Die Männer tragen Bart und Frack, die Frauen erscheinen mit Reifenrock und eleganten Hochsteckfrisuren. Pünktlich auf das Ende des Frühlings-Semester ist im Technikum Winterthur die Frackwoche eingeläutet worden. Was auf den ersten Blick wie eine Mischung aus Motto und Hipsterparty erscheint, hat an der Technischen Hochschule eine lange Tradition.

Es scheint als hätte sich seit 1925 nichts verändert. In jenem Jahr wurde das erste Mal mit Frack und Bart der Abschluss des Studentenlebens und der Eintritt in die Berufswelt gefeiert. Seither wird auf dem Platz vor dem alten Technikum-Gebäude eine Woche lang eine wilde Party geschmissen. Die Studenten vergnügen sich mit verschiedenen Spielen, grillieren, trinken Bier und am Abend wird an den Konzerten das Tanzbein geschwungen. «Die Frackwoche ist aber weit mehr als eine Woche lang Party machen, es gibt viel lustige Anlässe vor und nach der eigentlichen Frackwoche», weiss Oliver Landa, OK-Präsident der diesjährigen Frackwoche.

Alles beginnt mit der letzten Rasur
Zwar heisst der Anlass Frackwoche, die traditionellen Feierlichkeiten beginnen aber schon ein paar Monate vor der Frackwoche auf dem Technikumplatz. Ende März treffen sich die Abschlussklassen der Technischen Hochschule Winterthur bei dem Fischmädchenbrunnen in der Steinberggasse für die letzte Rasur. In der kommenden Zeit sollen sich die jungen Männer die Bärte spriessen lassen, um ihr Erwachsenwerden zu symbolisieren. Erst 100 Tage später werden ihre Bärte wieder gestutzt. Diese Aufgabe übernehmen heute die Frauen des Departements Gesundheit. Laut Oliver Landa hat das folgenden Grund: «Früher, als es die Fachhochschule für Gesundheit noch nicht gab, rasierten sich die Männer selbst. Seit es das Departement für Gesundheit gibt, hat sich der Brauch entwickelt, dass die jungen Frauen die Rasur übernehmen, da sie sowieso in ihrem Studium lernen müssen, wie man eine gute Rasur macht. »

Blick hinter die Traditionen
Doch was geschieht mit den Männern ohne ausgeprägten Bartwuchs und den wenigen Frauen an der Technischen Hochschule? «Die Klassen legen die Richtlinien für die Bärte selbst fest. Je nach Klasse darf man sich zum Beispiel den Bart ums Maul schneiden, um beim Essen keine Probleme zu kriegen», erklärt Oliver Landa. Dann wird von allen Männern ein Bart-Test verlangt. Als ein Beispiel nennt der OK-Präsident den Bleistift-Test: «Dabei müssen die Jungs einen Bleistift in den Bart stecken und vom Brunnen springen. Hält der Bleistift, ist die Prüfung bestanden. Fall er runterfällt, muss die Person eine Runde ausgeben.»
Auch für die Frauen wurden passende Auflagen ausgeklügelt. So bestimmt laut Oliver Landa jede Klasse eine Aufgabe, welche die Frauen zu erfüllen haben. «Einige Klassen haben vorgeschrieben, dass die Frauen 100 Tage lang nur in Reifenröcken oder Stewardessen-Kostümen erscheinen dürfen. Einige müssen auch Gegenstände wie eine Pflanze oder Blume mit sich tragen. »
Die Bestrafung ist ebenfalls klar definiert. «Den Leuten, die ohne Bart, Frack oder Rock erscheinen, klebt man als Strafe einen Kleber mit der Inschrift «Bart-Pussy» auf den Rücken», erklärt der OK-Präsident der Frackwoche die Spielregeln.

Die Highlights der Frackwoche
Nach dem ersten Höhepunkt, der letzten Rasur, beginnt die eigentliche Frackwoche. Ab dann sollte der Bart ersichtlich, der Frack oder der Reifenrock montiert sein. Traditionellerweise wird die Frackwoche am Mittwochmorgen eröffnet, indem die Abschlussklassen die Türen des Technikums mit Barrikaden versperren. Ab dann ist Schluss mit normalem Schulunterricht für die Abschlussklassen aber auch für die meisten Studenten der tieferen Jahrgänge. Eine Woche lang wird auf dem Platz vor dem Technikum gefeiert, gespielt und getrunken.

Am Morgen wird gemeinsam gefrühstückt, am Nachmittag werden Spiele organisiert und am Abend gibt es verschiedene Konzerte. Der OK-Team ist besonders stolz auf das Spielangebot: «Dieses Jahr wurde ein besonders grosser Teil des Budgets in neue Spiele investiert. Das Angebot reicht vom Trinkspiel Bier-Pong über ein Human-Footsball-Feld bis zu einer Fall-Gaudi-Anlage». Am Freitagabend steigt dann die grosse Frackwochen-Party. Laut Oliver Landa ist dies für viele Winterthurer ein Highlight: « Für diese Party kommen auch viele Jugendliche aus Winterthur, die nicht am Technikum studierten. Leider haben nur 1000 Leute Platz im Saal, daher haben die Studenten im Frack natürlich Vorrang. Aber grundsätzlich ist diese Party offen für alle. »

Der Frackumzug
Knapp einen Monat nach der Frackwoche auf dem Technikumsplatz geht das Programm weiter. Sobald die 100 Tage seit der «letzten Rasur» verstrichen sind, dürfen sich die Männer wieder den Bart abschneiden und die Frauen ihre normalen Kleider anziehen. Dann wird ein letztes Mal gefeiert. An diesem Abend beweisen die Abschlussklassen auch, was sie in ihrem Studium gelernt haben. Es ist Tradition, dass jede Klasse während des Abschlussjahres ein kreatives Fahrzeug zusammen baut. Diese Fahrzeuge werden dann am Frackumzug vorgeführt. «Die ganze Klasse quetscht sich dafür in das selbstgebastelte Fahrzeug und fährt hupend durch die Stadt. Dies ist für viele Klassen das wirkliche Highlight der Frackwoche vielleicht sogar des ganzen Studiums. Der Frackumzug ist ein Erlebnis, das man nie vergessen wird», erinnern sich ehemalige Studenten der Technischen Hochschule.
Für den Umbau der Fahrzeuge sind den Klassen keine Grenzen gesetzt. Das einzige Kriterium ist, dass sie genug fahrtauglich sind, um an dem Frackumzug mit zu machen. Oliver Landa hat die Fahrzeuge bereits begutachtet. « Von einem Fahrzeug mit Konfetti-Pistole bis zu einem alten Feuerwehrwagen ist alles dabei. Bei einigen Fahrzeugen zweifeln wir aber daran, ob sie wirklich fahren».

Die Nacht der Technik
Nach dem Frackumzug öffnen sich die Tore für die Ausstellung «Die Nacht der Technik». Dort werden rund 200 Bachelor-Arbeiten der Studenten vorgeführt und am Abend Konzerte veranstaltet. Dieses Jahr ist die Ausstellung dem Thema «Mensch und Maschine» gewidmet. Laut Oliver Landa gibt es passend dazu ein ganz besonderes Experiment. «Drei Studenten haben einen Roboter konstruiert, der hinter der Bar arbeitet und den Besuchern Getränke ausschenkt». Dies passt einerseits perfekt zu dem Thema der Ausstellung aber auch zu dem Motto der ganzen Frackwoche «Spass zu haben».

Der Beitrag wurde in der Nummer 87, September 2014, veröffentlicht. Alle Bilder stammen von der Frackwoche 2014.