Hebammen seien prüdewürden den ganzen Tag nur «bäbele» und wurden in der Vergangenheit sogar als Hexen beschimpft. Kaum ein Beruf hat mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen und wird dennoch bewundert, wie jener der Hebamme. Was ist an diesen Vorurteilen dran? Und wie steht es eigentlich um die Männer in diesem Beruf? Das Brainstorm-Magazin hat den Hebammen-Studentinnen am Departement G in Winterthur einen Besuch abgestattet. 

«Ich wollte einen Beruf, mit dem ich Spuren hinterlassen kann. Einen Beruf, indem es eine Rolle spielt, ob ich den Job mache oder irgendjemand anderes.» So beschreibt Michèle Oberholzer ihre Motivation fürs Hebammen-Studium. «Es ist so wichtig, wie ein Kind zur Welt kommt und dass sich die Frau vor, während und nach der Geburt verstanden und gut betreut fühlt.» Die 33-Jährige hat vor dem Studium etwas ganz anderes gemacht: Sie lernte Chemielaborantin und arbeitete danach als Zugverkehrsleiterin bei den SBB. «Dort habe ich gelernt, mich durchzusetzen und mit grosser Verantwortung und hektischen Situationen umzugehen.» Kompetenzen, die sie als Hebamme gut gebrauchen kann. «Hinter dem PC-Bildschirm bei der SBB war ich aber völlig austauschbar.» Das wollte sie nicht mehr. Darum hat sie sich ihren Kindheitstraum erfüllt und das Hebammen-Studium in Angriff genommen. «Meine grösste Stärke ist mein Einfühlungsvermögen.» Als Zugverkehrsleiterin war diese Fähigkeit aber eher störend. Da hiess es manchmal sogar, sie solle nicht so sensibel sein, erzählt die angehende Hebamme. 

«Es ist so wichtig, wie ein Kind zur Welt kommt und dass sich die Frau vor, während und nach der Geburt verstanden und gut betreut fühlt.»

Diplom erst nach 40 Geburten 

Michèle Oberholzer betritt den «Skills-Übungsraum» der Hebammen an der ZHAW in Winterthur. Im Raum sieht es tatsächlich aus, wie in einem Kreissaal: Spitalbetten mit lebensgrossen Puppen darin, dazwischen Vorhänge, ein Babywärmebettchen und Entbindungsbetten. Der einzige Unterschied: die reglosen Puppen, die in den Betten liegen, geben keinen Mucks von sich. Wie automatisch zieht Michèle im Raum als erstes ein hellblaues T-Shirt an. «Das ist unser offizielles «Hebammen-Skills-Shirt». Im Kantonsspital Winterthur ist das die Arbeitskleidung der Hebammen.» Auch im Übungsraum der ZHAW ist das Shirt Pflicht. Aus hygienischen Gründen und auch, damit möglichst realitätsgetreu geübt wird. In Dreiergruppen können die Hebammen des Jahrgangs HB 16 an den Modellen frei üben, denn für sie geht es langsam aber sicher auf die Abschlussprüfungen zu. Ihr Diplom werden sie im Sommer aber trotzdem noch nicht erhalten. Das erhält eine Hebamme erst, wenn sie 40 Geburten begleitet hat. Michèle steht jetzt bei elf Geburten «Ich finde das nur begrenzt sinnvoll. Denn zum Beruf gehört ja noch viel mehr dazu. Zum Beispiel die Betreuung während der Schwangerschaft oder im Wochenbett», meint sie. «Ob man das kann oder nicht, hängt ja nicht von der Anzahl Geburten ab, die man miterlebt.» 

Alles, was eine echte Frau auch kann 

Das Studium ist für alle gleich aufgebaut, es gibt keine unterschiedlichen Vertiefungsrichtungen. Ab dem zweiten Semester absolvieren die Studentinnen zwei Praktika. Das Erste ist für alle identisch: Die Hälfte der Zeit arbeiten sie im Gebärsaal, während der anderen Hälfte betreuen sie Patientinnen am Wochenbett, also der Betreuung von Frau und Kind nach der Geburt. Den Bereich fürs zweite Praktikum können die Studierenden selber wählen. Zur Auswahl stehen: Neonatologie (Frühgeborene), Gynäkologie (Operationen, Schwangerschaftsabbrüche) oder die Pränatal-Station (Betreuung während der Schwangerschaft). Während der restlichen Zeit stehen unterschiedliche Fächer auf dem Stundenplan. Das Hauptfach: Hebammenlehre. Dort werden die theoretischen Hintergründe zu den praktischen Skills-Fähigkeiten vermittelt. Diese stellen ein weiteres wichtiges Fach dar. Der Skills-Unterricht findet immer in den kreissaalähnlichen Übungsräumen statt. Die angehenden Hebammen lernen hier alles Praktische. «Das fängt beim Desinfizieren der Hände an, geht übers Blutnehmen und Üben der verschiedenen Geburtspositionen, bis hin zum Anwenden von Notfallmassnahmen», erzählt Michèle. Von einer Kabine aus können die Dozierenden die Studentinnen mit einer Kamera beobachten und die Übungspuppen steuern. Michèle zieht die Decke der in ein Spitalhemd gekleideten Puppe zur Seite: «Sie kann alles, was eine echte Frau auch kann: Bluten, Wasser lassen und so weiter. Da steckt echt viel Technik drin». Das Modell ist deshalb fast genau so schwer wie ein echter Mensch. 

