Björn hat gerade zwei grosse Bier bestellt. Mein Handy hat noch drei Prozent Akku. Nicht so schlimm, wir haben ja noch Bier. „Die dort mit dem Blonden, kennst du die?“ Ich schaue gar nicht richtig hin. Wenn hier jemand jemanden kennt, dann kennt Björn diesen und nicht ich. Mein Handy vibriert. Hat jetzt wohl definitiv keinen Saft mehr. Trotzdem schaue ich nach.

„Explosionen in Paris“, leuchtet da auf meinem Handybildschirm. Schön diskret und sauber unter den Terminerinnerungen für morgen und den neu verfügbaren Updates. Fuck. Zum Glück habe ich die Push-Einstellungen letztens neu eingestellt, sonst hätte ich jetzt wahrscheinlich zwanzig Meldungen auf dem Bildschirm. Jetzt sieht’s sogar recht ordentlich aus, nur ein News-Dienst, schön chronologisch. „Explosionen in Paris“, sag ich zu Björn. Und er: „Fuck.“

Letztes Jahr war ich in Paris. Ich hab‘ Rotwein im Park beim Square du Vert-Galant getrunken und bin mir vorgekommen wie auf dem Platzspitz in Zürich. Halt so irgendwie vertraut mit allem. Paris war schön.

Björn raucht und trinkt. Weil Rauchen und Trinken, das ist, was wir hier tun. Soll man ja auch, denn jeder tut das hier. Die Frau und ihre blonde Begleitung scherzen herum und machen schlechte Witze und stossen sich gegenseitig an. Dabei wissen beide, dass das hier purer Ernst ist. Warte nie zulange, um die Berührungs-Barriere zu durchbrechen: Das ist grundlegend. Der Typ weiss das, er scheint darin ein Profi zu sein. Die Frau blickt auf ihr Handy und ich auf meines. Geiselnahmen im Konzertsaal in Paris heisst es dort. Die Zahlen, die in den Artikel für die Toten stehen, steigen mit jedem Bericht.

Kleinstadtausgang. Irgendwann wird der letzte Bus immer ein Thema. Immer. Egal ob man nun geht oder nicht, Thema wird er sowieso. Heute versuchen wir, ihn zu erwischen, weil heimlaufen nervt. „Explosionen im Pariser Zentrum und die Polizei stürmt den Konzertsaal.“, lese ich den andern im Gehen vor. Fuck. Wir rennen. Um den Bus nicht zu verpassen.

Meine Freundin und ich planten, im Winter nach Paris zu gehen. Ein wenig vielleicht wegen der Romantik. Das hätten wir aber nie zugegeben, weil wir beide zu cool dafür sind. Paris im Winter. Zu zweit und in einer AirBnB-Wohnung. Ein wenig Pariser Nachtleben vielleicht. Ausgang, Konzerte und gutes Essen. Paris wäre schön gewesen. Mal sehen wie’s läuft.

Drei Minuten bis zur Busstation. Wir rennen schneller und erwischen den Bus noch knapp. Ich lasse mich in den Sitz neben Björn fallen und ziehe mein Handy aus der Tasche. Ich überfliege die Nachrichten. Meine Augen scannen routiniert über die Stichworte. Geiseln, Tote, Explosionen, Attentäter, Tote, Krieg. Paris. Ich lese nicht mehr vor und Björn steigt zwei Stationen früher aus als ich. Ich hab ihm gute Nacht gewünscht. Als ich wieder auf mein Telefon blicke, bleibt der Bildschirm schwarz.

Endlich ist der Akku tot. So kann ich wenigstens ruhig schlafen.