Richter treffen viele bedeutsame Entscheidungen. Viktor Egloff, Oberrichter aus Aarau, erzählt im Interview, wie er in seinem Berufsalltag mit schweren Entscheiden umgeht und ob er dabei auch manchmal auf sein Bauchgefühl hört.  

Brainstorm: Wie bereiten Sie Sich auf einen Entscheid vor? 
Viktor Egloff: Bei uns am Obergericht werden die meisten Fälle von drei Richtern entschieden. Hinzu kommt der Gerichtsschreiber, welcher eine beratende Stimme hat. Wenn mir ein Fall zugeteilt wird, gebe ich ihm nach einer ersten Bearbeitung dem Gerichtsschreiber; dieser bereitet einen ersten Urteilsentwurf vor. Den schauen wir gemeinsam an und ich sage ihm, was mir gefällt und was noch zu ergänzen oder zu korrigieren ist. Nach gemeinsamen Diskussionen hat man dann die entscheidenden «Weichen» herausgearbeitet. Oft ist es auch ratsam, den Fall ein paar Tage ruhen zu lassen. Hilfsmittel sind die bisherigen kantonalen sowie nationalen Entscheide und die Theorie.  

Wie läuft ein Entscheid ab? 
Zuerst klärt man anhand der Akten den Sachverhalt. Denn man muss ja verstehen, was passiert ist. Dabei entscheidet man bereits, was im vorliegenden Fall wesentlich ist und erwähnt werden soll. Danach kümmert man sich um den Aufbau des Entscheids. Es gibt in jedem Fall viele Fragen, die entschieden werden müssen. Für die meisten Fragen gibt es eine Praxis. Diese Entscheide hat man mit der Zeit im Blut. Es gibt jedoch immer zwei bis drei Punkte – ich sage ihnen die „Weichen“ des Falles – bei denen man zu hirnen beginnt. Die Weichen sind aber nicht wirklich zahlreich. 

Was gibt Ihnen das Gefühl, die richtige Entscheidung zu treffen? 
Man entwickelt ein gewisses Bauchgefühl dafür, ob ein Entscheid richtig ist. Dafür muss man nicht das gesamte Strafrecht auswendig kennen. Oft spürt man, ob das, was man macht, gut ist oder nicht. Wenn es sich nicht gut anfühlt, lohnt es sich, etwas darüber nachzugrübeln.  

Was erleichtert Ihre Entscheidung? 
Die juristische Erfahrung und auch die Lebenserfahrung. In meinem Beruf ist es deshalb von Vorteil, wenn man schon etwas älter ist (lacht). Auch von meinen Erfahrungen als Anwalt kann ich profitieren. Was auch sehr hilft, ist die Diskussion mit den Gerichtsschreibern und den anderen Oberrichtern.  «Die schwersten Fälle sind für mich die ohne Beweise.»

Was war Ihre bislang schwerste Entscheidung? 
Die schwersten Fälle sind für mich die ohne Beweise. Da hat man manchmal das Gefühl, dass der Beschuldigte zwar „Dreck am Stecken“ hat, aber man kann es leider nicht beweisen und muss ihn springen lassen.  

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben? 
Eigentlich nicht. Unsere Fälle können am Bundesgericht aufgehoben werden. Dies kommt vielleicht bei zehn Prozent der Fälle vor. Es kann vorkommen, dass man etwas übersieht. Jeder macht schliesslich Fehler. Dann ist aber nicht der Entscheid an sich falsch, sondern man hat einfach schlecht gearbeitet. Manchmal entscheidet das Bundesgericht auch anders, weil es die Sache aus einem anderen Blickwinkel sieht. Das heisst aber nicht, dass unsere Entscheide deswegen falsch sind. Das Bundesgerichturteil geht aber selbstverständlich vor. Der Entscheid hängt jedoch auch immer vom Menschen selbst ab, der ihn trifft. 

Wie verhindern Sie, dass Ihre persönliche Meinung Sie beeinflusst? 
Die persönliche Meinung kann nicht ganz ausgeklammert werden und gehört auch dazu. Der erste Schritt ist es, sich bewusst zu werden, wenn man beispielsweise jemanden nicht mag. Und in einem zweiten Schritt, bei der Urteilsberatung im Gremium, geht es darum, allfällige Vorurteile beiseite zu legen und aufgrund rein objektiver Fakten seine Entscheidung zu begründen.  Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf, weil mir noch eine ungeklärte Frage eingefallen war.

Wie nahe gehen Ihnen die Fälle? 
Als Richter sind wir relativ weit weg vom Geschehen. Meistens sehen wir die Beschuldigten, Opfer und Anzeigeerstatter gar nicht. Wenn man die Personen jedoch live erlebt, ist man jeweils stärker betroffen. Als Anwalt gingen mir die Fälle klar näher. Denn da ist jemand, der sich komplett auf dich verlässt, das ist eine grosse Verantwortung. Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf, weil mir noch eine ungeklärte Frage eingefallen war. Als Richter in einem Dreiergremium wird die Verantwortung von mehreren getragen und lastet nicht nur auf den eigenen Schultern. Deshalb schlafe ich heute besser.

Viktor Egloff ist seit 2014 Oberrichter in Aarau. Er vertritt die Partei der Grünliberalen und ist für das Versicherungsgericht sowie für das Strafgericht zuständig. Davor hatte er eine eigene Anwaltskanzlei.

Bildurheber: zVg