Debesay Ghilay ist mit 25 Jahren aus seinem Heimatland Eritrea geflüchtet. Grund dafür waren die dort herrschende Politik, sowie der Militärdienst und die fehlenden Bildungsmöglichkeiten. Heute, drei Jahre später, lebt er in Wettingen und arbeitet bei der Stiftung Wendepunkt. Auch wenn er in der Schweiz mehr Freiheiten geniessen darf, sind die Schwierigkeiten noch nicht vorüber.


Weshalb sind Sie aus Ihrem Heimatland geflüchtet?

Ich habe Eritrea wegen der dort herrschenden Diktatur verlassen. Man hat keine Freiheiten. Die Politik sagt einem, was man zu tun hat. Ich war in Eritrea ursprünglich Bäcker, musste dann aber den Militärdienst für ungewisse Zeit antreten. Als Soldat habe ich Grenzen bewacht und musste strenge physische Arbeit über mich ergehen lassen. Man ist ständig unterwegs mit viel Gepäck und schläft kaum. Die Familie sieht man zum Teil jahrelang nicht. Es gibt auch keine Möglichkeiten, zu studieren.


Wie lief ihre Flucht aus Eritrea ab?

Ich habe Eritrea am 1. Januar 2015 verlassen. Zuerst habe ich vier Monate im Sudan verbracht. Danach bin ich mit dem Auto weiter bis an die Küste von Libyen. Mit dem Schiff ging es dann nach Italien. Von dort bin ich dann direkt in die Schweiz gekommen. Am 17. August 2015 bin ich in Chiasso eingetroffen.

 

Wie hat ihr Leben in der Schweiz begonnen?

Als erstes kam ich in ein Asylheim in Chiasso, danach boten mir weitere Asylheime in Aarau, Wohlen und Laufenburg ein Dach über dem Kopf. Seit ich die Aufenthaltsbewilligung F habe, wohne ich mit acht weiteren Personen in einer Wohngemeinschaft (WG) in Wettingen.

 

Gefällt es Ihnen in Ihrer WG?

Ja und nein. Ich habe in der WG einen guten Freund, der ebenfalls aus Eritrea kommt. Manchmal Essen wir alle gemeinsam. Mit den meisten Mitbewohnern habe ich jedoch keinen grossen Kontakt. Auch gibt es ein paar kleine Probleme mit dem Vermieter. In meinem Vertrag steht, dass er sich um die Reinigung der Wohnung kümmert. Meistens muss ich das jedoch selber machen, weil es einfach nicht sauber ist.

 

Welcher Tätigkeit gehen Sie aktuell nach?

Zurzeit arbeite ich bei der Stiftung Wendepunkt in Wettingen. Dort lerne ich verschiedene Berufsfelder kennen. Ich habe zum Beispiel vier Monate im Lager und zwei Monate in der Küche gearbeitet. Nebenbei besuche ich obligatorische sowie freiwillige Deutschkurse. Ich möchte einen richtigen Job finden. Gerne würde ich wieder als Bäcker arbeiten, ich kann mir jedoch auch andere Jobs in der Küche oder in der Reinigung vorstellen.

 

Welche Freiheiten haben Sie in der Schweiz, welche Sie im Heimatland nicht hatten?

«In Eritrea wurde die einzige Universität vom Diktator verboten.»

Hier gibt es sehr gute Bildungsangebote. In Eritrea wurde die einzige Universität in Eritrea vom Diktator verboten. Deshalb schätze ich die Angebote und Kurse in der Schweiz sehr. Ich bewundere hier auch die öffentlichen Verkehrsmittel. In Eritrea gibt es nur noch Busse, der Zug und das Tram wurden ebenfalls verboten. Hier in der Schweiz kommt man immer von einem Ort zum anderen.

 

Was fehlt Ihnen in der Schweiz?

Am meisten vermisse ich natürlich meine Familie und meine Frau. Ich vermisse aber auch das warme Wetter und die frischen Lebensmittel. Das abwechslungsreiche Wetter in der Schweiz macht mir manchmal zu schaffen. In Eritrea ist es immer viel wärmer und sonniger. In meinem Land kaufen wir alle Lebensmittel frisch auf dem Markt. Hier in der Schweiz sind die meisten Lebensmittel durch lange Transportwege nicht mehr so frisch, wie ich es gewohnt bin.

 

Was ist die grösste Schwierigkeit in der Schweiz?

Das Schwerste für mich ist ganz klar die Sprache. In Eritrea sprechen wir Tigrinya und haben sogar ein anderes Alphabet. Auch nach über drei Jahren kann ich noch nicht so gut Deutsch und möchte die Schrift und Sprache unbedingt noch besser lernen.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?$

«Ich möchte in der Schweiz bleiben, einen richtigen Job finden und ein gutes Leben führen.»

