Heimatlos: Ein Gefühl, das in Israel viele kennen. Das Land ist in sich gespalten. Auf der einen Seite die Israelis, auf der anderen Seite die Palästinenser. Viele von ihnen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Was einst ihre Heimat war, ist für sie zu einem Gefängnis ohne Aussicht auf Entlassung geworden.

Es geht um Land, Grenzen und die Identität zweier Nationen. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat Millionen von Menschen zu Flüchtlingen gemacht und auf beiden Seiten viele Todesopfer gefordert. Seit mehr als hundert Jahren gibt es keine Generation von Israelis oder Palästinensern, die eine Zeit ohne militärische Auseinandersetzungen erlebt hat. Auch heute noch ist das Verhältnis angespannt. Die beiden Regierungen streiten sich über die ungeklärten Fragen des endgültigen Grenzverlaufs, der Siedler-Problematik und der Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge – 800’000 davon im Westjordanland und 1.3 Millionen im Gaza-Streifen. Um den Konflikt nachvollziehen zu können, braucht es einen Rückblick auf die Geschichte der Palästinenser und Israelis.

 

Die Mauer verläuft direkt durch die Stadt und grenzt Stadtteile
voneinander ab.


Der Streit um das Heilige Land

Der heutige Staat Israel trug lange den Namen Palästina. Bereits 9000 vor Christus wurde die erste Siedlung auf seinem Boden gebaut. Im Verlauf der Jahrtausende siedelten sich semitische Stämme, Vorfahren des Volkes Israel, an. In der Zeit bis etwa 640 Jahre nach Christus wurde das Reich von verschiedensten Grossmächten eingenommen. Danach begann die Herrschaft wechselnder muslimischer Dynastien in Palästina, die erst 500 Jahre später durch die Kreuzzüge vorübergehend zu einem Ende kam.

Im 16. Jahrhundert fiel die Region dann unter die Kontrolle des Osmanischen Reichs. Nach dessen Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg teilten sich die Kolonialmächte Frankreich und England Arabien auf. 1920 erhielten die Briten das Mandat für Palästina. Bereits seit den Judenverfolgungen in Russland zum Ende das 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Einwanderung nach Palästina zugenommen. Durch den Zweiten Weltkrieg verstärkte sich die Massenauswanderung der Juden und viele von ihnen siedelten sich in Palästina mit der Hoffnung auf das Errichten eines jüdischen Staates an. Darauf kam es zwischen der jüdischen und muslimischen Bevölkerung zu verschiedenen Ausschreitungen.

Um die Lage zu beruhigen, stimmte die Vollversammlung der Vereinten Nationen 1947 für die Teilung Palästinas. Dies, obwohl sich die arabische Regierung gegen den Teilungsplan gestellt hatte. Als Folge brach im Land ein Bürgerkrieg aus, in den schon bald die Nachbarstaaten eingriffen. Der erste Arabisch-Israelische Krieg begann einen Tag nach der Gründung des Staates Israel, nachdem das Mandat der britischen Regierung 1948 endete. Die Folgen des Krieges waren verheerend: Ungefähr 400 palästinensische Dörfer waren von den Vertreibungen betroffen. Mehr als 700’000 Palästinenser wurden zu Flüchtlingen. Ihr weiteres Schicksal ist bis heute ungeklärt. Und dies, obwohl die UN-Resolution 194 erstellt wurde, welche unter anderem die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat fordert.

Durch Folgekriege wurden weitere Palästinenser zu Flüchtlingen, sodass sich nun die aktuelle Zahl auf mehr als fünf Millionen beläuft. Erst 1993 kam es in Oslo zwischen den Israelis und den Palästinensern zu Friedensverhandlungen. Ein Jahr darauf wurden mit der Unterzeichnung des Gaza- Jericho-Abkommens die palästinensischen Autonomiegebiete gegründet. Sie bestehen aus dem Gaza-Streifen und 40 Prozent der Fläche des Westjordanlandes. Trotz weiterer Verhandlungen wurde ein Friedensstatus nie erreicht und die Situation zwischen den zwei Völkern bleibt angespannt.

