Wädenswil ist eine waschechte Studentenstadt, manchmal auch zum Unmut der lokalen Bevölkerung. Deshalb haben Studierende am vorletzten Freitag zum siebten Mal das Hochschulspektakel ausgetragen, um die Stadt und die ZHAW zusammenzubringen.

In Wädenswil tummeln sich auf dem Sportplatz der Primarschule Eidmatt mehr Kinder als Studierende. In der Hüpfburg wärmen sich die Kleinen für den Ritt auf den Rodeo-Automaten ein, die in der Mitte des Platzes stehen. Um die Wette klammern sich die Kinder an den mechanischen Bullen fest. Wer zuerst auf das Luftkissen fliegt, verliert. Jene, die den wilden Ritt nicht wagen, jagen nebenan den grossen Seifenblasen nach, die über den Rasen wabern. Später liest Erzählerin Therese Bachmann den Kindern Märchen vor. Viele Attraktionen am Hochschulspektakel scheinen für die Kleinen ausgelegt.

Das kindertaugliche Programm ist aber durchaus gewollt. Der Verein Hochschulspektakel beschreibt den Anlass selbst als Volksfest: Jeder ist willkommen. Die erste Ausgabe des Festes entstand im Rahmen einer Bachelor-Arbeit. Heute veranstaltet der Verein, bestehend aus Studierenden und Ehemaligen, das Hochschulspektakel zum siebten Mal.

Kinder mimen die Studierenden

Dieses Jahr lautet das Motto Fusion. Der Anlass ist Teil einer dreitägigen Festreihe der Stadt Wädenswil und damit zu einer lokalen Tradition geworden. „Ich finde es genial und ich bin beeindruckt, wie die Studierenden hier zupacken“, sagt Urs Hilber, der das, in Wädenswil ansässige, Departement „Life Sciences und Facility Management“ führt. Mit dem Anlass könne man die Bevölkerung und die Hochschule zusammenbringen und genau das sei das Ziel.

Mit verschiedenen Ständen sind Institute und Abteilungen der ZHAW am Hochschulspektakel präsent. „Chemie für Kinder“ steht auf einem Zelt. Darin mimen Kinder in Labormänteln und mit Schutzbrillen die Chemiestudierenden von Morgen. Im Becken auf dem Tisch vor ihnen blubbern und rauchen giftgrüne Mixturen in Laborgläsern. Immer wieder giessen die kleinen Laborantinnen und Laboranten neue Flüssigkeiten nach und verleihen dem Gemisch vor ihnen eine neue Farbe. Alles ungefährlich, natürlich. Trockeneis und Lebensmittelfarbe sorgen für die Effekte. Die Eltern beobachten aufmerksam ihre Schützlinge beim Experimentieren. Ob da die künftige Studienwahl getroffen wird?

Luxusprodukt entstanden an der ZHAW

Die Begegnung mit der Bevölkerung schätzt Michael Kleinert, der das Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation leitet. „Die Leute sollen nicht nur Gründe haben, sich über die Hochschule aufzuregen, etwa weil die Busse verstopft sind“, sagt Kleinert. Er sehe es als Aufgabe der ZHAW, sich der Bevölkerung zu zeigen. An seinem Stand informiert Kleinert über die Arbeit seines Instituts. Den Standbesuchern schenkt er kaltgebrauten Kaffee ein und bietet kleine Schokoladentafeln zum Probieren an. Es sind nicht einfach Leckereien, um die Besucher an den Stand zu locken. Kleinert will die Leute probieren lassen, was hier ZHAW-Forscher in Wädenswil entwickelt haben.

„Probieren Sie mal. Na, was merken Sie?“, fragt Kleinert. Der Kaffee entfaltet ein vollmundiges Aroma. Von Bitterkeit keine Spur. Auch die schwarze Schokolade mit einem Kakaoanteil von 80 Prozent schmeckt angenehm süsslich, was man vom handelsüblichen Gegenstück nicht sagen könnte. Möglich mache das Kaltextraktion, erklärt Kleinert und kommt ins Schwärmen. Bei diesem Verfahren entstehen in der Verarbeitung von Kakao- oder Kaffeebohnen keine Bitterstoffe. „Damit sind wir zu Schokoladenspezialisten geworden“, sagt Kleinert. Vor fünf Jahren hat sich Konzeptkünstler und Musiker Dieter Meier die Rechte am Verfahren gesichert und vermarktet die Schokolade seither als Luxusprodukt.

Chemieunterricht im Freien

Je länger das Hochschulspektakel andauert, desto mehr junge Erwachsene bewegen sich auf der Eidmatt. Es bilden sich viele Grüppchen. Die einen wippen zu Gipsy-Klängen von „The Nozez“, die gerade auf der Bühne spielen. Andere stehen mit einem Bier in der Hand um einen Baumstamm und hämmern um die Wette Nägel ein. Die Studierenden Emmanuelle Theodoracakis und Mario Blazevic erreichten im Länder-Quiz des „International-Office“ der ZHAW gerade 88 Prozent. „Die Atmosphäre ist angenehm und man kann auch hier locker mit den Dozenten plaudern“, sagen sie. Auch Irene Arnold, Studiengangsleiterin „Facility Management“, schätzt das Hochschulspektakel: „Hier trifft man auf Arbeitskollegen und Studierenden, oder es kommen Ehemalige vorbei, um Hallo zu sagen.“

Es dunkelt ein und die Lichterketten beginnen, ihren Charme zu versprühen. Darunter sitzen Erwachsene, Ehemalige und Studierende zusammen und geniessen den geselligen Abend. Sommerliche Beats mischen sich mit Gelächter und lockeren Gesprächen. Familien sind immer weniger zu sehen.

Um halb neun startet die Chemie-Show, ein wiederkehrendes Highlight des Hochschulspektakels. Unter Jubel tritt der bekannte Chemiedozent auf die Bühne. Jetzt gibt es Anschauungsunterricht im Freien. Feuerbälle erleuchten die Bühne, ein Gummibärchen zersetzt sich blitzartig und ein markerschütternder Knall markiert den Höhepunkt der Show. Danach folgen noch zwei Konzerte und ein DJ-Auftritt. Beim Rodeo feuern mittlerweile Studierende ihre Kollegen beim wilden Ritt an. Zuerst mit einem Lächeln, dann mit einem verzerrten Gesicht versuchen sie, den mechanischen Bullen zu bändigen.

Bildurheber: Omar Zeroual