Ich möchte in der Schweiz bleiben, einen richtigen Job finden und ein gutes Leben führen. Eine eigene Wohnung würde mir auch gefallen. Am liebsten möchte ich meine Frau in die Schweiz holen. Sobald ich genügend Geld beisammenhabe, werde ich das auch tun. Zurzeit können wir uns leider nicht sehen, da ich mit der Aufenthaltsbewilligung F nicht nach Eritrea darf. Ich könnte meine Frau auch im Sudan treffen, leider reicht dafür das Geld nicht aus. Momentan können wir nur einmal pro Monat telefonieren, da es in Eritrea kein Internet gibt und das Telefonieren sehr teuer ist. Auch wenn ich meine Eltern gerne bei mir hätte, ist es besser, wenn sie in Eritrea bleiben. Mein Vater ist bereits 85 Jahre alt und ich denke, es wäre eine zu grosse Veränderung für die beiden.

 

Was bedeutet für Sie Freiheit?

Freiheit bedeutet für mich, wenn ich arbeiten kann und Freude daran habe. Dann kann ich genügend Geld für ein gutes Leben zusammen mit meiner Frau verdienen.

 


Eritrea liegt im Südosten des Kontinents Afrika. Das Land hat rund 5 Millionen Einwohner. Man spricht in Eritrea hauptsächlich Tigrinya und Arabisch. Die Hauptstadt ist Asmara.

Das politische System Eritreas ist eine Diktatur, befindet sich jedoch offiziell seit 1997 in einer Übergangsphase. Der Präsident Isayas Afewerki ist gleichzeitig auch Chef der Übergangsregierung. Er ist bereits Staatschef, seit Eritrea 1993 gegründet worden ist. Es ist das einzige afrikanische Land, in dem nur eine einzige Partei zugelassen ist. Es gibt weder Pressefreiheit, noch Wahlen, noch frei zugängliche Bildung.

Laut dem Länderbericht der Bildungsdirektion des Kanton Zürichs besucht nur ungefähr die Hälfte aller eritreischen Kinder die Primarschule. Mit der Zeit werden es sogar noch weniger und nur ein kleiner Bruchteil hat die Möglichkeit, tatsächlich mit einem Studium zu beginnen. Bereits in der 2. Sekundarstufe, der sogenannten «High School», erhalten die Kinder schulbegleitend eine militärische Grundausbildung. Insgesamt gehen mehr Jungen als Mädchen zur Schule: Nur rund 15% der Hochschulabsolvierenden sind Frauen.
Die Universität Asmara war die einzige Universität im ganzen Land. Sie nahm ab 2003 keine Studierenden mehr auf und wurde 2007 offiziell geschlossen. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Seither gibt es im Land verteilt insgesamt neun Hochschulen, die Colleges genannt werden. Sie zählen als Bestandteile der Universität Asmara. Die Colleges stehen unter akademischer sowie militärischer Führung. Nach ihrem Abschluss müssen die Studierenden den Nationaldienst ablegen. In dieser Zeit dienen sie als Lehrperson in verschiedenen Schulen. Das Diplom, welches nicht international anerkannt ist, erhalten die Absolvierenden erst nach Abschluss des Nationaldiensts. Wer die Aufnahmeprüfung an einem der Colleges nicht schafft, muss, egal ob Mann oder Frau, den zeitlich unbegrenzten Militärdienst aufnehmen. Dies gilt auch für Studienabbrecher.

Die Umgangsweise im eritreischen Militär ist laut dem EASO-Bericht (European Asylum Support Office) sehr problematisch. Oft sind die Soldaten der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgeliefert. Da es kein Militärgericht gibt, wählen die Vorgesetzen die Strafe nach eigenem Willen. Dies kann schon bei kleinen Vergehen bis hin zu Schlägen und Folter gehen. Die Soldaten werden oft nicht mit wettergerechten Kleidern ausgestattet, die Unterkünfte sind ebenfalls unhygienisch und halten nicht allen Witterungen stand. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten ist ungenügend. Der Sold im Militär ist sehr gering. Es lässt sich damit kaum den eigenen Lebensunterhalt finanzieren, geschweige denn eine ganze Familie. Die Soldaten werden auch für Arbeiten in der Landwirtschaft oder der Industrie eingesetzt. Manchmal benutzen die Kommandanten die Soldaten für ihre eigenen Zwecke. Die Soldaten müssen dann beispielweise den privaten Garten des Kommandanten bewirtschaften.
Frauen müssen in Eritrea denselben Militärdienst absolvieren, solange sie nicht verheiratet sind. Sie werden zwar separat von den Männern untergebracht, dennoch kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen, vor allem durch militärische Vorgesetzte.


 

Bildurheber: Milena Kälin, Google Maps