«Kolumbien? Viel zu gefährlich!», warnten mich viele vor meiner Reise durch das südamerikanische Land. In Erinnerung bleiben nach vier Wochen aber nicht wie von allen befürchtet Drogen und Gewalt, sondern die eindrucksvolle Geschichte, die wunderschöne Natur und vor allem herzliche Menschen.

Bombenexplosionen vor Regierungsgebäuden, Exekutionen von Politikern und alltägliche Korruption: Dieses Bild bekamen in den 80er- und 90er-Jahren viele Menschen vor dem Fernseher, wenn in den Nachrichten über Kolumbien berichtet wurde. Im südamerikanischen Land herrschte damals ein gnadenloser Krieg, in dem die Drogenbosse unangenehme Politiker und sich teilweise gegenseitig bis zum Tod bekämpften. Die Folge waren blutige Zustände in den Strassen, die sich erst 1993 nach dem Tod des grössten kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar langsam wieder legten.

Deshalb kennen bis heute viele ältere Menschen Kolumbien einzig als Drogenstaat mit Korruption und Gewalt. Und durch die Netflix-Serie Narcos ist auch jüngeren Generationen die konfliktbelastete Vergangenheit ein Begriff. Doch wie geht das Land heute mit seinem Erbe um, bald 25 Jahre nach dem Tod von «El Patrón», wie vor allem Bewohner der Armenviertel den einstigen Drogenboss noch heute nennen? Dies versuchte ich während meiner Reise herauszufinden – und habe mich regelrecht in das Land verliebt.


Das Gepäck fliegt nie mit

Nach dem Umsteigen in der Hauptstadt Bogota treffe ich müde und deutlich verspätet um ein Uhr morgens in Cartagena ein. Wie sich jedoch schnell herausstellt, hat es ein Teil des Gepäcks nicht bis dahin geschafft. Das sei bei Flügen über Bogota aber völlig normal, versichert mir daraufhin mein Bruder Silas. Er lebt für ein halbes Jahr in Cartagena und arbeitet dort in einer sozialen Einrichtung. Nun tourt er erst einmal mit mir durch Kolumbien.

Der Strand von Cartagena an der Karibikküste.

Nach einigen Tagen am Strand und Flanieren in der ehemaligen Kolonialstadt geht es am frühen Abend per Fernbus vier Stunden in Richtung Osten nach Santa Marta. Die Fahrt dauert jedoch statt vier Stunden beinahe doppelt so lange und wir sind bis nach Mitternacht unterwegs. «Pero es normal en Colombia, no?» wird schon nach wenigen Tagen unser Running Gag. Immerhin konnten wir – abgesehen von einer etwas unangenehmen Leibesvisitation durch jedem Einheimischen unbekannte Truppen in Militäruniform – im Bus schlafen.

Unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden dann einzig die Inhaber unserer vorgängig gebuchten Herberge, Leo und Lina, um zwei Uhr in der Früh. Einen halben Tag und einen redseligen kleinen Bruder mit fliessendem Spanisch später hatten sie uns aber bereits in ihr Herz geschlossen. Weniger lustig fanden sie aber die Geschichte mit der Leibesvisitation: Leo und Lina meinten zuerst, es seien FARC-Rebellen auf der Suche nach Touristen zum Kidnappen gewesen. Erst später merkten sie, dass es wohl doch das normale Militär gewesen sein musste.

Dieses versuche Kolumbien vor illegalen Immigranten aus Venezuela zu schützen, dessen Grenze nur wenige Stunden entfernt ist, erzählt Leo. Denn während Kolumbien in den letzten Jahren aufgeblüht ist, geht Venezuela als erdölreichstes Land der Welt durch die Misswirtschaft der sozialistischen Regierung den Bach runter. Wer kann, wandert in Nachbarländer wie Kolumbien aus. Für Venezuelas Staatspräsident Nicolás Maduro haben die Menschen Kolumbiens nicht viel übrig: Verachtend nennen sie ihn hier Maburro – frei übersetzt: Esel.

Ein malerischer Morgen an der Playa Blanca.


Im Land herrscht falscher Frieden

Kolumbien hat aber nicht nur mit dem Nachbarland Venezuela Probleme, sondern auch innenpolitisch. Während über fünfzig Jahren terrorisierte die Rebellengruppe FARC die Bevölkerung, entführte und tötete Menschen. Ende 2016 unterzeichneten die Regierung und die Rebellenführer schliesslich einen Friedensvertrag. Doch die Kolumbianer lehnten den «Frieden auf Papier» in einer Volksabstimmung ab. Die Regierung ignorierte dieses Votum und setzte den umstrittenen Vertrag trotzdem in Kraft. Das passt auch Hostelinhaber Leo, der selber in Santa Marta politisch aktiv ist, ganz und gar nicht: «Die Rebellen haben uns jahrzehntelang terrorisiert und jetzt lässt man sie einfach laufen. Pablo Escobar hingegen haben sie bis zum bitteren Ende verfolgt.»

Der Weg zur Ciudad Perdida führt von der Nordküste durch dichten Dschungel.

Doch Frieden herrscht im Land trotz Vertrag bis heute nicht überall. Wie Leo weiter erzählt, hätten sich viele Splittergruppen von der ehemaligen FARC abgesondert und trieben im ganzen Land ihr Unwesen. Sie würden auch reiche Kolumbianer und Touristen entführen. Als Beispiel sei die «Polizeikontrolle» während der Busfahrt nach Santa Marta erwähnt… Dass diese Befürchtung nicht ganz abwegig ist, zeigte sich einige Tage später, als wir im Dschungel auf einer Trekkingtour waren. An unserem Ziel, einer im Urwald versunkenen indigenen Stadt, wartete eine Einheit der kolumbianischen Armee und bewachte das Areal mit Maschinengewehren. Dies soll Entführungen von Touristen verhindern, wie es bereits einmal im Jahr 2004 am helllichten Tag geschehen war.

 

Bildurheber: Dominic Bleisch