Eine Geschichte über die ewige Suche nach dem Heimatgefühl

Die Realität ist normalerweise kein guter Stoff für die Traumfabrik Hollywood. Genau das ist das Problem von Filmen, die auf wahren Begebenheiten beruhen: So wirken sie oft dokumentarisch, ihnen fehlt der dramaturgische Aufbau der Handlung oder ein gutes Ende. Der oscarnominierte Film «Lion» jedoch ist anders. Die Geschichte über den fünfjährigen Saroo Brierley, die im Februar des letzten Jahres in den Schweizer Kinos lief, lebt davon, wahr zu sein. Denn so absurd kann keine erfundene Story sein.

Die Lebensgeschichte des kleinen Jungen beginnt in Indien. Dort lebt der Fünfjährige zusammen mit seiner Mutter, seinem Bruder Guddu und seiner kleinen Schwester in ärmlichen Verhältnissen. Eines Nachts begleitet Saroo seinen Bruder, der neben der Mutter mit der nächtlichen Arbeit für den Unterhalt der Familie sorgt, zum Bahnhof von Khandwa. Guddu befiehlt ihm, dort zu warten. Doch Saroo klettert auf einen stehenden Zug und schläft ein. Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist der Zug bereits unterwegs. Insgesamt 1500 Kilometer weit fährt der Zug, bis er Saroo im östlich gelegenen Kalkutta endlich ausspuckt. Er ist verzweifelt, findet sich in der riesigen Stadt nicht zurecht. Der Fünfjährige muss sich von nun an auf den Strassen durchschlagen, täglich Essen und einen Schlafplatz finden. Einige Tage später wird Saroo von der örtlichen Polizei gefunden, die ihn schliesslich in ein Kinderheim bringt.

 

Suche mit Hilfe von Google Earth

Saroo hat sich den Namen seines Heimatdorfs falsch gemerkt und kennt auch seinen Nachnamen oder den Vornamen seiner Mutter nicht. So kommt es, dass er von einem australischen Ehepaar (Nicole Kidman und David Wenham) adoptiert wird.

Im zweiten Teil des Films wird das Leben des erwachsenen Saroo, nun gespielt von Dev Patel («Slumdog Millionär»), in Australien beleuchtet. Er wächst wohlbehütet Lion auf, zu seinen Adoptiveltern hat er ein gutes Verhältnis. Immer wieder verwendet der Regisseur Garth Davis nun harte Schnitte, die Saroos Erinnerungen an seine Kindheit zeigen. Immer stärker wird dem Zuschauer so vermittelt, dass sie dem 25-Jährigen keine Ruhe lässt, ihm in Australien etwas fehlt. Als Student beginnt er schliesslich im Jahr 2008 seiner Herkunft auf den Grund zu gehen. Mit Hilfe der damals neuartigen Technologie Google Earth sucht er jenen Bahnhof in Indien, an dem er vor vielen Jahren seinen Bruder verloren hat. Da er noch ungefähr weiss, wie lange er in diesem Zug fuhr und wie schnell dieser ungefähr war, kann er den Suchradius berechnen. Während Saroo nun alles daransetzt, seine alte Heimat zu finden, läuft sein australisches Leben. In Gedanken ist er an zwei Orten zugleich, aber nirgendwo ganz. Die scheinbar endlose Suche ist eine emotionale Achterbahnfahrt voller Rückschläge und Verzweiflung, aber auch immer wieder voller neuer Hoffnung.

 

Der «Löwe» mit den grossen Emotionen

Ebenso lang wie Saroos Suche nach seiner Familie zieht sich auch der zweite Teil des Films in die Länge. Erst gegen Ende kann sich die Geschichte fangen. Dank der Emotionen und den wichtigen Fragen, die sich Saroo bei der Suche stellt, gewinnt sie schliesslich an Stärke zurück. Trotz der intensiven Gefühle im Film, die vor allem von Saroo (Dev Patel) und dessen Mutter Sue Brierley (Nicole Kidman) zum Ausdruck gebracht werden, ist es nie zu viel oder wirkt die Geschichte jemals überladen.

Saroo gräbt immer tiefer und erfährt mehr über sich und seine Wurzeln. Am Ende findet er dann heraus, dass er seinen Namen über all die Jahre immer falsch ausgesprochen hat. Eigentlich heißt er «Sheru», was so viel heisst wie «Löwe». Der wahre Saroo Brierley veröffentlichte im Jahr 2014 sein Buch «Mein langer Weg nach Hause», in dem er seine Geschichte erzählt. «Lion» ist ein Film, der berührt und zum Nachdenken über das eigene Heimatgefühl anregt.