Im Technikum sind ein Christ und ein Agnostiker der Frage nach der Existenz Gottes nachgegangen. Diskutiert wurde unter anderem auch, ob Gott die Schweizer bevorzugt, was Harry Potter mit Jesus gemein hat und ob es einen ultimativen Masstab für Gut und Böse gibt.

Wenn Gläubige und Nichtgläubige über Glaubensfragen diskutieren, kann es empfindlich zu und hergehen. Diesmal soll es aber anders laufen, so der Facebook-Post zur Veranstaltung. Die Debatte „Wahrheit und Wältahschauig: Was hät das mitem Läbe ztuä?“ wird vo den Vereinigten Bibelgruppen (VBG), einer christlichen Hochschulvereinigung, organisiert. Mitorganisator Bensch erklärt mir, dass der VBG von der Vereinbarkeit von Wissenschaft und christlichem Glauben überzeugt ist und kritische Fragen «feiere». Dafür spricht, dass die Gruppe einen solchen Diskurs organisiert. An den Stehtischen wird rege geplaudert und Bensch begrüsst die hereinkommenden Gäste persönlich mit Namen. Debatten zu religiösen Themen werden in der Regel nicht so «gefeiert», aber an diesem Abend erscheinen zu meiner Überraschung rund 50 Zuhörer. Die Stimmung im gut gefüllten Hörsaal des Technikums ist ausgelassen, man scheint sich zu kennen.

Die Debattierenden sind Christian (24), Theologiestudent, und Beni (25), Philosophiestudent und bekennender Agnostiker. Ein Agnostiker ist nicht gleichzusetzen mit einem Atheist. Letzterer ist überzeugt, dass es Gott nicht gibt. Agnostiker verfechten die Position, dass die Existenz einer höheren Macht nicht geklärt oder nicht klärbar ist.

«Erst Sehnsüchte und Hoffnungen lassen uns Besseres erschaffen»

Beni: Ich verstehe Gott als etwas Allumfassendes. Etwas, das in allem ist und alles zusammenhält. Aber Gott ist bestimmt keine Person, und hat schon gar keinen Willen.
Christian: Im Gegensatz zu dir ist Gott für mich ganz klar getrennt von dieser Welt. Das unterscheidet ihn ja von dieser Welt, von uns allen. Und er ist eine Persönlichkeit mit Willen. Wenn Gott alles ist, ist er also auch böse?
B: Ich glaube vielmehr, dass das Böse einfach passiert. Wir selber haben es in der Hand, was auf dieser Welt geschieht. Darum glaube ich auch nicht, dass Beten etwas bringt. Man erreicht damit höchstens sich selbst. Es ist wie Selbstbeobachtung bei einem Selbstgespräch.
C: Ich gebe zu, dass ich dieses Gefühl auch kenne, beim Gebet mit mir selbst zu reden. Aber wenn dies immer der Fall wäre, dann würde ich nicht beten.
B: Nun ja, so ein Gespräch mit sich selbst kann auch nützlich sein. Man kommt auf neue Ideen, löst Probleme. Aber ich bin der Meinung, dass die Antwort aus mir selbst kommt, nicht von Gott. Ich führe einen Dialog mit mir selbst. Schau, gäbe es Gott, dann gäbe es auch mehr Liebe und Zusammenhalt auf dieser Welt. Ich glaube, das Gute und Schöne auf dieser Welt kommt von einzelnen Personen.
C: Eine gewisse Subjektivität ist dem Ganzen nicht abzusprechen. Wir sind auf uns alleine gestellt, wenn wir die Welt verstehen und deuten. Aber du siehst die Welt ganz schön pessimistisch. Nur weil du das Schöne nicht siehst, bedeutet das nicht, dass es nicht existiert. Es gibt so viel Schönes in meinem Alltag. Man muss halt dankbar sein.
B: In meinem auch. Aber der Fakt alleine, dass es Schönes gibt, reicht mir nicht aus als Beweis für Gott. Und ist es nicht so, dass es allen gleich gut gehen sollte, wenn es einen Gott gäbe? Dass es uns in der Schweiz gutgeht, liegt auf der Hand. Was ist zum Beispiel mit den Menschen in Somalia?
C: Ich glaube nicht, dass das Leiden woanders immer grösser ist. Wir Europäer sind auch nicht glücklicher, weil wir mehr haben oder es hier schöner haben.
B: Ich glaube, um glücklich zu sein, muss man vor allem im Moment leben und nicht hoffen und beten.
C: Und wie hältst du es dann mit der Sehnsucht? Gibt es die für dich nicht?
B: Ich lebe lieber im Moment. Seneca sagte, das grösste Hemmnis des Lebens sei die Erwartung, die sich an das Morgen hängt und mit dem das Jetzt verloren geht.
C: Aber stehst du mit deiner Einstellung nicht einer besseren Welt im Weg? Erst Sehnsüchte und Hoffnungen lassen uns doch etwas Besseres erschaffen.
B: Die Welt wäre eine Bessere, würden wir mehr im Jetzt leben. Wenn ich zufrieden bin mit dem Jetzt, muss ich niemandem etwas wegnehmen und muss nicht denken, dass mir etwas fehlt zu meinem Glück.

