Kernkraft hat, um es salopp zu sagen, nicht das beste Image. Für viele ist es ein notwendiges Übel, das so schnell wie möglich durch sichere Alternativen ersetzt werden sollte. Aber warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah! Genau zwei Stellen links im Periodensystem nämlich. Das Element Thorium erlebt gerade eine kleine Renaissance. 

 Energie ist kompliziert. Sehr kompliziert. Es beginnt schon bei den Definitionen. Jeder spricht von grüner Energie, aber was ist denn genau grün? Ist eine Technologie grün, wenn sie keine Treibhausgase produziert? Dann wäre Wasserkraft eine der grünsten Energieformen. Aber Schweizer Wasserkraftwerke gehören mit zu den Gründen, warum sich in unseren Gewässern immer weniger Fische tummeln. Ist Solar grün? Bei der Produktion von Silizium wird sehr viel Öl verbrannt und es gibt bis heute keinen Weg, defekte Solaranlagen zu recyceln. Wäre dann nicht auch Kernkraft grün? Schliesslich kommt aus den grossen Kaminen nur Wasserdampf und der ganze Abfall aus den Werken in Fässern.

 Das Wort grün kann nur schwer eine so komplexe Thematik beschreiben. Ich will hier deswegen auch gar nicht zu tief auf die Technik eingehen, sondern eine Geschichte aus der Energiepolitik über den Thorium Flüssigsalz-Reaktor erzählen. 

Wer Thorium bei Google eingibt, wird förmlich von einer virtuellen Flut von weltverbessernden Theorien überschwemmt. Wer sich einige Vorträge zum Thema anschaut, wird sich vermutlich schnell fragen, warum so eine vielversprechende Technologie immer noch nicht Fuss gefasst hat. Sie ist schliesslich keineswegs neu. Aber um diese Frage zu beantworten, müssen wir bis zu den ersten Reaktoren zurück. 

Verschwörungstheorie oder Wahrheit?

Die Geschichte der Kernkraft ist eng mit der Atombombe verbunden. Ohne die eine gäbe es die andere nicht. Gerne wird im Internet behauptet, dass der Grund, weshalb Thorium nicht genug gefördert wird, darauf zurückzuführen ist, dass während des Zweiten Weltkriegs die Amerikaner Atomkraftwerke zur Plutoniumanreicherung verwenden wollten, und da Thorium nicht zu waffenfähigem Plutonium gebrütet werden kann, wurde die Forschung grösstenteils eingestellt. Das stimmt so nicht ganz.

In den 1940ern konnten Thorium-Reaktoren noch keinen kritischen Zustand erreichen. Kritischer Zustand, das klingt gefährlich, heisst aber, dass konstant und stabil Energie produziert wird, ist also eigentlich etwas Gutes. Der technologische Rückstand und die Tatsache, dass ein Thorium-Reaktor in der Theorie tatsächlich weniger potenziell waffenfähiges Material produziert und generell kein hochangereichertes Uran herstellen kann, sollte ihn für militärische Ambitionen nicht wirklich interessant machen.

Der eigentliche Grund, weshalb aber 1960 die finanzielle Unterstützung für das Oakridge Laboratory, dass an Flüssigsalzreaktoren arbeitete, eingestellt wurde, hat nichts mit Atombomben zu tun, sondern nur mit der Politik. Nixon, der aus Kalifornien stammte, wollte Jobs in seinem Heimatstaat schaffen, weswegen er die vorhandenen finanziellen Mittel lieber in den lokalen «schnellen Brüter»-Reaktor investierte anstatt in den Flüssigsalzreaktor (MSRE) in Tennessee. Auch wenn nicht zwingend beabsichtigt, hatte dies zur Folge, dass die Forschung nach Ende des Krieges für uranbetriebene Kernkraftwerke viel weiter fortgeschritten war als für Thorium-Reakt.

Richard Nixon

wusste nicht genau was er tat. Nixon beeinflusste den Verlauf der nuklearen Entwicklung um Jobs in Kalifornien zu schaffen.

Molten-Salt-Reaktor

Beim mit atmosphärischem Druck funktionierende MSRE ist eine Kernschmelze nicht möglich, da der Brennstoff bei Überhitzung abfliesst und die Reaktion stoppt.

ORNL-Reaktor

Die Forschungsergebnisse des Oak Ridge Laboratory Thorium Reaktors sind bis heute eine der wichtigsten Ressourcen für weiterführende MSRE Forschungsprojekte.

«Inherently safe»

Warum sollte man aber jetzt Ressourcen in die Entwicklung von MSREs investieren? Es ist eben nicht nur der Fall, dass Thorium nur schwerer waffenfähig gemacht werden kann, Thorium ist ausserdem viel häufiger als Uran. So häufig, dass es tonnenweise als Abfallprodukt überall auf der Welt in Minen abgebaut wird. Zudem ist es in seiner natürlichen Form schwächer radioaktiv als die Alternativen Uran und Plutonium.

