«Aber dann dürftest du auch keine Avocados mehr essen!» Kommentare wie diese fallen in der momentanen Klimadebatte immer wieder und gelten meist den Personen, die umweltfreundlicher leben wollen. Ein Mötzli-Text über unnötige Diskussionen.

In der ganzen Klimabewegung gibt es eine Sache, die mich latent nervt: Leute, die Vorschriften darüber machen wollen, was man alles darf und nicht darf, wenn man sich fürs Klima einsetzen will. Ich habe mich vor fünf Jahren dazu entschieden, vegetarisch zu leben. Für mich war das kein grosses Ding. Für einige meiner Bekannten hingegen schon. Wenn ich ihnen meine Beweggründe erklärte und sagte, dass ich wegen der Massentierhaltung und dem hohen Treibhausgaseffekt kein Tierfleisch mehr essen würde, hagelte es Kritik. «Ja, aber dann dürftest du auch keine Avocados mehr essen. Und kein iPhone haben. Und nur noch mit den ÖV reisen. Oder noch besser laufen.»

Diese Bekannten lassen sich in zwei Kategorien aufteilen: Die besserwissenden Umweltschutzprofis und die verunsicherten Nichtstuer. Beide sind gleichermassen erkennbar an ihren unkonstruktiven Kommentaren.

Immer 1x umweltfreundlicher als du

Es ist doch egal, ob man Bio isst, den Zug nimmt oder Bäume streichelt. In so vielen Diskussionen geht es immer um ein «wer tut mehr», anstatt um das Kernproblem Klima. Ich verstehe ja alle, die ihre Überzeugung kundtun möchten. Ich selbst würde auch am liebsten jedem Braunkohleverbraucher ins Gesicht brüllen, dass es einfach zwei vor zwölfi ist – er also besser mal aufhören soll, dieses Zeugs zu verheizen. Die Gegenseite ist aber genauso verständlich, denn – oh du grosse Überraschung – niemand mag Moralapostel.

Ein Beispiel: Wenn mir jemand erzählt, dass er sich jetzt vegan ernährt, finde ich das super. Wenn dieser jemand aber zu mir sagt, dass er jetzt vegan ist und ich eigentlich auch keinen Käse essen dürfte, weil auf das müsste ich mit meiner Einstellung ebenfalls verzichten, finde ich das weniger lässig. Erklär mir lieber, was für vegane Alternativen es gibt! Denn ich mag Käse! Sehr sogar!

Von Ablenkungen zu Ausreden

Auch die Behauptung, die kleine Schweiz müsste nur etwas tun, wenn sie so eine Klimabilanz wie Nachbarland XY hätte, lenkt vom Kernproblem ab. Sie führt dazu, dass die Regierung über instrumentalisierte Staatskassenfüller streitet, statt dass sie Massnahmen beschliesst. Der SVP-Nationalrat Christian Imark schreibt in einem Editorial: «Die Schweiz ist beim CO2-Ausstoss bereits heute weltweit Musterschülerin. Die linken Medien ignorieren die Relationen.» Wenn die Menschheit also in 50 Jahren noch eine Abschlussrechnung machen würde, könnte man wenigstens festhalten, dass die Schweiz die «Musterschülerin» war? Toll. Falls Intelligenzen anderer Planeten irgendwann das Ende der Erde nacherzählen, gibt es sicher jemanden, der sagt: «Also aber d’Schwiz isch imfall nöd Gschuld gsi.»

Anstatt sich fortwährend zu vergleichen und via Konjunktiv-Formulierungen die Verantwortung abzuschieben, sollten unsere Taten für sich sprechen. Die Umwelt interessiert sich herzlich wenig für unsere Streitereien. Dabei ist vor allem die Politik in der Pflicht, Systemänderungen vorzunehmen, damit die Bevölkerung nachhaltiger leben kann. Es ist also effektiver, der Politik Druck zu machen, anstatt einen Mitstudenten zurechtzuweisen, der gerade in sein Avocado-Brötli beissen will.

 

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