Marxismus ist für viele ein Begriff aus der Vergangenheit. Doch für die Mitglieder des Marxistischen Verein Winterthurs (MVW) ist Marxismus eine Alternative. Eine Alternative und ein Werkzeug, um die aktuellen Probleme zu verstehen und anzugehen.

Der MVW existiert seit circa einem Jahr, vieler seiner Mitglieder waren aber bereits früher aktiv. National organisiert sich der MVW mit dem Funken – einer marxistischen Strömung, die in der Juso und den Gewerkschaften angesiedelt ist.

Wie so ein marxistisches Treffen abläuft? Ich hatte keine Ahnung. Um es herauszufinden war ich deshalb an einem Treffen des MVWs. Insgesamt 16 Personen fanden sich am Donnerstag, dem 10. Oktober zusammen, um über den Rechtspopulismus zu reden und darüber was die Linken gegen ihn tun können. Der Verein ist in der Juso angesiedelt und auch beim Treffen sind mehrere Mitglieder der Juso mit dabei. Es wird viel kritisiert. Sie kritisieren die rechten Parteien wie die SVP und AfD, die rechten Staatsführer wie Trump und Bolsonaro und den Kapitalismus. Es werden aber auch linke Parteien für ihre Vorgehensweisen kritisiert. Sie kritisieren aber nicht nur, sondern suchen eben nach Alternativen. Nach alternativen Lösungen, um alle Menschen auf der Welt gleichzustellen und den Kapitalismus einzudämmen. «Wir wollen den Kapitalismus mit seiner Unterdrückung und Ausbeutung nicht nur eindämmen, sondern auch überwinden. Die Alternative sehen wir deshalb im revolutionären Umsturz des Kapitalismus», sagt Noah Sturzenegger, der bereits seit drei Jahren beim Funken dabei ist.

Der MVW möchte bei seinen Diskussionnen ein Statement setzen. (Bildurheber: zVg)

Begonnen hat das Treffen mit einem circa halbstündigen Referat. Der aktuelle Aufhänger dafür war Syrien. Die Mitglieder hören dem Referierenden Jonas Noller aufmerksam zu, machen sich Notizen. Danach geht es weiter mit der Diskussion im Plenum, an der sich fast alle Anwesenden beteiligen. Fragen werden gestellt und nach kurzer Zeit ist auch schon eine brennende Diskussion entstanden, bei der sich die Mitglieder gegenseitig bestätigen, aber auch widersprechen. Auch wenn die Mitglieder nicht immer derselben Meinung sind, scheinen sie an einem Strang zu ziehen. Dieselbe Weltanschauung vereint sie. Um das Treffen abwechslungsreich zu gestalten, werden nach den Pausen Fragen gestellt, die in kleinen Gruppen diskutiert werden.

Bildung – ein hoher Stellenwert

Die jungen Mitglieder des MVWs, viele von ihnen sind Studierende, sehen den Marxismus als eine Chance. Beim Funken sind insgesamt fünf Vereine angesiedelt, die sich an die Unis Basel, Bern, Genf, Luzern und Zürich wenden und der marxistische Verein Winterthur, der sich an Studierende und weitere Interessierte wendet. «Politische Bildung ist notwendig, um eine Gesellschaft zu verstehen – gerade deshalb hat Bildung einen so hohen Stellenwert bei uns im Verein und beim Funken», sagt Carla Ruckstuhl bei unserem Treffen. Deshalb gibt es viele Diskussionen und Referate, die vom marxistischen Dachverein organisiert werden und auch eigene Publikationen, die von Mitgliedern geschrieben werden. Zu den wichtigsten Themen für den Verein gehören gemäss eigenen Angaben der Kapitalismus, die Gleichstellung und das Klima. Somit lässt der MVW das klassische Verständnis von Marxismus hinter sich und setzt einen Fokus auf eher linke Themen. Dabei möchten die Mitglieder ein grösseres Verständnis haben für diese Themen, die ihnen am Herzen liegen. Sie möchten beispielsweise verstehen wie es zum Klimawandel gekommen ist und was die Menschheit alles dagegen tun kann.

Der Marxismus hilft den Mitgliedern des MVWs die aktuellen grundlegenden Probleme zu verstehen, da sie die Schuld dieser Probleme im Kapitalismus sehen. Durch die lange Geschichte des Marxismus konnten in diesen über 100 Jahren durch den herrschenden Kapitalismus viele Erfahrungen gesammelt werden, welche die Marxistische Theorie geprägt und weitergeführt haben. Aufgrund von diesen Erfahrungen erarbeiten die Mitglieder des MVWs Lösungen für die erfassten Probleme.

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Marxismus

Im Jahr 1848 sorgt Karl Marx mit dem kommunistischen Manifest, das er gemeinsam mit Friedrich Engels geschrieben hat, für eine Revolution. Gemeinsam wollen sie mit dem Kommunismus die Klassengesellschaft beseitigen. Auch wenn sich heutzutage der Kommunismus nirgendwo richtig durchgesetzt hat, hat er doch das kapitalistische System erhebend beeinflusst. Der Kommunismus prägt den Weg vom reinen Kapitalismus zur Sozialdemokratie, wie wir sie heute kennen.

Der Kommunismus ist das Gegenstück des Kapitalismus. Marxismus beschreibt die Form des Kommunismus, wie Marx und Engels ihn im kommunistischen Manifest beschreiben. Da es jedoch zum Kommunismus ein langer Weg ist, braucht es zuerst den Sozialismus. Dabei wehrt sich die untere Klasse, das Proletariat, und strebt eine Diktatur an. Die Schwierigkeit besteht nun darin, aus dieser Diktatur wieder herauszufinden und die klassenlose Gesellschaft, den Kommunismus, einzuführen.

Die wichtigsten Punkte für die optimale Gesellschaftsform des Kommunismus sind:

Alle sind gleich.
Alles gehört allen.
Es gibt keinen Staat respektive keine Regierung mehr.

Ein berühmtes Beispiel für den Kommunismus ist die Revolution in Russland unter Lenin während des ersten Weltkrieges. Innerhalb weniger Wochen wurde die Diktatur des Proletariats erreicht, wie Marx es vorausgesagt hat. Jedoch bleibt es beim Sozialismus. Die Arbeitervertretung regiert und eignet sich alles an. Zum Kommunismus, wie Marx und Engels ihn sich vorstellen, kommt es nie.

Und genau das ist einer der Gründe für das schlechte Image des Kommunismus. Dieses Image entstand also vor allem aus seinen Vorstufen z.B. in Russland, und China, wo sie im letzten Jahrhundert dutzende Millionen Tote gefordert haben. Ob sich aus dem Sozialismus je ein tatsächlicher Kommunismus bilden könnte, ist unklar. Ein weiteres Problem ist es, dass der Kommunismus verfassungsfeindlich ist, da er die Regierung abschaffen möchte. Dazu passt Marxismus gemäss Karl Marx nicht zum Wesen des Menschen, weshalb Marx damals sagte: «Neue Menschen brauchen wir.»

Bildurheber Titelbild: Milena Kälin