Ein Studiengangwechsel ist selten eine leichte Entscheidung. Man quält sich mit Fragen, hat Selbstzweifel und schämt sich dafür, etwas abzubrechen. Mayra hat diese Situation ebenfalls durchgemacht und möchte mit ihren Erfahrungen anderen Studierenden zeigen, dass nichts umsonst ist. 

Wir alle kennen diese zielstrebigen, ehrgeizigen Leute, die seit ihrem zwölften Lebensjahr wissen, dass sie später einmal Anwältin, Tierarzt oder Pilotin werden wollen. Oft haben solche Personen schon ihr ganzes Leben durchgeplant: Vom Studium über die zukünftige Arbeitsstelle bis hin zur Familie. Ich war nie so jemand. Natürlich hatte auch ich Kindheitsträume. Ich wollte Autorin werden, dann Polizistin und vielleicht noch Tierpflegerin, aber nichts davon konnte mich wirklich überzeugen.   

Hindernis Aufnahmeprüfung

Ich ging schon immer gerne zur Schule, und mit dem Diplom der Fachmittelschule hatte ich noch nicht wirklich viel in der Hand. Deshalb entschied mich dazu, zu studieren. Dann ging es weiter mit dem Entscheidungen treffen: Welcher Studiengang an welchem Ort? Journalismus am Departement Angewandte Linguistik in Winterthur hatte mich interessiert, weil ich schon immer gerne und viel geschrieben habe. Allerdings bin ich dann an der Aufnahmeprüfung gescheitert und hatte danach die Nase voll von solchen Tests, also musste ein Studiengang her, für den keine Aufnahmeprüfung gefordert wurde. So bin ich auf Wirtschaftsrecht an der School of Management and Law, ebenfalls in Winterthur, gestossen und wurde gottseidank auch aufgenommen. Ich habe mich dort sofort wohl gefühlt, mich schnell mit meinen Klassenkollegen angefreundet und mich gut organisiert. Alles war wunderbar, ich schien endlich angekommen zu sein. Dann bin ich am Assessmentjahr gescheitert. Ich war unglaublich enttäuscht von mir und am Boden zerstört.

Die grossen Zweifel

Nachdem ich mich wieder aufgerappelt hatte, entschied ich mich ganz bewusst dazu, das Assessmentjahr zu wiederholen. Ich wollte nichts Anderes studieren oder gar abbrechen, denn in meinen Vorstellungen arbeitete ich bereits als erfolgreiche Gerichtsschreiberin an einem Bezirksgericht – mein Traum! Also nahm ich mit viel Ehrgeiz einen zweiten Anlauf und besuchte diejenigen Module nochmals, die ich nicht bestanden hatte. Nebenbei arbeitete ich, und so war ich eigentlich rundum zufrieden. Eigentlich. Wann genau sich meine Ziele und Wünsche während des Repetitionsjahres geändert hatten, weiss ich nicht mehr. Plötzlich fragte ich mich immer öfters, ob Wirtschaftsrecht noch das Richtige für mich sei. Als Anwältin vor vielen Leuten zu stehen und grosse Reden zu schwingen, das ist definitiv nichts für mich. Wirtschaftsjuristische Beraterin in einem Unternehmen ist auch nicht mein Ding, weil ich im Finanzwesen eine totale Niete bin. Ausserdem gibt es wenig offene Stellen als Gerichtsschreiber*innen, weshalb sie umso härter umkämpft sind. Diese negative Stimmung machte sich auch beim Lernen bemerkbar, denn ich musste mich jedes Mal zwingen, die Unterrichtsunterlagen hervorzuholen. Wollte ich wirklich etwas zu Ende studieren, das mir bereits jetzt keine Freude mehr machte und bei dem ich auch keinen Erfolg hatte?

Mit Tricks zur richtigen Entscheidung

Das Repetitionsjahr gab mir die Zeit, die ich brauchte, um über meine beruflichen Ziele nachzudenken. Ich befolgte die üblichen Ratschläge in solch einer Situation. Ich erstellte eine Pro- und Kontra-Liste, tauschte mich mit Freunden und Bekannten aus, informierte mich im Internet und hielt nach anderen Studiengängen Ausschau. Da Sprachen schon immer eine grosse Rolle in meinem Leben gespielt haben, vor allem, weil meine Vatersprache Spanisch ist, begann ich mich für den Studiengang Angewandte Sprachen zu interessieren und besuchte eine Infoveranstaltung. Danach war ich so begeistert, dass ich mich sofort für die Eignungsprüfung anmeldete. Ich hoffte inständig, dass sich mein Prüfungsversagen nicht wiederholen würde und voilà – ich bestand. Dann, während der langen Sommerpause, erhielt ich die Prüfungsresultate des Repetitionsjahres. Auch hier hatte ich alle wiederholten Module bestanden. 

Jetzt konnte ich das tun, was ich nie für möglich gehalten hätte: Wählen! Meine Entscheidung stand natürlich schon länger fest, aber für mein Selbstbewusstsein war es extrem wichtig, dass ich zwischen zwei Studiengängen wählen konnte. So entschied ich mich für die Sprachen. 

Klarheit braucht Zeit

Aber tat ich wirklich das Richtige? Was werden wohl die anderen von mir denken, wenn sie hören, dass ich mein Studium nicht weiterführe, obwohl ich bestanden habe und stattdessen etwas Neues beginne? Die werden bestimmt alle denken, dass ich faul und dumm bin, ein Studium abbreche und ein anderes beginne, wie es mir gerade passt, und dass ich mich sowieso vor dem Arbeiten drücken möchte. Irgendwann hatte ich genug von diesen Gedanken und konnte mich damit beruhigen, dass nun mal nicht alle von Anfang an wissen, was sie wollen oder können. Gewisse Personen brauchen eben ein bisschen länger, um sich über ihre beruflichen oder privaten Wünsche klar zu werden, was auch völlig in Ordnung ist. Ich habe mich lange geschämt zu erzählen, dass ich mein Studium abbrechen will, bis ich gemerkt habe, dass es keinen Grund dazu gibt. Durch meinen kleinen Abstecher in Wirtschaftsrecht habe ich eine solide Basis in verschiedenen Rechtsthemen erhalten, ich habe tolle Leute kennengelernt, mit denen ich immer noch in Kontakt stehe, und kenne dadurch das System der ZHAW bereits ziemlich gut. Von all dem kann ich in meinem neuen Studium und auch im Alltag profitieren. Nichts davon war umsonst. Und auch wenn ich immer noch nicht genau weiss, was ich später machen möchte: Ich habe mit meinem Studiengangwechsel die richtige Entscheidung getroffen und stehe dazu.