Im Mai hat die 5. Persönlichkeitstagung stattgefunden. Was bedeuten Werte und Wertewandel für die Hochschule? Das galt es dieses Mal herauszufinden.

Also los: Ein kleiner Erlebnisbericht von der fünften Persönlichkeitstagung. Für die, welche den Anlass nicht kennen: Die Persönlichkeitstagung ist ein Event der ZHAW, der einmal jährlich stattfindet und bei der über ein im Vorhinein ausgewähltes Thema referiert und diskutiert wird. Dieses Jahr stand das Thema «Werte/Wertewandel/Werte mitgestalten» auf dem Programm. Referate hielten der Bildungsspezialist Jürgen Oelkers, die Soziologin Miriam Engelhardt sowie Elena Wilhelm, Leiterin der Hochschulentwicklung. Eines vorweg: Die Referate waren durchs Band unterhaltsam und anregend. Folgendes haben die Referentinnen und Referenten gesagt:

Jürgen Oelkers

Jürgen Oelkers

Kernaussage des Referats:

Alle Professoren finden ihren Unterricht gut
nur nicht Peter,
den interessieren die Evaluationsbarometer

Der emeritierte, viel beachtete Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich zeigte auf, inwiefern kein Studium neutral ist, sprich: Jeder Studiengang ist mit gewissen Werten und Normen verbunden. Studierende erleben ihre Hochschule über die Lehre, also über den Unterricht. Oelkers zeigte den Widerspruch auf zwischen Leitbildern und Realität: Nahezu jede Hochschule auf der ganzen Welt brüstet sich damit, die Unterrichtsqualität hochzuhalten, doch tatsächlich interessieren sich viele Professoren einen feuchten Scheibenwischer für die ebendiese. Kritik unter Kollegen ist verpönt, Kritik von aussen wird belächelt und Kritik von innen verdrängt. Ganz nach dem guten alten Professoren-Dreisatz: Das haben wir immer so gemacht, das haben wir noch nie gemacht und da könnte ja jeder kommen! Das Referat wurde mit der Bitte beendet, die Angebote der Fortbildung in der Lehre zu nutzen, damit die Unterrichtsqualität auch das einhält, was sie in den Leitsätzen der Fachhochschulen verspricht.

Miriam Engelhardt

Miriam Engelhardt

Kernaussage des Referats:

Hey gömmer ad Bruefmäss isch voll chillig und bringt voll vill aber chum bitte mit, wett ned allei ga schriebemer na Whatsapp Kuss Brudi Love <3

Die Soziologin und Jugendforscherin Miriam Engelhardt zeigte in ihrem Referat auf, wie die heutige Generation Y (Das Y steht für die Frage «Why?») tickt: Schnell und flexibel, sich jederzeit der Situation anpassend und das Maximum rausholend. Die Mitglieder der Netzwerk-Generation sind zwischen 15 und 35 Jahre alt, haben eine grenzenlose Auswahl an Möglichkeiten, schwirren darum auch verloren in der Stratosphäre umher, und orientiert sich an traditionellen Werten: Familie, Haus, Garten. Die Verlorenheit in der weiten Welt für zu einem permanenten Andockdrang: Virtuelle Dauerpräsenz wird als Mittel gegen die Einsamkeit verwendet. Die Leitfrage der Generation Y lautet: «Was bringt’s mir?» Demzufolge steigt auch der Druck für die Professoren: Der Unterricht soll praxisrelevant, effektiv und sinnhaft zugleich sein (und dies erst noch bei minimalem Zeitaufwand). Das Referat wurde mit der Bitte beendet, mehr auf die Generation Y einzugehen.

Elena Wilhelm

Elena Wilhelm

Kernaussage des Referats:

Die Wertediskussion muss auf institutioneller Ebene geführt werden!

Die Leiterin der ZHAW-Hochschulentwicklung, Elena Wilhelm, zeigte in ihrem Vortrag auf, wie die Wissenschaft von gewissen Gruppen als eine Art (Ersatz-)Religion hochstilisiert wird und räumte gleich mit mehreren Mythen auf:

Mythos 1: Geistes- und Sozialwissenschaften sind «Selbstverwirklichungsfächer» und produzieren massenhaft Arbeitslose.

Fakt ist, dass die Erwerbslosenquote bei den Naturwissenschaften fünf Jahre nach Berufseinmündung höher ist als bei den Geistes- und Sozialwissenschaften

Mythos 2: Der Fachkräftemangel ist bei den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) besonders gross.

Fakt ist, dass der Fachkräftemangel im MINT-Bereich erst an achter Stelle kommt. Was es wirklich braucht, sind GWES-Fächer: Gesundheit, Wirtschaft, Erziehung und Soziales. Dort herrscht ein grosser Fachkräftemangel (vor allem im Gesundheitsbereich).

Mythos 3: Wissenschaftlich-technologische Innovationen stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum.

Fakt ist, dass dieser Fakt unter den Volkswirtschaftlern etwa so umstritten ist, wie die Frage nach dem Huhn oder dem Ei. Ein direkter Zusammenhang kann niemand beweisen, aber auch niemand widerlegen. Und wie nennt man das in der Wissenschaft? Genau, eine These. Und erst noch eine These, die auf ganz wackligen Beinen steht.

Elena Wilhelm führte aus, dass – anstatt die Wissenschaft auf ein religiöses Podest zu stellen – die Sinnlosigkeit des Lebens als Befreiung genutzt werden soll, und zwar schöpferisch. Am besten mit einem zweiten Schub Aufklärung. Dies soll über eine Wertediskussion erfolgen: Inwiefern ist die Wissenschaft wertegebunden? Welchen Stellenwert haben ethische Fragen? Soll Wissenschaft Werte vermitteln? Ihre Meinung wurde unterlegt durch eine Aussage vom Biologen Hans Mohr, welcher sagt, dass gute Wissenschaft unpolitisch sein muss, damit sie ein Problem lösen kann. Durch Beispiele aus der Nazizeit wurde aufgezeigt, warum die Wissenschaft autonom, aber nicht autark sein soll: Die Wissenschaft trägt eine Verantwortung und ist darum ethisch nicht neutral. Somit soll auch eine vollständige Transparenz herrschen, was Forschungsgelder anbelangt (was in der Schweiz nicht der Fall ist). Das Referat wurde mit der Aufforderung beendet, mehr Aufmerksamkeit den Institutionen zu schenken, um eine institutionelle Wende einzuläuten.

Workshop

Workshop

Nach den Referaten gab es noch Gelegenheit für interdisziplinären Austausch (Uni-Marketing für Klatsch und Tratsch) sowie mehrere Workshops, welche an die Referate anschlossen. Die Tagung fand ihren Abschluss mit einem Apéro. Natürlich nicht ohne die obligatorische Aushändigung eines Blattes für die Nachbefragung. Wissenschaft bleibt schliesslich Wissenschaft.