Zu Zehntausenden strömten die Frauen am 14. Juni auf die Strassen. Wild bemalt oder ganz alltäglich: Lauthals protestierten sie für Gleichberechtigung und Fortschritt.

Ob es denn überhaupt einen Frauenstreik brauche in der Schweiz, fragten sich die einen. Über 500’000 Teilnehmende sind die Antwort. Die Strassen vieler Schweizer Orte füllten sich am vergangenen Freitag mit glücklichen Gesichtern, kreativen Plakaten und ganz viel Violett.

Respekt statt Diskriminierung

Hinter all dem verbergen sich ernste Themen. Mehr Gleichberechtigung fordern sie wie faire Löhne, Unterstützung bei der Kinderbetreuung, Vaterschaftsurlaub, Anerkennung der Aufenthaltsbewilligungen von Flüchtlingsfrauen aus unterdrückten Ländern, gleiche Karrierechancen – Respekt statt Diskriminierung. In diesem Sinne waren auch besonders von Sexismus betroffene Gruppen wie Lesben, Intersexuelle, non-Binäre und Transpersonen explizit zum Mitstreiken aufgefordert, was durch die offizielle Bezeichnung «Frauen*streik» zum Ausdruck gebracht wurde.

Dass 2019 noch gegen Sexismus demonstriert werden muss, ist eigentlich eine traurige Tatsache. Gelöst wurde das mit Humor. Auf Transparenten trugen die Teilnehmerinnen Sprüche wie «lieber gleich berechtigt als später» oder bastelten etwa eine zwei Meter grosse Klitoris. Viele sangen oder skandierten Sprechchöre – «No women, no news» hiess es zum Beispiel von den Frauen der Medienbranche. Blickte frau sich um, war sie umgeben von Weiblichkeit jeden Alters und jeder Art und Weise. Hinter jeder starken Frau stand eine weitere starke Frau.

Wenn Frau will, steht alles still

1991 war der letzte Frauenstreik der Schweiz, welcher einiges auslöste. In den vergangenen 28 Jahren haben sich Umstände verbessert, wie das Gleichstellungsgesetz im Jahr 1996, Sanktionierung von Gewalthandlungen in der Ehe ab 2004 oder neue Strafbestimmungen gegen Genitalverstümmlung ab 2012 zeigen. Ob der diesjährige Streik auch solche Folgen haben wird, ist unklar. Hohe Wellen hat er aber bestimmt schon geschlagen. Sogar chilenische Zeitungen haben vom schweizerischen Frauenstreik berichtet. Das mediale Interesse war weltweit riesig. Doch was bedeutete der Tag denen, die sich damit eine Stimme verschafften? Brainstorm-Redaktorinnen geben Auskunft, warum sie auf die Strasse gingen.

«Die Gleichstellung ist noch nicht erreicht»

«Dass wir 38 Jahre nach der Verankerung der Geschlechtergleichheit in der Verfassung noch keine Lohngleichheit erreicht haben, wäre Grund genug für einen Frauen*streik. Dazu kommen aber noch dutzende andere Anliegen wie gleiche Karrierechancen, Repräsentation in den Medien, Vaterschaftsurlaub und die Bekämpfung sexualisierter Gewalt. Gemeinsam mit mir haben 160’000 Frauen – und Männer – in Zürich und nochmals Abertausende mehr in der übrigen Schweiz gesagt, gezeigt, gerufen: Die Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Und wir werden kämpfen, bis das der Fall ist.» – Valérie Jost

«Die Thematik ist auf dem Land angekommen»

«Ich war überwältigt davon, wie viele Frauen sich dem Streik in Langenthal angeschlossen haben.  Die Thematik ist vor allem aus einem Grund auf dem Land angekommen: Die fehlende Gleichberechtigung von Bäuerinnen gegenüber Bauern. Die Frauen verdienen im Gegensatz zu den Männern keinen eigenen Lohn und gelten als erwerbslos, obwohl sie ihr ganzes Leben lang arbeiten. Dagegen beginnen sich die Frauen nun zu wehren. Der Frauenstreik in Langenthal hat mir Hoffnung gegeben, dass die Sensibilisierung in punkto Gleichberechtigung nun auch in den konservativeren Gegenden grösser wird.» – Silvia Staub

The future is equal

Offensichtlich sind wir noch lange nicht am Ziel. Bis Gleichstellung besteht, muss noch einiges geschehen. Laut dem diesjährigen UN Gender Gap Report wird es im aktuellen Tempo weltweit in 108 Jahren Gleichstellung geben. In der Schweiz wäre es in rund 60 Jahren soweit. Deshalb liegt es an uns, Forderungen zu stellen und Initiative zu ergreifen, damit nicht in 28 Jahren der nächste Streik dieselben Forderungen stellen muss. Auf die Strasse zu gehen ist das eine. Aber sich im Alltag aktiv zu engagieren – das braucht Mut und Überzeugung. Es beginnt schon mit kleinen Sachen. Einander mit Respekt behandeln, Klischees ersetzen, Alltagssexismus nicht einfach akzeptieren, mehr weibliche Vorbilder zeigen und vor allem sich trauen, sich selber zu sein. Am 14. Juni 2019 haben Zehntausende sich füreinander und miteinander eingesetzt. Es mag ein symbolischer Schritt sein, doch es ist ein wichtiger Schritt hin zu einem gerechteren Morgen.

Bildurheber: Emma-Louise Steiner, Rachel Fassbind