Präsident der Jungfreisinnigen Schweiz, Jungunternehmer, Masterstudent und neu auch noch Gemeinderat der Stadt ZürichAndri Silberschmidt ist das, was man als omnipräsent bezeichnen würde. Im Interview spricht der Bachelorabsolvent der School of Management and Law über Arbeit, Politik, Freizeit und über den Versuch, alles unter einen Hut zu bringen. 

Brainstorm: Präsident der Jungfreisinnigen, Gemeinderat der Stadt Zürich, nebenher noch das Studium mit Bestnoten abgeschlossen. Wie bringt man das alles unter einen Hut? 

Andri Silberschmidt: Ich versuche, mit aufgestellten Leuten zusammenzuarbeiten. Am Ende des Tages bleibt wenig Zeit für Einsamkeit und da ist es wichtig, die richtigen Leute um sich zu haben. Geteiltes Leid ist halbes Leid und so verhält es sich auch bei der Arbeit. Persönlich weiss ich nicht, wann ich das letzte Mal eine Stunde Zeit hatte, in der ich nur für mich gewesen bin. 

«Hin und wieder komme ich an meine Limits.» 

Das bringt einen doch an den Anschlag. 

Nein, aber ich kam schon hin und wieder an meine Limits. Dabei habe ich Schritt für Schritt gelernt, damit umzugehen. Für mich ist es entscheidend, sich gewisse Zugeständnisse zu machen und diese auch strikt einzuhalten. So habe ich mich entschieden, mindestens sieben Stunden pro Nacht zu schlafen und auch nicht zwingend jeden Morgen zum Sport zu gehen. 

Bleibt bei dieser grossen Belastung überhaupt noch Zeit für Freunde und Familie? 

Ja, die bleibt. Natürlich nicht in dem Umfang, den ich mir wünsche. Jedoch habe ich das Privileg, meine Arbeitskollegen auch meine Freunde nennen zu dürfen. Heute gibt es die Grenze zwischen beruflich und privat nicht mehr so wie früher und das ist gut so. Denn die Arbeit fällt um einiges leichter, wenn man sich auch als Privatpersonen versteht. Ich geniesse, was ich mache. 

Die Politik auch? 

Natürlich geniesse ich auch die. Allerdings ist Politik etwas, das ich nicht full-time machen könnte. Je bedeutender du in diesem Zirkus wirst, umso härter werden die Bandagen, mit denen gekämpft wird. Da musst du hart im Nehmen sein. Das ist auch etwas, an was ich mich erst gewöhnen muss. 

«Für mich geht es in der Politik nicht um Leben und Tod» 

Wenn man sich deine Auftritte in den Medien anschaut, wirkst du jedoch schon sehr gelassen. 

Das ist dann wohl mein Naturell, dass ich solche Sachen ziemlich relaxed nehmen kann. Für mich geht es in der Politik nicht um Leben und Tod und in meinem Leben spielen andere Dinge eine wesentlichere Rolle. Wenn sich alles nur um Politik dreht, verliert man schnell den Blick für die zentralen Dinge im Leben. Dabei interessieren sich die Leute auf der Strasse mehr für das Wetter und weniger für politische Querelen. Da den Boden unter den Füssen nicht zu verlieren, ist meiner Ansicht nach ziemlich entscheidend. 

Du sprichst es gerade an: Der Politbarometer in diesem Frühjahr zeigte deutlich auf, dass sicvor allem die Jungen nicht mehr so stark für Politik interessieren wie früher. 

Wenn man die Jungen auf der Strasse fragt: «Interessiert ihr euch für Politik?», dann denken die meisten: «Oh mein Gott, Politik.» Geht man jedoch tiefer und fragt, ob sie sich für den Klimawandel oder die Digitalisierung interessierten oder dafür, ob sie in 20 Jahren noch einen Job hätten, dann zeigen viele junge Leute grosses Interesse. Genau darin sehe ich auch die Herausforderung für uns Jungpolitiker. Wir befinden uns quasi in einem Spagat: Auf der einen Seite wollen wir die Sprache der Jungen sprechen, um diese zu repräsentieren und vor allem zu motivieren. Auf der anderen Seite bewegen wir uns in einem Umfeld, in dem mehrheitlich ältere Leute Dinge rausposaunen, welche für die heutige Jugend eher unverständlich und verwirrend wirken. Mit diesem Spagat wollen wir Jungparteien Politik übersetzen und junge Bürger vermehrt für die aktive Teilnahme an unserem System begeistern. 

«Man muss nicht im Anzug auf die Welt gekommen sein, um sich in der Politik zu engagieren.» 

Gerade den Jungfreisinnigen muss dieser Spagat enorm schwerfallen. Ist der Freisinn nicht von Haus aus die Heimat von gestandenen Wirtschaftsleuten? 

