Täglich kommen rund 200 Menschen in die Kontakt- und Anlaufstellen (K+A), um soziale Kontakte zu pflegen, die Freizeit zu verbringen – und ihre Drogen zu konsumieren. Martina Rossier* studiert soziale Arbeit und ist nebenbei als Springerin in der K+A tätig. Sie erzählt von ihrem Arbeitsalltag.

Die Atmosphäre ist ähnlich, wie man sich die Stube einer sehr grossen WG vorstellt: Es ist ein Gewusel, es wird Kaffee getrunken, geredet, gelacht. «Noch vor knapp zwei Jahren wollte ich unter keinen Umständen hier arbeiten», erzählt Martina Rossier (*Name geändert). Die Schicksale seien zu hart, der Drogensumpf zu kriminell. «Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich so denken konnte.» Martina musste fürs Studium ein Praktikum machen. «Ich habe viel von der K+A gehört, da wurde ich doch neugierig und habe mich beworben.» Und es gefiel ihr so gut, dass sie einen Job als Aushilfe beibehielt.

Das Interview am Rheinbord: Martina arbeitet als Aushilfe in der Kontakt- und Anlaufstelle in Basel.

Leben von der Sucht bestimmt

Den meisten Konsument*innen sieht man die Sucht nicht an. Viele leben – teilweise dank den Angeboten der Suchthilfe Basel – ein ‹normales› Leben; arbeiten, haben eine Familie, zahlen Steuern. Der kleinste Teil der Konsument*innen entspricht dem Bild, das als «Junkie» beschimpft wird. «Nur in spezifischen Einrichtungen wie der K+A finden diese Menschen Leute, die ihren Lebensstil verstehen und vielleicht auch teilen», sagt Martina. «Hier können sie ‹sozial entspannen› und ohne den gesellschaftlichen Druck eine Tasse Kaffee geniessen und plaudern. Die Konsument*innen möchten häufig einfach nur ein wenig reden. Bei vielen ist dies der einzige soziale Kontakt, den sie am Tag haben.» Die Begegnungen sind geprägt von gegenseitigem Interesse und Verständnis. Für Martina ist das der Grund, warum es in der K+A so gut funktioniert: «Die Konsument*innen schätzen die Begegnungen auf Augenhöhe enorm. Da ist eine riesige Dankbarkeit für etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Einfach als Mensch wahrgenommen zu werden.»

Es menschelt

Wie überall, wo Menschen aufeinandertreffen, muss auch hier zwischen unterschiedlichsten Interessen eine Balance gefunden werden. «Ich muss immer voll bei der Sache sein», sagt Martina. Sie hat bereits in Kindergärten, an einem Mittagstisch und in einem Frauenhaus gearbeitet. Überall traf sie dieselben Herausforderungen an: Es menschelt. Damit meint sie die Dynamiken, die in einer Gruppe entstehen: Es gebe diejenigen, die den Ton angeben wollen, die Schlitzohren, die Lustigen, die Scheuen. Das sei in der K+A genau dasselbe, ausser dass alle verbunden sind durch das Wissen um die Sucht. «Keiner muss hier ein perfektes Bild aufrechterhalten. Dadurch ist der Umgang offener und ehrlicher, als ich dies an anderen Stellen erlebt habe. Das schweisst zusammen.»

Kein Mensch wünscht sich die Sucht

«Die Konsument*innen werden immer wieder mit Ablehnung, Diskriminierung oder sogar Tätlichkeiten konfrontiert», erzählt Martina. «Dabei wacht niemand eines Morgens auf und denkt sich, ‹Hey, das sieht irgendwie spassig aus, ich möchte Junkie werden›.» Für Martina ist klar: Kein Mensch hat sich die Sucht gewünscht. Manche rutschten in den 80er Jahren in die Drogenszene, andere wurden in die Sucht hineingeboren. Viele leiden unter psychischen Krankheiten, wollen mit Drogen ihrem Leiden entfliehen und werden so zusätzlich in die Suchtkrankheit getrieben. «Jede Geschichte ist anders, aber alle kämpfen mit ähnlichen Problemen. Zahlreiche Gespräche handeln vom Gefangen-Sein in einem Leben, das man nicht führen möchte.»

Der Injektionsraum in der Kontakt- und Anlaufstelle. (Bildurheber: Michel Schultheiss)

Was passiert in der K+A? Martina schildert einen Rundgang durch die K+A.

Lachend erklärt sie, dass es keinen typischen Arbeitstag gibt: «Alte Hasen hat es in der K+A nicht. Auch die Mitarbeiter, die seit 20 Jahren hier sind, werden täglich mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Ich liebe diese Arbeit!» Die K+A ist in fünf Posten aufgeteilt:

  1. Am Türposten stellen wir sicher, dass nicht mehr als 50 Konsument*innen gleichzeitig in den Räumen sind. Üblicherweise stehe ich dann am Eingang und plaudere mit den wartenden Konsument*innen im Hof. Gelegentlich gibt es Streitigkeiten, die ich in den meisten Fällen im Gespräch klären kann.
  2. Am Tresen holen die Konsument*innen sterile Spritzen und Nadeln ab. Ausserdem gibt es immer gratis Sirup, Suppe und Brot; zum Selbstkostenpreis haben wir auch weitere Getränke und Mahlzeiten.
  3. In der Cafeteria werden spezielle Aktivitäten angeboten, etwa Beratungen, medizinische Sprechstunden oder Unterstützung bei einem Telefonat. Die Atmosphäre gleicht der Stimmung in einer grossen, etwas ungemütlichen und sterilen WG: ein Dutzend Menschen wuseln im Raum umher, trinken Kaffee, reden, lachen.
  4. Im Raucherraum hat es ein Fumoir, wo rund vierzehn Personen die Dämpfe von Kokain oder Heroin inhalieren und ‹Sniffbrettchen›, wo die Substanzen durch die Nase eingezogen werden.
  5. Im Injektionsraum hat es 10 Sitzplätze. Die Konsument*innen bringen ihren Stoff selbst mit, erhalten saubere Spritzen und Nadeln und injizieren sich die Substanzen. Ich bin für sie da, wenn sich jemand nach dem Konsum unwohl fühlt und leiste erste Hilfe, wenn dies nötig wird.

Kontakt- und Anlaufstellen

Die K+As Basel sind ein Angebot der Suchthilfe Region Basel. Sie haben zum Ziel, das Leid von Menschen zu mindern, die nicht oder noch nicht auf illegale Drogen verzichten können oder wollen. Suchtmittelabhängige können dort selbst mitgebrachte Drogen unter Aufsicht und hygienischen Bedingungen konsumieren. Ausserdem bieten sie einen Rahmen, wo Konsument*innen medizinische Unterstützung und professionelle Beratung erhalten, um ihre Lebensumstände zu verbessern.

Bildurheber: Kathrin Brunner, Titelbild: Kenneth Nars

Kathrin Brunner

Kathrin Brunner

Autorin

Schöne Texte sind wie Schokolade. Man kriegt nie genug davon! Beim Brainstorm versuche ich mich selbst als Schreiberin…