Die Welt des Kugelfischs mag für den ungeschulten Betrachter klein erscheinen. Wer aber über den Tellerrand hinausblickt und sich traut, sich in die schuppige Haut des Kugelfischs hineinzuversetzen, der wird merken, dass sie aus seinem Blickwinkel durchaus recht gross erscheint. Denn die Welt ist in Ordnung, solange der Fisch im Kreis schwimmt – warum sollte er an die Weiten des Ozeans, an die Verschmutzung der Meere, an die latente Bedrohung, die von potenziellem ausserirdischem Leben ausgeht, oder vielleicht sogar an die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz auch nur den kleinsten Gedanken verschwenden? Der Kugelfisch ist ein Pragmatiker. Und so zieht er seine unendlichen Runden in der Filterblase. 

Da er sich keine Gedanken über die Filterblase macht und über die Welt ausserhalb der Blase, die vielleicht besser, vielleicht schlechter sein könnte, merkt der Kugelfisch nicht einmal, dass er nur im Kreis schwimmt. Es verändert sich nichts, wieso also könnte ihn die Tatsache stören, dass er nicht vom Fleck kommt, wenn doch genau diese beständige Gleichheit der Welt um ihn herum so befriedigend ist? Vielleicht ist es sogar ein unterbewusster Schutzmechanismus des Fischs, nicht darüber zu grübeln, wie fragil, wie instabil die eigene Welt überhaupt ist. Denn das Unterbewusstsein weiss, was der Kugelfisch nicht weiss: Es würde nur ein unachtsamer Moment, ein klitzekleiner fehlgeleiteter Gedankengang, eine Nervenreaktion im kugeligen Gehirn reichen, um die Welt um sich herum zu zerstören. 

Denn würde der Kugelfisch eines Tages, nach pausenlosem, aber nicht ermüdendem Schwimmen, plötzlich und vielleicht sogar grundlos realisieren, wie sehr seine eigene Freiheit doch eingeschränkt ist durch das Leben in der Filterblase, dann würde auch er sehr rasch bemerken, dass dies eine teuflische Ungerechtigkeit ist. Mehr noch, er würde sich empören, was dem gottgleichen Schicksal denn einfalle, ihn auf dieser Welt mit all ihren Möglichkeiten in solch eine Filterblase einzusperren. Die Möglichkeit, dass die Welt da draussen schlechter ist als die in der Blase, würde der Kugelfisch nicht bedenken können – viel zu stark ist die Aufregung über die Möglichkeit, etwas zu verpassen von der Welt und in der eigenen Freiheit beschnitten zu werden. 

Die Renaissance, die Eventualität der eigenen Freiheit würde im Kugelfisch  in Sekundenschnelle aufkeimen. Und all diese Wut würde wachsen ob der Erkenntnis, sein ganzes Leben lang – und dies ist seinem Ermessen zufolge schon eine sehr lange Zeit –​ in der Filterblase zu stecken, ohne überhaupt davon zu wissen. Die Wut würde den Körper des Kugelfischs durchströmen und er täte, was er in solchen Situationen immer tut: Sich aufblähen und die ganze Energie kanalisieren. Die weichen Noppen auf seiner Haut würden zu spitzen Stacheln wachsen, die gleich schon an der Oberfläche der Filterblase kratzen würden und ehe man sich’s versieht – PLOP! – wäre mit einem Mal die Blase passé. Und mit der Erkenntnis, dass er selbst in seiner Freiheit beschnitten wurde, erlangt der Kugelfisch seine Freiheit. Zumindest würde es so laufen – würde das Unterbewusstsein nicht genau diesen Gedankengang unterdrücken. Und so schwimmt der Kugelfisch weiter in seinem unendlichen Ozean in der Filterblase. 

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