Den Klassiker «1984» von George Orwell sollte man gelesen haben, so die häufig vertretene Devise. Ich sage: Bullshit. Der Roman ist die reinste Qual. Und doch hat er mein Verständnis von Freiheit völlig verändert.

Big Brother is watching you. Das ist doch so eine RTL-Sendung, oder? Ja klar, aber das Prinzip haben die Sendemacher wohl von diesem Roman abgekupfert. «1984» ist eine utopische Zukunftsvision aus dem Blick des Autors aus dem Jahr 1948. Die Welt ist in verschiedene totalitäre Machtsysteme aufgeteilt, die ihre Bürger zu willenlosen Anhängern der Partei erziehen und ständig miteinander im Krieg sind. Wer zu diesen Nationen gehört, hat keine freien Gedanken. Die Meinung des sogenannten «grossen Bruders» – dem Oberhaupt der Partei – ist Gesetz.  Wer von dieser Wahrheit abweicht, wird skrupellos verfolgt, verraten, gefoltert und schlussendlich eliminiert. Die Ordnung halten die Spitzel der Gedankenpolizei, der sich schon Kinder anschliessen, oder der in jedem Raum angebrachte Televisor. Ein Gerät zur Überwachung, das sich niemals komplett ausschalten lässt.

Sex als Rebellion
Als Mitglied der Partei läuft der 47-jährige Winston Smith sein ganzes Leben schon in diesem eintönigen und vorgegebenen Hamsterrad mit. Doch der Wunsch nach Freiheit nagt sich nach und nach durch den sorgsam anerzogenen Gutglauben zur Partei durch. Und so startet Winston seine Rebellion. Mit einem eigenen Tagebuch. Dann mit einer lustvollen Liebesbeziehung zu einer jungen Frau. Beides ist strengstens verboten. Gedanken gehören nicht ausgeschrieben. Sex dient der Reproduktion und nicht dem Genuss. Das Schicksal der beiden ist somit längst besiegelt. Sie sind die Toten. Früher oder später wird man sie erwischen.

Sprache ist Freiheit
Ein sehr genialer Gedankenansatz ist dabei, wie die Partei in «1984» es schafft, eine ganze Gesellschaft mental zu versklaven. Sie verändert die Sprache, indem sie den Wortschatz reduziert und die Grammatik verdreht. Das Wort «Freiheit» wird aus dem Wörterbuch der Neusprache schlicht gestrichen. Wie soll sich dann überhaupt jemand das Gefühl wünschen, der das Wort nicht kennt? Ohne Erinnerungskultur weiss nach zwei, drei Generationen niemand mehr, was Freiheit ursprünglich einmal war. Und wer nichts anderes kennt ausser der Sklaverei der Gegenwart, fühlt sich paradoxerweise ja irgendwie trotzdem frei.

Leseempfehlung: Überspring die ersten 200 Seiten
Was sich wahnsinnig spannend und durchdacht anhört, ist zu lesen eine absolute Mühsal. Orwell ist Meister im Spinnen von höchst bedeutungsschwangeren Sätzen, die man mindestens zwei Mal lesen muss, um sie zu verstehen. Orwell liebt es, Winston seitenlang in seinen trüben Gedanken dümpeln zu lassen, ohne dass irgendetwas Relevantes dabei passiert. Das Ganze hätte wesentlich schneller abgehandelt werden können. Wäre alles ein wenig mehr actiongeladen und weniger alltagsromantisch-grüblerisch, wäre der erste Teil des Buches bestimmt nicht so ein verdammter Kampf gewesen.

Was würde George Orwell von der heutigen Welt halten?

Der Mistkerl ist eben doch genial
Ich muss es ihm aber eingestehen. George Orwell, bekannt auch für seine satirische Kritik am Kommunismus in «Die Farm der Tiere», schrieb für seine Zeit herausragend und hatte überaus zutreffende Zukunftsvisionen. Viele Aspekte in «1984» sind heute erschreckenderweise Normalität. Jeder Mensch hat inzwischen wissentlich einen ganz persönlichen Televisor in seiner Tasche. Würde Orwell dies heute sehen, würde er wohl einem hysterischen Lachkrampf erliegen. Die Gesellschaftskritik im Buch ist extrem fundiert und liess mich in verschiedenen spät-nächtlichen Gesprächen die Strukturen unseres Zusammenlebens von Grund auf hinterfragen. Aber mal ganz ehrlich, für diese Erkenntnisse hätte ich mir die ersten 200 Seiten echt nicht antun müssen. Ich muss mir eingestehen: Ich verachte dieses Buch, aber ich liebe seinen Inhalt.

Bildurheber: Olivier Bonhomme / Cassowary Colorizations, flickr