by | Dez 3, 2019 | Menschen, Reportagen

Die künstliche Befruchtung hilft Paaren, die ungewollt kinderlos sind. Rund 5’500 Frauen entscheiden sich alleine in der Schweiz jährlich für diese Methode. Die Betroffenen nehmen dafür meist einen langen, beschwerlichen Weg in Kauf. 

Sie ist eine der grössten Entscheidungen im Leben jedes Paares: Wollen wir Kinder oder nicht? Doch längst nicht bei allen ist es eine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Schätzungsweise jedes zehnte Paar in der Schweiz bleibt ungewollt kinderlos. Die Gründe dafür sind vielfältig. Experten sehen jedoch die zunehmende Unfruchtbarkeit der Gesellschaft als einen der häufigsten Gründe. Von Unfruchtbarkeit ist die Rede, wenn innerhalb von zwei Jahren der ungeschützte Geschlechtsverkehr zu keiner Schwangerschaft führt. Dabei sind die Ursachen bei beiden Geschlechtern gleichermassen zu finden. In 30 Prozent der Fälle ist eine Schwangerschaft aufgrund der Zeugungsunfähigkeit des Mannes (Sterilität) und in 30 Prozent wegen der Unfruchtbarkeit der Frau (Infertilität) nicht möglich. In etwas mehr als einem Drittel der Fälle liegt es an beiden Partnern. Neben körperlichen Auslösern können auch seelische Faktoren sowie Umweltbelastungen, Stress, falsche Ernährung, Alkohol, Rauchen und vieles mehr zu einer Infertilität oder einer Sterilität führen. 

Für viele Paare mit diesem Befund gibt es dennoch eine Möglichkeit, sich den Kinderwunsch zu erfüllen: die sogenannte Reproduktionsmedizin. Zu ihr gehört auch die künstliche Befruchtung, wofür sich einige der ungewollt kinderlosen Paare entscheiden. Von künstlicher Befruchtung spricht man, wenn ein Kind nicht natürlich, also nicht durch Geschlechtsverkehr, entsteht. In der Schweiz lassen sich pro Jahr insgesamt zirka 5’500 Frauen künstlich befruchten. 2000 Babys erblicken dank dieser Methode das Licht der Welt.   

Erfolgschancen liegen bei unter einem Viertel 

Es gibt mehrere Arten, eine künstliche Befruchtung durchzuführen. Zwei der am häufigsten angewendeten Verfahren sind die Insemination und die In-Vitro Fertilisation (IVF). Während bei einer Insemination die Spermien in die Gebärmutter der Frau gespritzt werden, findet die Befruchtung bei einer IVF in der Petrischale statt. Hierbei werden zehntausende Samenzellen mit der Eizelle in der Petrischale zusammengebracht. Die IVF wird vor allem zur Behandlung von Frauen mit irreparabel verschlossenen Eileitern, bei Endometriose (gutartige Frauenkrankheit, bei der sich Gebärmutterschleimhaut ausserhalb der Gebärmutter bildet) oder bei männlicher Unfruchtbarkeit verwendet. Beim ersten Zyklus, also dem ersten Versuch einer IVF, beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Befruchtung 20-25 Prozent.

Die durchschnittliche Erfolgsrate bei einer künstlichen Befruchtung liegt bei 35 Prozent. (Bildurheber: ZVG/OVA IVF Clinic Zürich) 

Ist die Spermienqualität des Mannes ungenügend oder werden nicht ausreichend Samenzellen produziert, ist eine herkömmliche IVF nicht erfolgversprechend. Dann wird die sogenannte intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) durchgeführt. Sie ist eine Zusatzmassnahme im Rahmen der IVF. Der Vorteil dieser Behandlungsmethode liegt darin, dass nur eine einzige Samenzelle benötigt wird. Diese eine Samenzelle wird im Labor selektiert und mit einer Mikronadel direkt in die Zellflüssigkeit der Eizelle gespritzt. In der Schweiz wurden im Jahr 2015 rund 80 Prozent aller IVF-Befruchtungsversuche mit ICSI durchgeführt, Tendenz steigend.  

Künstliche Befruchtung ist häufig eine Belastungsprobe 

Für viele ist die künstliche Befruchtung die letzte Hoffnung, eigene Kinder zu bekommen. Dennoch stellt sie für die Betroffenen nicht nur finanziell, sondern auch körperlich und seelisch eine Belastung dar. Für Sonja Winkler und ihren Mann war es ein grosser Schritt, als sie sich 2017 für die ICSI-Behandlung entschieden haben. «Wir haben zwar über Adoption nachgedacht, das wäre aber viel komplizierter gewesen. Ausserdem war diese Option teurer als erwartet. Deshalb war der erste Schritt für uns direkt die künstliche Befruchtung», erzählt die 33-jährige Salzburgerin. Wie oft wollen wir es versuchen? Wie gehen wir mit vergeblichen Versuchen um? Muss ich mir selbst Spritzen verabreichen oder macht mein Partner das? Wollen wir eine Vollnarkose oder eine örtliche Betäubung bei der Entnahme und somit mehr oder weniger Risiko auf uns nehmen? Über all diese Dinge habe sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Gedanken machen müssen. Dennoch sei sie relativ entspannt gewesen, habe sich keine grossen Erfolgschancen versprochen. «Ich wollte einfach mal sehen, was kommt. Psychisch bin ich eigentlich ziemlich unbedarft an die Sache herangegangen. Schlussendlich war das wohl das Beste.