 

Der Schlüssel als Symbol der Hoffnung

Im Westjordanland leben heute ungefähr 800’000 Flüchtlinge. Von der UN werden sie «Internally Displaced People» (IDPs) genannt: Personen, welche aus den gleichen Gründen wie Flüchtlinge zur Flucht aus ihrem Heim gezwungen worden sind, jedoch im eigenen Land bleiben und keine Grenze überqueren. Diese IDPs werden im Gegensatz zu Flüchtlingen nicht von internationalem Recht beschützt, weshalb für die palästinensischen Flüchtlinge die UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten) geschaffen wurde. Noch heute leben ungefähr 166’500 Flüchtlinge in den 19 von der UNRWA gebauten Flüchtlingslagern im Westjordanland. Von klassischen Flüchtlingslagern kann man aber nicht sprechen. Einst als Zeltlager provisorisch aufgebaut, wurden sie durch Beton-Behausungen ersetzt.

 

Palästinensische Kinder demonstrieren gegen die israelische Besetzung.

Damit wurde klar, dass dieser Zustand nicht nur eine Übergangslösung sein würde. Dort leben die Palästinenser auf engstem Raum zusammen. Dies nun schon seit 70 Jahren. Heimat nennen sie es trotzdem nicht. Obwohl diese Lager oft an eine Stadt angesiedelt sind, sind sie nicht Teil der Gemeinschaft. Die Bewohner tragen den Flüchtlingsstatus und haben kein Mitspracherecht. Sie sind Bürger zweiter Klasse. Nun bereits in der vierten Generation, lebt in ihnen noch immer der Traum von der Rückkehr zu den Wohnstätten ihrer Vorfahren.

Viele von ihnen tragen als Symbol dieser Hoffnung den Schlüssel ihres ehemaligen Zuhauses mit sich. Ein Traum, der wie eine Illusion erscheint. Und trotzdem halten sie noch an der UN-Resolution 194 fest, die ihnen eine Rückkehr in ihre Heimat in Aussicht stellt. Vielmehr ist es aber eine Existenz in der Warteschleife und die Chancen auf Rückkehr oder Entschädigung sinken von Tag zu Tag.

 

Leben hinter Mauern

Das Gefühl der Heimatlosigkeit kennen nicht nur die Menschen in den Flüchtlingslagern. Das Westjordanland wird auf 760 Kilometern durch eine Sperranlage von Israel getrennt. Sie dient vor allem dem Schutz der israelischen Bevölkerung vor Anschlägen und, obwohl sie vom Internationalen Gerichtshof und der UNO als völkerrechtswidrig eingestuft wurde, steht die Mauer und wird weiterhin ausgebaut. Für die einen ist sie Sicherheitsbarriere, für die anderen eine Apartheid-Mauer. Zum grössten Teil verläuft sie auf dem Territorium des Westjordanlandes. Dörfer haben dadurch ihr Land verloren, Familien wurden von ihren Äckern getrennt oder mussten ihre Häuser verlassen. Mit acht Meter hohen Betonelementen, Zäunen, Gräben, Stacheldrähten und Kontrolltürmen werden die Bewohner des Westjordanlandes ausgeschlossen. Oder eher eingeschlossen: Ein Gefängnis mit dem Namen «Sperranlage».

 

Die Sperranlage auf der palästinensischen Seite ist schwer bewacht.

Übergänge nach Israel existieren, sogenannte Checkpoints, Palästinenser können sie aber nur mit einer Spezialbewilligung überqueren. Wenn sie es überhaupt schaffen, eine solche Erlaubnis zu bekommen, müssen sie an den Checkpoints Demütigungen, Schikanen und Untersuchungen über sich ergehen lassen, als wären sie Gefängnisinsassen. Sie sind gefangen in ihrem eigenen Land. Dass dabei kein Gefühl der Sicherheit oder Heimat aufkommen kann, ist nicht weiter verwunderlich. So träumen vor allem junge Palästinenser von einer besseren Zukunft in einem anderen Land.

 

Bildurheber: Elisabeth Egli