Auf die letzte Klimademo – ja, wegen der Seuche vermutlich wirklich die vorerst letzte – habe ich meine Zimmerpflanze mitgenommen. Eine Venusfliegenfalle, die haben nicht nur den absurdesten Warum-heisst-eigentlich-kein-Superbösewicht-so-Namen. Die sind auch noch einfach zu pflegen und halten den Haushalt frei von Gesumme und Gesurre.

Dem hohen Vorkommen an Spinnen und Fliegen in meiner Wohnung nach zu urteilen, habe ich dem Pflänzchen mit dem Besuch auf der Klimademo wohl einen Denkanstoss gegeben. Sie ist schliesslich eine fleischfressende Pflanze, und wer sich um die Zukunft unseres Planeten sorgt, sollte das Fleisch möglichst von seinem Speiseplan streichen. Denn die karnivore Industrie kann mit gutem Recht als Mitverursacher des Treibhauseffekts gesehen werden. Was soll nun also die fleischfressende Pflanze machen, wenn sie von nun an des Klimas wegen aufs Fleischessen verzichten will?

Erstmal wird das natürlich schwierig: Die Diskussionen beim Familienessen, wenn es Insektenburger gibt, sind vorprogrammiert. Ausserdem ist der Verzicht auf Fleisch umso schwieriger, wenn die Alternative der Kannibalismus ist. Eine vegetarische Venusfliegenfalle müsste ja zwangsläufig auch mehr Gemüse und Obst auf dem Teller haben – Pflanzen, Artgenossen also. Kannibalismus ist zwar immer ein wertvoller Beitrag gegen die Überbevölkerung jeder Spezies und die Speerspitze eines „Survival of the fittest“. Aber gesellschaftlich werden Kannibal*innen doch ziemlich verpönt, ein bisschen freaky ist das ja schon. Verständlicherweise will die Venusfliegenfalle nicht diese Rolle einnehmen. Wer aber weder Fleisch noch Pflanzen essen kann, dem bleibt nun wirklich nicht viel übrig – wenn auch jede*r Veganer*in hier vehement widersprechen würde, weil Veganer*innen doch immer noch ein essbares Ass im Ärmel haben.

Meine Venusfliegenfalle wusste auch nicht weiter, also hörte sie einfach ganz mit Essen auf. Statt Skolstreijk betrieb sie Hungerstreik für das Klima, weigerte sich sogar, gegossen zu werden (denkt auch wer an den Wasserverbrauch?). Irgendwann dann war sie so ausgemergelt, dass sie sogar den Märtyrertod einer Klimaschützerin sterben wollte: Suizid, um der Umwelt nicht zur Last zu fallen. Glücklicherweise fiel mir dann aber doch noch ein Weg ein, mein Pflänzchen vor dem Freitod zu bewahren.

Ich erinnerte die Venusfliegenfalle nämlich daran, dass sie sich gar keine Sorgen um ihren ökologischen Fussabdruck machen müsse. Als Pflanze sorgt sie schliesslich nicht für mehr, sondern weniger CO2 in der Luft. Denn selbst wenn sie auf jeglichen anderen Verzehr verzichtet, verspeist eine Pflanze weiterhin CO2 und wandelt es mittels Photosynthese in Frischluft um. Durch diesen Beitrag zum Klimaschutz kann sich jede Venusfliegenfalle beruhigt zurücklehnen und weiterhin Fleisch fressen – die Natur kümmert sich schliesslich um die körpereigene CO2-Kompensation. Mein grüner Liebling war erleichtert, reingewaschen von jeglicher Schuld konnte er sich sofort über die Spinnweben, die sich auf meiner Fensterbank breitmachten, hermachen. Seitdem isst meine fleischfressende Pflanze wieder Fleisch. Die Eltern hatten wohl recht: Das mit diesem Vegan ist anscheinend doch nur eine Phase.

 

Bildurheberin: Unsplash / Kelly Sikkema

David Rutschmann

David Rutschmann

Autor, Kolumnist

Ich schreibe die Kolumne, für mehr hat es nicht gereicht. Der Brainstorm-Lohn finanziert meinen nächsten Bar-Besuch. Auf Kritik bitte verzichten, damit kann ich nicht umgehen.