Gleich bei der ersten Behandlung hat es geklappt: Die Salzburgerin Sonja Winkler mit ihrem Sohn Anton.  (Bildurheber: ZVG/Sonja Winkler)

Nach der Hormontherapie, bei der man über mehrere Wochen Hormone beispielsweise zur Förderung der Eizellenbildung einnimmt, habe sie ständig Schmerzen verspürt ähnlich wie vor einem Menstruationszyklus. Dann die Überraschung: Sonja ist schwanger. Gleich beim ersten Versuch hat es geklappt. «Alle haben sich für uns gefreut, dass nun endlich ein Stein ins Rollen kommt.» Heute ist ihr Sohn Anton fast ein Jahr alt. Lediglich eine Sache würde sie rückblickend anders machen: Früher zum Arzt gehen. 

Mehrere tausend Franken für eine Behandlung 

Immer wieder wird die Reproduktionsmedizin zum heiss diskutierten Thema in der Gesellschaft. Erst 2016 hat die Schweiz Ja zur Präimplantationsdiagnostik gesagt. Dank diesem Gesetz ist es nun erlaubt, die Embryos im Reagenzglas zu untersuchen, bevor sie in den Mutterleib eingesetzt werden (siehe Infobox). «Die Abstimmungen der letzten Jahre zur Revision des Fortpflanzungsmedizingesetzes haben deutlich gezeigt, dass zwei Drittel der Stimmbevölkerung einen liberalen, aber klaren Gesetzesrahmen wollen. Dank dem Gesetz sind wir nun einen wichtigen Schritt weitergekommen», freut sich Peter Fehr. Er ist Facharzt FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe und ärztlicher Leiter der auf Reproduktionsmedizin spezialisierten Praxis «OVA IVF» in Zürich. Zirka 30 solcher Kliniken gibt es alleine in der Schweiz. 

Sie alle geben eine «kumulative Rate pro Jahr» – also die Erfolgsrate einer künstlichen Befruchtung – zum Vergleich an. Die Unterschiede zwischen den Kliniken sind gross – so reicht die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft von 25 bis zu 60 Prozent. Das Problem: Die betroffenen Paare haben in der Schweiz keine offizielle Statistik, um diese Vergleiche zu sehen, bevor sie sich für eine IVF-Klinik entscheiden. Denn die Daten liegen nur anonymisiert vor. Welche Klinik hinter der Rate steht ist nicht ersichtlich.  

400 bis 500 Paare behandelt die Klinik von Peter Fehr pro Jahr. Zähle man die Paare mit laufenden Behandlungen dazu, sei die Zahl noch höher. Pro Jahr führen der Arzt  und sein Team rund 700 In-Vitro-Fertilisationen und 1000 Inseminationen durch. Die Preise einer künstlichen Befruchtung variieren je nach Klinik und Art der Behandlung. «Generell kann man sagen, dass der erste Zyklus mit Hormonen und anschliessender IVF-Behandlung und Konservierung der übrigen Embryonen ungefähr 8000 Franken kostet. Die spätere Behandlung macht dann nochmals etwa 2500 Franken aus», rechnet er vor. Eine Insemination werde drei Mal von der Krankenkasse bezahlt, solange die Frau noch nicht 40 Jahre alt ist. Die IVF werde hingegen nicht bezahlt.

Aktuelle Gesetzlage in der Schweiz

2016 hat die Stimmbevölkerung in der Schweiz die Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes mit 61 Prozent angenommen. Das neue Gesetz beinhaltet unter anderem die Einführung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Somit dürfen im Reagenzglas gezeugte Embryos künftig vor der Einpflanzung in den Mutterleib bis zum sechsten Tag untersucht werden. Dadurch nimmt die Erfolgsrate zu und durch den Single-Embryo-Transfer die Mehrlingsrate ab. Die Untersuchung ist jedoch nur in zwei Fällen erlaubt. Zum einen darf sie von Paaren in Anspruch genommen werden, die Träger einer schweren Erbkrankheit sind. Zum anderen können sich Paare für diese Untersuchung entscheiden, die auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen können. PID ist nicht für alle zu empfehlen. Auch sind die Kosten mit zusätzlichen 3000 bis 4000 Franken wesentlich höher als bei einer IVF ohne die Untersuchung. In der Schweiz ist zudem seit einiger Zeit die Kryokonservierung von Embryonen erlaubt – früher wurden hingegen nur die befruchteten Eizellen konserviert. Ebenfalls dürfen heute Embryonen zehn statt nur fünf Jahre gelagert werden. 

Bildurheber Titelbild: ZVG/OVA IVF Clinic Zürich