Wer sich in seinem Alltag nicht verwirklichen kann, zieht oft lieber ein Alternativ-Los am Kiosk, als eine aktive Veränderung anzustreben. Aber auch heute gibt es noch Menschen, die alles an den Nagel hängen, um nicht da stehen zu bleiben, wo der Zufall sie hinstösst. Wie sieht das Leben solcher Alternativen aus und wie frei sind sie wirklich?

Als Kind war ich versessen auf die Abenteuergeschichten von Huckleberry Finn, Robinson Crusoe und Captain Nemo. Wenn man dann vom Buch auf die Realität sieht, kann man schon etwas enttäuscht werden. Viele Verpflichtungen diktieren den Alltag: Die Arbeit, Rechnungen, Beziehungen. Der moderne Mensch ist im Stress. Die Routine, mit der er versucht, Ordnung in das Chaos zu bringen, ist nicht gerade aufregend. Aber was ist die Alternative?

Kasachstan: Oft bergen die am wenigsten bereisten Orte die eindrücklichsten Erlebnisse.

Actionreich, high und ein bisschen miefig

Über die Jahre sind viele Kommunen um den Globus entstanden, die normative Werte in Frage stellen und neue Konzepte ausprobieren. Auroville in Indien z.B. lehnt Geld ab und Acrosanti in Amerika experimentierte mit dem Konzept einer Stadtutopie. Auch in Europa gab es solche Bewegungen. Von Hausbesetzern, bis hin zu echten Hippiekommunen: die Freistadt Christiania scheint ein Stückchen Erde zu sein, das aufzeigt, wie die Welt heute aussehen könnte, wenn die 70er-Jahre nie vergangen wären. Als ich vor einiger Zeit etwas planlos umhertrampte, landete ich in solch einer Kommune. Der Hippie, den ich anfangs aufgrund der Länge seiner Rastas irrtümlicherweise für den Häuptling hielt, konfrontierte mich bei meinem Aufnahmeritual mit der Frage: «What is your purpose in life?»

Oft sind es genau diese banalen Fragen, die am schwierigsten zu beantworten sind.

Leben von der Verschwendung anderer

Gibt es tatsächlich Leute, die eine befriedigende Antwort darauf finden? William, ein gelernter Geigenbauer, der oft in der Werkstatt an einigen unförmigen Holzscheiten herumhobelte, schien recht nahe dran zu sein. Nachdem er seine Ausbildung abgeschlossen hatte, beschloss er, nach Christiania zu ziehen und dort seinen wahren Passionen nachzugehen. Hier kann jeder tun und lassen, was er will. Das Essen für die ganze Kommune wird aus Supermarkt-Containern gefischt, Trinkwasser wird jeden Abend von der Tankstelle nebenan abgezapft, der Schrottplatz gegenüber dient als Baumarkt, die selbst gebauten Hausboote auf dem Kanal liegen in einer legalen Grauzone, weswegen keine Anlegegebühren gezahlt werden müssen, und wer duschen will, fährt mit einem der «upcycelten» Fahrräder zur Kletterhalle und schleicht sich dort kurz in die Umkleidekabine rein.

Containern für die Kommune in Kopenhagen. Einfach, gratis und verlässlich.

Ein solch alternativer Lebensstil kann nur innerhalb einer Wegwerfgesellschaft existieren, was auch keiner der selbsternannten Hippies bestreitet. Ohne abgelaufene Lebensmittel und Fahrräder, die wegen eines defekten Reifens entsorgt werden, könnten sie hier nämlich nicht so leben. Trotzdem sehen sie sich nicht auf das System angewiesen. Freiheit ist für sie ein konstanter Zustand der Rebellion. In Christiania fällt es leicht, sich Sisyphus glücklich vorzustellen.

Zu Hause, wo der Rucksack steht

Aber das Kommunenleben ist nicht jedermanns Sache. Viele Vagabunden ziehen von Ort zu Ort, von Job zu Job und denken nicht einmal daran, sich niederzulassen. Frei im Denken, frei im Handeln. Einer dieser Freigeister ist Alice Roux. Die Französin angelt sich seit einigen Jahren von Job zu Job und scheint dabei «interessanteste-Berufe-der-Welt-Bingo» zu spielen. Alpakahirtin in Alaska, Festivalcrewmitglied in Spanien, Handwerkerin in einer kreativen Werkstatt im Ghetto Malaysias: die Liste ist lang. All diese Berufserfahrung führte sie aber zu einer eher konterintuitiven Einsicht: «Ich weiss gar nicht, ob ich freier bin. Ich habe realisiert, dass frei sein nicht heisst, dorthin zu gehen, wo und wann man will. Es ist etwas in den eigenen Gedanken, dass die eigene Kapazität limitiert, das zu tun, was man will.» Frei sein bedeute für sie, Ängste loszuwerden.

Die Zeit mit den Alpakahirten in Alaska lehrte Alice, einen Schritt zurück zu machen und den Ausblick zu geniessen.

Nirgends lange bleiben, ständig unterwegs sein und immer neue Dinge lernen: Das ist der Lebensstil, den Alice für sich gewählt hat. Im Moment ist ihr Zuhause da, wo sie den Rucksack abgestellt hat. Sie kann sich aber gut vorstellen, eines Tages sesshaft zu werden, wieder einen echten Job zu haben und die Hängematte auf der Terrasse statt zwischen zwei Palmen zu spannen. «Ich vermisse schon ein paar Dinge. Zum Beispiel an einem Ort zu wohnen, wo ich Freunde einladen kann. Und ich vermisse es, langzeitige Freundschaften zu haben.»