So würde ich das nicht sagen. Klar, die meisten denken bei der FDP an Wirtschaftsbosse in Anzügen und Krawatte, bei den Jungfreisinnigen ist das jedoch längst passé. Unsere Mitglieder erscheinen mittlerweile auch in Jeans und T-Shirt. Man muss also nicht im Anzug auf die Welt gekommen sein, um sich bei uns zu engagieren. Von den Themen her, so denke ich, bieten wir einen guten Mix. Gerade viele Junge haben verstanden, dass nicht nur Schwarz oder Weiss, sondern auch ein Mittelweg existiert. Dieser ist durchaus attraktiv. 

Was würdest du einem Studenten raten, der sich politisch engagieren will? 

Die meisten haben beim Gedanken an einen Parteibeitritt erst einmal eine Blockade und denken: «Oh mein Gott, was soll ich denn in einer Partei?!» Das kann ich durchaus verstehen. Parteien sind meist eher verkrustet organisiert, führende Mitglieder sind schon ewig dabei. Das wirkt eher abschreckend. Man sollte es jedoch einfach einmal ausprobieren. Es geht nicht darum, gleich zu Beginn die Welt zu verändern. Vielmehr soll man für sich herausfinden, ob es einem zusagt oder nicht, ob die gewählte Partei die richtige ist oder ob man noch weitersuchen will. Perfekt wird es nie sein, das eine oder andere wird immer stören. Da geht es dann darum zu sagen: «Ich will etwas verändern und neue Wege beschreiten.» 

«Der Moment, als wir uns zum ersten Mal unseren Angestellten Lohn ausbezahlt haben, war für mich ein überwältigendes Erlebnis.» 

Neue Wege haben du und deine Kollegen auch mit eurem Startup «Kaisin» beschritten. 

Das kann man echt so sagen. Wir waren in Thailand in den Ferien und haben Sushi-Burritos gegessen. Das war eine Offenbarung und so hatten wir die Schnapsidee, das in der Schweiz zu etablieren. Daraufhin habe ich mit einem Zürcher Wirt darüber geredet. Er hielt es für eine spannende Idee und hat uns Verkaufsfläche zur Verfügung gestellt. Weiter konnte er uns nicht helfen, da er keinerlei Erfahrung mit asiatischem Essen hatte. Auch wir drei Urheber hatten nicht den nötigen Background. Zwar verstanden wir etwas von BWL, brauchten jedoch noch einen, der ein bisschen Erfahrung im Marketing mitbringt und einen, der sich in der Gastronomie auskennt. Als das Team stand, konnten wir loslegen. Der Moment, als wir dann zum ersten Mal unseren Angestellten Lohn ausbezahlt haben, war für mich ein überwältigendes Erlebnis. Mittlerweile haben wir eine GmbH gegründet, zwei Standorte eröffnet und können mit Stolz sagen, dass es läuft.  

Am Anfang hast du in deiner Mittagspause noch selber Sushi-Burritos verkauft. 

Ja, am Anfang hatten wir drei Angestellte in der Küche und einer von uns hat die Kasse gemacht. Es war uns wichtig, dass wir das Kundenfeedback direkt bekommen und merken, was nicht gut läuft. Ich versuche auch jetzt noch fast jeden Mittag, im Kaisin zu essen. Einerseits generiert es ein wenig Umsatz, andererseits sehe ich, was so läuft, und kann mich mit den Angestellten austauschen. Diese Nähe bringt mir auch beruflich etwas. Ich kann es nicht leiden, wenn «von oben» Lösungen vorgeschlagen werden, ohne die Realität jemals selbst gesehen zu haben. 

Werden wir in Zukunft von Bundesrat Silberschmidt lesen? 

Das wurde ich schon ein paar Mal gefragt. Aber das ist ein so weiter Weg und am Schluss immer noch der Zufall, der entscheidet. Vielleicht kandidiere ich in einem Jahr für den Nationalrat. Jetzt steht aber erst einmal die Arbeit als Gemeinderat an. Ich will das wirklich ernst nehmen und gut machen. Darum lasse ich auch die Kantonsratswahlen aus. Ich finde, ich muss jetzt nicht gleich nach dem nächsten Stern greifen. In unserem Alter kann sich so schnell so vieles verändern, da mache ich keine Fünf-Jahres-Pläne. Eines nach dem anderen. 

Andri Silberschmidt wurde am 26. Februar 1994 geboren und ist in Gossau ZH aufgewachsen. Er brach nach neun Schuljahren das Wirtschaftsgymnasium ab und absolvierte anschliessend eine Banklehre. Im letzten Herbst schloss er sein Bachelorstudium an der ZHAW mit Auszeichnung ab. Zurzeit macht er im Fernstudiumden Masteran der Cass Business School in London.

Amanda Krähenbühl und Silvan Baumann 

Bildurheber: Silvan Baumann