Silvia Killias ist 56 Jahre alt, arbeitet seit 27 Jahren als Polizistin – und hat keine Kinder. Im Interview spricht sie über ihre Entscheidung, kinderlos zu bleiben und welche Auswirkungen das auf ihr Leben hat.

Brainstorm: Silvia, du hast keine Kinder und das war bei dir auch eine bewusste Entscheidung. War dir das schon immer klar?
Silvia: Da muss ich ein wenig ausholen. Ich wollte immer Kinder und für mich war immer klar, dass ich mal welche haben werde. Vier bis sechs Kinder und ein Haus und einen Hund und Hühner und was weiss ich. Als ich 25 war, ist dann eine langjährige Beziehung in die Brüche gegangen. Als gelernte medizinische Praxisassistentin hatte ich keine Weiterbildungsmöglichkeiten, aber durch diesen Schicksalsschlag wollte ich mich neu orientieren. Ich habe mich also für die Polizistenausbildung angemeldet. Und da habe ich gemerkt, wie viel Freude man an einem Beruf haben kann. Als ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, dachte ich: «Ich glaube, ich möchte gar keine Kinder. Ich möchte arbeiten.»

Gab es einen Moment, in dem die Entscheidung dann endgültig gefallen ist?
Mit 29 habe ich meinen damaligen Ehemann kennengelernt und dadurch, dass er auch keine Kinder wollte, war für mich ganz klar: Das ist ein Zeichen. Nein, mein Leben ist nicht ein Leben mit Kindern – obwohl ich Kinder sehr mag.

Hast du die Entscheidung schon einmal bereut?
Nein, gar nicht. Ich habe immer wieder gedacht, das kommt vielleicht noch. Jetzt bin ich 56 und ich habe es bis jetzt nicht bereut. Es tauchen aber manchmal Gedanken auf, weil ich finde, dass Kinder das grösste Wunder auf dieser Erde sind. Dass aus zwei kleinen Zellen ein Mensch entstehen kann. Und ein Kind zu gebären, ist sicher das Einmaligste, das es für eine Frau überhaupt gibt. Und das habe ich halt nicht erlebt. Das finde ich etwas schade. Manchmal sehr schade. Aber die Konsequenz davon zu tragen, war ich nicht bereit.

Silvia Killias geniesst ihre Unabhängigkeit.

Hast du es deiner Mutter erzählt, als du dich mit der Frage beschäftigt hast?
Nein, meinen Gedankengang hatte ich gar nicht richtig formuliert. Aber irgendwie war es ihr klar. Als mein damaliger Ehemann und ich geheiratet haben, haben wir zum Beispiel keine Babykleidung bekommen. Das ist ja sonst so üblich. Ich hatte vorher schon kommuniziert, dass ich gar keine Kinder möchte. Sie wurde eigentlich vor vollendete Tatsachen gestellt.

Wie hat sie darauf reagiert?
Ich glaube, sie hat das zwischendurch schon bedauert. Ich muss aber sagen, dass mein Bruder fünf Kinder hat und sie ihr Grossmutter-Sein da intensiv ausleben kann. Da ist es nicht so tragisch, dass ich keine Kinder habe. Ich hatte keinen Druck auf mir, weil meine Eltern Enkel vermissten – ich habe aber Freundinnen, die diesen Druck schon gespürt haben.

Du hast also Freundinnen, die auch keine Kinder haben?
Ja, das habe ich. Das ergibt sich natürlich dann auch aus dem Leben heraus. Wenn du Kinder hast, suchst du andere, die Kinder haben, damit du dich austauschen kannst. Ich habe schon Freundinnen mit Kindern, aber natürlich habe ich mir auch kinderlose Frauen gesucht, damit wir auf der gleichen Ebene sind. Denn es sind zwei komplett verschiedene Leben. Denkst du, dass die Kinderlosigkeit auch etwas mit deinem Beruf zu tun hat? Ich habe viele Freundinnen, die auch Polizistinnen sind, und die haben mehrheitlich tatsächlich keine Kinder. Ich denke, dass Frauen, die ihre Erfüllung im Beruf finden, eher keine Kinder haben. Vielleicht gibt es für gewisse Frauen auch einfach keinen Platz für ein Kind, weil sie sich beruflich verwirklichen wollen. Kinder gehören für viele zum absoluten Glück dazu und geben ihnen einen Sinn im Leben.

Wie ist das für dich?
Ich glaube, der Sinn oder das Glück des Lebens basiert nicht auf etwas neben oder vor mir, sondern auf mir selbst. Ob das jetzt ist, dass man Kinder, ein spannendes Hobby oder einen tollen Job hat –wenn man nicht mit sich selbst zufrieden ist, ist man auch nicht glücklich.

Hast du einen Druck von der Gesellschaft verspürt, dass du sozusagen eine Pflicht hast, Kinder zu bekommen?
Nein, eigentlich nicht. Also klar, es hat vereinzelte Momente gegeben. Es kommt ja z.B. immer die Frage «Hast du auch Kinder?». Dann antworte ich mit «Nein» und das Gegenüber ist etwas perplex. Ich sage dann oft auch, dass ich bewusst keine Kinder habe. Denn viele fragen sich dann, ob sie ins Fettnäpfchen getreten sind – ob ich vielleicht gar keine Kinder haben kann. Manchmal belasse ich es aber auch einfach bei einem Nein. Je nach dem, in welcher Verfassung ich bin, finde ich, dass sie das gar nichts angeht.