Für Alice ist das Reisen eine Schule. Es habe ihr aufgezeigt, wie sehr sie von ihrer Kultur, Familie und dem Zeitgeist, beeinflusst wird. «Die Konsumgesellschaft, die unsere Zeit nicht wertschätzt, verlangt von uns, nach einem nicht existenten Ideal zu suchen, anstatt das zu geniessen, was wir um uns herum haben. Wer keine Pläne hat und keine Erwartungen an die Zukunft stellt, für den werden sich viele Türen öffnen.» Sie meint, wer sich zu beschäftigten wisse und aktiv sei, werde es nicht nötig haben, immer dieselben alten Geschichten auf einer Couch oder einem Barhocker auszutauschen.

Stigma und Alter

Aber mal ehrlich, so in der Weltgeschichte herumbummeln kann man ja, wenn man noch jung und knackig ist, aber irgendwann holt einen doch der Ernst des Lebens ein. Sonia Friel ist da anderer Meinung. Im Regenwald Bruneis aufgewachsen, erlebte sie einen eher unkonventionellen Kulturschock, als sie für die Schule nach England zog und zum ersten Mal einen geregelten Alltag führte. Bald stellte sie fest, dass dieses Leben nichts für sie ist und machte sich nach der Uni auf in die Ungewissheit. Im Moment jobbt sie gerade in Japan von Insel zu Insel und hat kein Bedürfnis, mal irgendwo länger zu bleiben. «Ich bin in verschiedenen Ländern aufgewachsen und viel gereist als Kind. Es fühlt sich für mich wie die Rückkehr zu einem normalen Lebensstil an», meint Sonia.

Entspannt und stressfrei. Sonia macht sich über ihre Zukunft keine Sorgen.

Die englische Übersetzung für Aussteiger ist Social Dropout. Die 34-Jährige findet den Begriff aber eher unpassend. «Für mich klingt ‚Dropout’ nach Versagen, und wenn überhaupt dann bin ich jetzt sozial engagierter als zuvor.» Aber ob engagiert oder nicht, der soziale Druck, sich in ihrem Alter niederzulassen, wächst stetig. Das bedeutet zu heiraten, eine Familie zu gründen, ein Haus zu kaufen und fest an einem Ort verwurzelt zu sein. Gerade Frauen, für die es nach dem fünfunddreissigsten Lebensjahr schwerer wird Kinder zu zeugen, sind ihrer Meinung nach besonders davon betroffen. Dabei ist sie sehr zufrieden mit ihrem Leben. «Ich habe mein Hab und Gut auf die essenziellen Bestandteile reduziert, was es einfacher macht, Ordnung zu halten. Das vorweggenommen ist es genau die Unordnung und Zufälligkeit, die so spannend ist und zu neuen Erfahrungen führt.»

Bedeutungswandel des Reisens

Jean-Pierre ist ein 50-jähriger gelernter Chef de Cuisine aus Frankreich. Seit 30 Jahren hat er keinen festen Wohnort mehr und reist stattdessen in der Weltgeschichte herum, nur um dann zu arbeiten, wann er gerade Lust hat. «Ich würde allen raten, die gleiche Reise zu machen, denn es ist vor allem eine innere Reise.» Gut gelaunt meint er, dass er mehr Ruhe und Zen in seinem Alltag habe, seit er ausgestiegen ist. Persönlich findet er nicht, dass er ungewöhnlich lebt, aber er fühlt sich doch freier als zu Zeiten, in denen er noch einen festen Beruf hatte. Jean-Pierre sieht vor allem die Konsumgesellschaft und die Globalisierung kritisch. «Viele sagen, sie hätten Vietnam oder Kroatien bereist, als ob sie Trophäen auf einem Jagdbrett ausstellen würden. Aber während sie eine oder zwei Wochen in einem Hotelklub verbringen, lernen sie nichts über das Land.» Reiseveranstalter bieten laut Jean-Pierre Traumziele an, die dank dem folgenden Massentourismus ihre Traumhaftigkeit verloren haben. Er meint, wir haben vergessen, um was es beim Reisen wirklich gehen sollte. Früher war das Reisen noch langsam. Wer heute reist, will in der kurzen Zeit, die er zur Verfügung hat, viel sehen und erleben. Da kann man es sich schliesslich nicht leisten, planlos umherzuirren.

Jean-Pierre ist die Ruhe in Person.

Frei oder nicht?

Schon Sartre schrieb in seinem Buch «L’existentialisme est un humanisme»: «Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. (…) Ehe Sie leben, ist das Leben nichts; es liegt bei Ihnen, ihm einen Sinn zu verleihen, und der Wert ist nichts anderes als der Sinn, den Sie wählen.» Der Aussteiger definiert sich nicht durch das Leben ausserhalb des Systems. So etwas ist heute ohnehin nur noch möglich, wenn man in den Dschungel unter einen grossen Stein zieht. Der Aussteiger verweigert aber aktiv gewisse Aspekte des modernen Lebens. Ein Dilemma entsteht. Wer sich die Freiheit nimmt, auszusteigen, muss zwingend gewisse Freiheiten aufgeben, die beispielsweise das Leben als Konsument mit sich bringen. Wer ist also freier? Eine abschliessende Antwort lässt sich nur schwer finden. Denn das Gras wird vermutlich immer grüner sein auf der anderen Seite. Besonders wenn die andere Seite in Christiania liegt.

Bildurheber: Alice Roux / Sacha Schwarz / Sonia Friel / Jean-Pierre Lefebvre