Beruf soll bekannter werden 

Natürlich ist auch «Scham» ein wichtiges Thema. «Wir versuchen damit immer offen umzugehen und die Intimsphäre der Frau den Umständen entsprechend möglichst zu wahren. Darauf achten wir auch schon beim Üben mit den Puppen», gibt Michèle zu bedenken. Daneben gibt es noch viele weitere Fächer wie medizinische Grundlagen, Recht, Hebammengeschichte oder wissenschaftliches Arbeiten. Jetzt im sechsten Semester findet zusätzlich ein neues Modul statt: Öffentlichkeitsarbeit. «Unser Beruf soll wieder bekannter werden. Die meisten Frauen kennen uns nur aus dem Gebärsaal und wissen nicht, dass sie bei uns auch die Schwangerschaftskontrolle oder gar eine Verhütungsberatung machen könnten», so die Studentin. Sie ist sich sicher: alles in allem bereite sie das Studium sehr gut auf das Berufsleben vor. «Und ich lerne auch sonst viel über Menschen und Werte.  Ich staune immer wieder, was die Natur für eine Kraft hat.» Die Studentin ringt um Worte, als sie versucht, ihr Staunen in Worte zu fassen. «In der Geburtssituation wissen Frau und Kind intuitiv, was sie zu tun haben. So vieles regeln die Natur und der Körper von selbst.» 

«Und ich lerne auch sonst viel über Menschen und Werte. Ich staune immer wieder, was die Natur für eine Kraft hat.»

Chrüter-Häx vs. versaute Studentinnen

Über Vorurteile gegenüber Hebammen kann Michèle nur lachen. Eine Patientin, die wie Michèle auch viele Tattoos hat, fragte sie beim ersten Treffen, ob Hebammen denn sichtbare Tattoos haben dürfen. Natürlich dürfen sie das, warum auch nicht, meinte Michèle. Da sei sie aber froh, entgegnete die Patientin. Sie habe schon befürchtet, dass da so eine «Chrüter-Häx» daherkomme. Michèle lacht: «Die Patientin hatte ein veraltetes Bild im Kopf, nämlich das einer alten Hebamme mit grauem Haarzopf». Wer Hebammen als prüde und altbacken einschätzt, der irrt. Vor kurzem wurde am G eine Umfrage über die gängigen Vorurteile durchgeführt. Das Resultat: «Es heisst, wir Hebammen seien versaut», lacht Michèle. Sie kann sich auch gut erklären, wie dieses Klischee zustande kommt: «Wir sprechen halt über alles und kennen keine Tabus. Da kann es schon mal vorkommen, dass einen die Tischnachbarn in der Mensa plötzlich komisch anschauen und wir dann bemerken, dass dieses Thema wohl nur für uns so normal ist.» Unbefangen fährt sie fort: «Als Hebamme verliert man Scham- und Ekelgefühle. Oder wie es unsere Dozentin kürzlich treffend formulierte: Mindestens einmal während ihrer Karriere nimmt jede Hebamme einen Schluck Fruchtwasser. 

«Es heisst, wir Hebammen seien versaut»

Noch immer ein frauendominierter Beruf 

Und wie ist das jetzt mit den männlichen Hebammen? «Ich glaube in Bern schliesst diesen Sommer ein Student ab und in der Westschweiz gab es schon zwei bis drei Absolventen. Aber an der ZHAW gab es noch nie einen Mann im Hebammen-Studium.» Im Vergleich zu anderen Ländern Europas hinkt die Schweiz hier hinterher. Einer der Gründe sei die fehlende Akzeptanz: «Viele Frauen können sich keinen Mann als Hebamme vorstellen.» Michèle weiss das aus Gesprächen, die sie mit ihren Patientinnen im Praktikum geführt hat. «Das ist schon seltsam, denn oft sind die Gynäkologen ja auch Männer.» In Frankreich und England liegt der Anteil der männlichen Geburtshelfer bei 50 Prozent. «Schade, dass das bei uns nicht so ist. Denn diejenigen Männer, die sich wirklich für dieses Thema interessieren, wären bestimmt super gute Hebammen», ist sich Michèle sicher. 

«Viele Frauen können sich keinen Mann als Hebamme vorstellen.»

Bildurheber: Silvia Staub