 

Sind zwar nicht gleicher Meinung…                                    …aber Beni (l.) und Christian (r.) nehmen’s sportlich.

«Es gibt keinen endgültigen Massstab für das Gute und Böse»

B: Für mich gibt es kein Gut und Böse.
C: Die Geschichte hat uns doch aber gezeigt, was Gut und Böse ist. Wie lebst du ohne einen solchen Massstab?
B: Ich meine lediglich, dass es keinen ultimativen Massstab dafür gibt, was Gut und Böse ist. Es gibt immer jemanden, der eine andere Ansicht dazu hat.
C: Aber du siehst doch ein, dass es ziemlich viel Einigkeit darüber gibt, was Gut und Böse ist. Für mich ist schon das ein Indiz, das es Gott gibt. In der Bibel steht: «Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben; und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein». Für mich kommt diese Einigkeit daher.
B: Was du beschreibst, dass sich Werte aufeinander zubewegen und angleichen, ist doch eher ein Phänomen der Globalisierung. Dennoch gibt es viele verschiedene Ansichten darüber, was Gut und Böse ist. Was wir darunter verstehen, ist aus unserer Kultur und Geschichte entstanden. Aber wir brauchen doch keinen Gott und seine Gesetze, um über andere zu urteilen. Stattdessen gründen wir einen Staat und machen Gesetze. Ich finde es schöner, wenn wir gemeinsam Werte finden, statt einem Befehl von oben zu folgen.
C: Aber Menschen können nicht ohne eindeutige Kategorisierungen von Gut und Böse leben.
B: Dennoch sind diese nicht endgültig. Unser Gesetz ist ja auch wandelbar, eben weil es keine absolute Wahrheit gibt. Ich glaube, es tut uns Menschen gut, einen veränderbaren Begriff von Gut und Böse zu haben. Denn dieser wird sich noch oft ändern.
C: Es stellt sich an diesem Punkt die Frage, wieso dann die Bibel als christliches Gesetzbuch seit so langer Zeit für so viele Menschen relevant ist?
B: Ich spreche der Bibel nicht ihre Nützlichkeit ab. Sie enthält gute Geschichten, die uns im Leben Orientierung geben können. Aber das können Märchen auch.
C: Nun ja, etwas mehr als ein paar gute Stories ist die Bibel dann doch. Sie ist Gottes Wort, von Menschen geschrieben. Menschen, die den Anspruch erhoben, die Ereignisse um Jesus und seine Wiederauferstehung miterlebt zu haben.
B: Aber ob wir das Buch wörtlich nehmen oder nicht, liegt bei uns, und ist nicht in einem Anspruch des Buches selbst oder gar Gottes begründet. Nehmen wir als Beispiel Harry Potter. Laut Joanne K. Rowling ist er auch wiederauferstanden. Wie wörtlich nehme ich das nun?

Für philosophische Ausschweifungen bleibt während der vorgegebenen Zeit von einer Stunde kaum Zeit. Der Zeitdruck ist spürbar. Und ist es diesmal wirklich anders gelaufen? Bei der Frage nach der Existenz Gottes kann man nicht erwarten, dass sich Agnostiker und Gläubige einig werden. Halten die Debattierenden an ihrem jeweiligen Glaubenskonstrukt fest, sind die Möglichkeiten, neue Positionen zu finden, offensichtlich begrenzt. Da das Publikum nicht sehr durchmischt war – die Mehrheit ist Mitglied beim VBG, wie ich später erfahre – bringt die offene Schlussdiskussion auch keine unerwartete Wendung mehr. Interessant finde ich Benis Antwort auf die Frage, was er denn glaubt, was mit ihm nach dem Tod passiere. Er sei überzeugt, dass er sich in kleinste Einzelteile, also seine Atome, auflöse und dann wieder eins werde mit dem Ganzen, aus dem diese Welt bestehe.