Der wahre Vorteil des Thorium Reaktors besteht aber darin, dass er thermal betrieben werden kann. Das heisst, er muss nicht unter Druck gesetzt werden wie die heutigen leicht- und Schwerwasserreaktoren, da Wasser als Kühlungsmittel einen viel zu tiefen Siedepunkt bei atmosphärischem Druck hat.

Wenn man Kernschmelze verhindern will, muss man einen Reaktor kühlen. Drei der grössten Kernkraftwerk-Desaster – Tschernobyl, Fukushima und Three Mile – sind alle auf Kühlungsprobleme zurückzuführen. Mit Flüssigsalzreaktoren könnte so etwas nicht geschehen. Der LFTR (Liquid Fluoride Thorium Reactor) zum Beispiel benutzen Fluorid-Salze als Brennstoff, die einen Schmelzpunkt von über 400 Grad Celsius haben. Überhitzt also der Reaktor, schmilzt ein Salzpfropfen am Fusse des Reaktors, der den Brennstoff in einen tiefer stehenden Tank abfliessen lässt, was jegliche Reaktion stoppen würde. Eine Kernschmelze könnte so also gar nicht mehr stattfinden. Das grösste Sicherheitsrisiko von nuklearer Energie wäre gelöst.

Thorium heute

Wo stehen wir also heute mit der Entwicklung solcher Systeme? Bis heute gibt es zwar weltweit noch keine kommerziell genutzten Flüssigsalzreaktoren. In Amerika, China, Indien, wie auch in einigen anderen Ländern wird aber aktiv an der Entwicklung von Flüssigsalzreaktoren geforscht. Und die Schweiz? 2013 lehnte das Parlament eine Motion zur Förderung der Thorium-Forschung ab, die von Oskar Freysinger eingereicht wurde. Der Grund:

«Eine einseitige oder ausschliessliche Fokussierung auf einen einzigen Reaktortyp würde zu kurz greifen, insbesondere weil mit einer Kommerzialisierung entsprechender Reaktoren in frühestens zwanzig Jahren zu rechnen ist und heute nicht absehbar ist, ob dabei Uran oder Thorium zum Einsatz kommen würde.» (Stellungnahme des Bundesrats vom 24.08.2016)

Die Wirtschaft hat aber ihr Interesse an Schweizer Reaktortypen schon lange verloren. Weswegen auch der Lucens-Atomunfall keine grossen Wellen schlug. Das «Beznau 1»-Kernkraftwerk, das ein halbes Jahr nach dem Unfall ans Netz ging, war aus Amerika eingekauft. Die ETH und das Paul-Scherrer-Institut forschen zwar bei internationalen Projekten zur Thematik mit und Thorium ist politisch gesehen noch nicht vom Tisch, aber es gibt immer noch viele Probleme, die angegangen werden müssen.

Die nukleare Bedrohung

Wenn man über Energie spricht, ist es wichtig, dass man die genauen Zahlen im Kopf behält und sich nicht von Gefühlen leiten lässt. Kernkraft wird gerade in Europa als notwendiges Übel wahrgenommen, dem im Falle Deutschlands selbst Kohle vorzuziehen ist. Natürlich birgt Kernkraft grosse Risiken aber wie gut kennt der Durchschnittsbürger und auch der Atomausstiegsaktivist diese überhaupt? Es gibt schliesslich nicht «die Kernkraft».

Wer weiss schon wie viele Menschen in Tschernobyl, dem grössten nuklearen Desaster der Geschichte, gestorben sind? Die Antwort, laut dem offiziellen UNO-Report: 28 Tote durch akute Strahlenkrankheit und 15 Tote durch Schilddrüsenkrebs im Verlauf von 25 Jahren. Von Letzteren hätten ausserdem viele behandelt werden können, denn Schilddrüsenkrebs ist eine der am besten behandelbaren Krebsarten. Risikoprojektionen von 2006 haben ergeben, dass seit 1986 ungefähr 1’000 Schilddrüsen- und 4’000 sonstige Krebserkrankungen auf das Unglück von Tschernobyl zurückzuführen sind. Das macht 0.01% aller Krebserkrankungen in Europa aus. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass nur in Weissrussland, der Ukraine und Russland Folgen des Unfalls festgestellt wurden.

Über die potenziellen Gefahren wird so viel in den Medien berichtet, dass kaum die Zahl der eigentlichen Opfer zum Vorschein kommt. Fukushima, der zweite nukleare Super-GAU, forderte bis dato nur ein einziges Menschenleben durch Strahlung und auch wenn der Schaden durch den Unfall immens ist, so ist das auch der verursachte Schaden durch CO2-Emissionen bei der Energie Produktion, der aber bei nicht so offensichtlich ist. Was eine Energieform grün macht, hängt von vielen Faktoren ab. Unsere Haltung zu Energiefragen sollte diese Komplexität spiegeln.

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