Haben du und dein Mann unterschiedliche Reaktionen erhalten, wenn ihr gesagt habt, dass ihr keine Kinder habt und auch keine haben wollt?
Da haben wir gar nie drüber geredet. Es war wie ein selbstverständliches Thema, es war nichts Aussergewöhnliches in unserem Umfeld. Ich kann es mir aber sehr wohl vorstellen, dass das so ist. Das liegt natürlich an unserer Gesellschaft – es ist das Naheliegende. Der Mann geht eh arbeiten, ist doch egal, ob der jetzt Kinder hat oder nicht. Es ist die Frau, die zu Hause bleibt und zu den Kindern schaut. Ich glaube, wir sind noch nicht so weit, dass das aus den Köpfen der Menschen verschwindet.

Wie stehst du zu dem uns beigebrachten Stereotyp, dass Frauen unbedingt Kinder haben wollen und Männer eher nicht?
Das liegt für mich in der Natur der Sache. Grundsätzlich ist es gut so, wie es ist. Aber man muss einander leben lassen. Wenn ein Druck entsteht wie «Ich muss jetzt Kinder haben, weil man das von mir erwartet» – ob das jetzt vom Ehemann, von den Eltern oder von den Freundinnen ausgeht – finde ich das eine absolute Katastrophe. Das ist wirklich schädlich, und zwar für alle. In erster Linie für das Kind. Aber wenn du deinem Bedürfnis nachkommst, weil du unbedingt Mutter werden willst, dann bist du nicht besser oder schlechter als eine Frau, die keine Kinder möchte. Ich verurteile weder das eine noch das andere. Aber ich wehre mich gegen einen Stempel. Wenn du keine Kinder hast, heisst es: «Was stimmt mit ihr nicht? Will sie keine Verantwortung übernehmen? Das ist eine pure Egoistin.»

Hast du auch schon solche Kommentare bekommen?
Ja, das habe ich auch schon von Freundinnen gehört. Und es stimmt insofern, dass wenn du Kinder hast, du die grösste Verantwortung hast, die man sich vorstellen kann. Und ich habe mich ganz klar gegen Kinder entschieden, weil ich keine Lust habe, mich mit diesen Problemen rumzuschlagen. Wenn jemand findet, dass ich darum keine Verantwortung übernehmen will, ist das die Meinung des Gegenübers. Ich übernehme meine Verantwortung an einer anderen Stelle im Leben. Ich habe mich auf den Beruf konzentriert und dort versucht, etwas für die Gesellschaft zu machen.

Hast du das Gefühl, dass du dich rechtfertigen musst?
Manchmal schon. Weil solche Pauschalisierungen ungerecht sind, und ich mag Ungerechtigkeit nicht. Und ich hasse es – egal in welcher Situation –, wenn man alle in den gleichen Topf wirft. So wie «Jede Frau bekommt Kinder, und wenn eine Frau keine Kinder bekommt, macht sie etwas falsch». Das geht für mich nicht auf.

Worin siehst du den grössten Vorteil darin, dass du keine Kinder hast?
Meine Freiheit. Ich kann immer nur auf mich schauen. Das kann man Egoismus nennen, aber ich finde, ein gesunder Egoismus ist nicht schlecht, denn ich tue damit niemandem weh. Ich kann wirklich machen, was ich will. Das ist für mich das Grösste.

Was würdest du jungen Frauen raten, die sich mit dem «Traum des Kinderkriegens» nicht ganz identifizieren können?
Das Bauchgefühl täuscht einen nie. Manchmal ist es schwierig, darauf zu hören. Aber wenn man sich schon früh Gedanken dazu macht, ist das für mich ein Zeichen, dass der Kinderwunsch nicht das Wichtigste im Leben ist. Wir sind von zu Hause und unserem Umfeld, ja von der Gesellschaft, geprägt – das bringen wir nicht einfach weg. Aber wir haben das Recht, gegen den Strom zu schwimmen, und sind deswegen nicht schlechtere Menschen. Ich denke aber auch, dass man sich nicht mit 25 endgültig entscheiden muss. Das Leben bringt Überraschungen mit sich und man entwickelt sich. Alles hat seine Zeit im Leben.

Sechs Prozent der Schweizerinnen zwischen 20 und 29 Jahren wollen laut einer Befragung des Bundesamts für Statistik (BfS) keine Kinder. Mit zunehmendem Alter steigt dieser Anteil: Derzeit hat jede fünfte Frau zwischen 50 und 59 keine Kinder. Bei geschätzt der Hälfte handelt es sich dabei um eine gewollte Kinderlosigkeit. Die Wissenschaft unterscheidet dabei drei Gruppen: Die Frühentscheiderinnen, die Spätentscheiderinnen und die Aufschieberinnen.

Bildurheber: Emma-Louise Steiner