Der Mensch ist nicht dazu bestimmt, selbstbestimmt zu sein. Wenn er Entscheidungen treffen muss, ist er oftmals überfordert. Mich stellt schon die Wahl der Glacé-Sorte vor Existenzfragen. Denn egal wie man entscheidet, Abstriche muss man immer machen. Endgame Entscheidung. Gerne würde ich daher den Denkanstoss für eine zukunftsfähige Volksinitiative geben, die dem Entscheidungsdruck entgegentritt und so die nationale Entspannung fördert. 

Ich denke dabei an ein Modell ähnlich einer alten chinesischen Tradition namens „Zhua Zhou“. Sie wird an der ersten Geburtstagsfeier eines Kindes zelebriert (also nach chinesischer Zeitrechnung). Vor dem Hosenscheisser oder der Hosenscheisserin werden eine Reihe von Gegenständen ausgelegt. Jeder Gegenstand steht symbolisch für einen bestimmten Beruf oder Karriereweg. Das Baby wird dann unter den Blicken der Erwachsenen, die es vermutlich sogar noch anfeuern, zu einem der Gegenstände krabbeln und unter dem tosenden Applaus der Anwesenden einen der Gegenstände greifen und wie eine Trophäe in die Höhe halten. Dieser Gegenstand symbolisiert den Berufswunsch des Kindes und damit ist laut Konfuzius sein Schicksal besiegelt. 

So kann es sein, dass das Kind den Fussball schnappt, da es bereits als Einjähriger weiss, dass es einmal Kinderarbeiter werden und allerlei Fussbälle nähen will. Oder es greift sich die AK-47 und entscheidet sich, seinem Land zu dienen. Vielleicht nimmt das Baby aber auch den Bleistift in die Hand, weil es so gerne in einer Bleistiftmanufaktur arbeiten möchte. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, wie es der Haushalt der Eltern hergibt. Da kann man gerne auch mal kreativ werden, wenn man sein Kind auf einen bestimmten Karriereweg stossen will. 

In China herrschte bis vor kurzem eine strikte Zwei-Kind-Politik (das gebärende Geschlecht wird nach dem zweiten Wurf zwangssterilisiert) – da ist es schon nachvollziehbar, wenn man wenigstens 50 Prozent des Nachwuchses zu seinem Glück zwingen will. Ist doch egal, ob das Gör an seinem ersten Jubeltag den Topf oder die Schere ergreift – mit ein bisschen Fantasie lässt sich in beides der Staatssekretär reininterpretieren. Das Kind hat entschieden, basta! Und wehe, es hinterfragt später einmal die weise Entscheidung, die es mithilfe einer höheren Macht einst beim „Birthday Grab“ getroffen hat. Überhaupt: Traditionen, je älter je besser, hinterfragt man nicht, gegen das Schicksal lässt sich leider nichts machen. Wenn die Hand des Kindes die Flasche nimmt, wird es halt Alkoholiker. Von wegen falsch erzogen, das ist ein göttlicher Plan, wer sollte da schon Einwände haben. 

Das lehrt uns doch die sprücheboxreife Erkenntnis, dass jeder seinen Platz in der Welt hat, selbst der prädestinierte Versager, der damals ins Nichts griff. Die Erwachsenen derweil können sich zufrieden zurücklehnen und das Kind weiter auf dem Wohnzimmerboden mit der AK-47 spielen lassen. Es hat heute eine gute, wichtige Entscheidung für seine Zukunft getroffen. Vielleicht war es die letzte, die es treffen muss. Und nun entschuldigt mich – ich muss kurz die Magische Miesmuschel fragen, ob ich nicht doch lieber eine vernünftige Ausbildung machen soll.