Greta Thunberg in unseren Breitengraden haben sich durch 2019 gezogen wie ein roter Faden. Oder, pardon: Grüner Faden. Interessant ist hierbei, dass die Wahl der deutschsprachigen Jury, bestehend aus ZHAW-Forschenden, das Wort «Klimajugend» wählte.

Es klingt fast, als wäre die gesamte Schweizer Jugend auf den Strassen, nicht nur einige Tausend. Der Begriff «Klimajugend» schubladisiert, ohne es zu wollen. Erstens identifizieren sich sicher nicht alle Schweizer Jugendlichen mit den Streiks – wenn alle Jugendlichen so klimabewusst aufwachsen würden, müssten wir uns ja keine Sorgen um unsere Zukunft machen. Andererseits untergräbt der Begriff, dass die Klimabewegung gesellschaftlich breit aufgestellt ist. Aber schön, wenn die Rentner*innen, die neben den Rotznasen marschieren, sich nun ebenfalls als Teil einer «Jugend» bezeichnen dürfen.

Das «Wort des Jahres Schweiz» versucht jährlich, dem Anspruch gerecht zu werden, gesellschaftliche Entwicklungen anhand des Sprachgebrauchs zu veranschaulichen. Forschende der ZHAW untersuchen dabei Websites mit Schweizer Domain auf Wörter, die im laufenden Jahr häufiger verwendet wurden als zuvor. Anschliessend wählt die Jury für die Landessprachen die drei markantesten Wörter aus. Die Annahme hierbei: Was im Internet geschrieben wurde, hat sich auch in den Alltagssprachgebrauch eingebürgert. Aber na gut, entgegen des höchst seltsamen «Jugendwort des Jahres» kennt man das Schweizer Pendant wenigstens in der Regel.

Um den anderen Sprachregionen Wichtigkeit vorzugaukeln, wurden fürs Französische, Italienische und erstmals auch Rätoromanische ebenfalls «Parole dell’année» gekürt. Auch wenn diese hauptsächlich die grüne Welle im Sprachgebrauch («vague verte» und «onda verde» auf Platz 1, «unda verda» auf Platz 3) bestätigen, lohnt sich ein Blick in die anderen Listen: Die Welschschweiz schenkt dem «féminicide» auf Platz 2 die Beachtung, die man sich auch in den anderen Sprachen wünschen würde – auch wenn es noch schöner wäre, wenn es dieses Wort gar nicht erst bräuchte.
Die italienischsprachige Jury verwies auf ihrem Platz 2 mit dem Frauenstreik («sciopero delle donne») ebenfalls auf ein feministisches Thema. Die mutmasslichen Boomer der deutschsprachigen Jury konnte sich nicht zu solch politischen Statements durchringen. Stattdessen gaben sie einem momentanen Trend nach und setzten «Ok Boomer» auf Platz 2. Dass der Ausspruch dadurch nun für Millennials und Zoomer (Generation Z) gänzlich unbrauchbar wurde, versteht sich von selbst – eine erwartbare Antwort in Richtung der Jury spare ich mir also an dieser Stelle.
Und hey, einen Beitrag zum Verständnis der anderen Sprachregionen liefert das «Wort des Jahres» dann doch auch noch: So lernen wir, dass es für «Flugscham» (Platz 3 in D und F) im Französischen kein eigenes Wort gibt, also wurde einfach die schwedische Variante «flygskam» übernommen. Würde das Wort in jeder Sprache so süss klingen, würden vermutlich tatsächlich weniger Menschen fliegen, weil sie sich «skåmen».

 

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