Wer an Hawaii denkt, sieht vor seinem inneren Auge wohl als erstes wunderschöne, ruhige Strände. Oder Surferboys auf riesigen Wellen. Oder Luxus-Ressorts mit Cocktail-Drinks in Kokosnüssen. Und damit hat man auch kein falsches Bild von Hawaii. Aber eben nur einen Bruchteil des Gesamtbildes. Was den viel grösseren und meiner Meinung nach imposanteren Teil ausmacht, sind die grünen, kantigen Gebirge, die Vulkankrater, die vielen Wasserfälle und die Regenbogen, die man fast täglich beobachten kann. Es gibt nicht nur sandfarbene Strände, sondern auch schwarze oder rote. Und was mich total fasziniert, ist, dass man innerhalb von einer Stunde vom feuchtnassen Gebiet mit Regenwald zum wüstenartigen Gebiet mit rötlichem Gestein fahren kann. In einer Vierer-Serie berichte ich auf brainstorm-online.vszhaw.ch über die schönsten Eindrücke aber auch über die imperfekten Erlebnisse auf den Inseln Kauai, Maui und Oahu. 

Kauai, Hawaii – Die grünste Insel von allen Seiten betrachtet

«Go big or go home» ist mein Motto hier auf Hawaii. Deshalb starte ich gleich mit einem Helikopter-Rundflug über die grüne Insel. Der Start- und Landepunkt ist der Flughafen von der kleinen Stadt Lihue, das südöstlich auf Kauai liegt. Ich darf vorne sitzen, das Panorama-Fenster zu meiner Rechten reicht bis unter die Füsse. Als wir abheben, fühlt es sich an, als gäbe es keinen Widerstand, keine Einschränkungen, nur Freiheit. Wir gleiten auf den Luftmassen und machen agile Bewegungen, steuern auf die Berge zu. 
Von oben herab: im Helikopter die Insel bestaunen 

Die Bergspitzen tauchen in leichtem Nebel ein, Wasserfälle entspringen jedem Felsspalt, kein Berg wird nach oben hin kahl, alles ist in sattes Grün eingepackt. Kauai ist wirklich filmreif aber das ist kein Geheimnis: Abgelegene Strände von Kauai sind Schauplatz in Fluch der Karibik und die grünen Bergkessel mit ihren Wasserfällen sind bekannt aus Jurassic Park. 

Mit dem Helikopter kann auch die unerreichbaren Orte von Kauai sehen. (Urheber: Island helicopters Kauai )

Je nachdem, ob wir uns auf der Nord- oder Südseite der Berge befinden, fliegen wir in fallende Regentropfen oder der Sonne entgegen. Im kleinen Einmaleins von Hawaii ergibt das einen Regenbogen – oder gleich zwei übereinander. 

Wir fliegen vom Landesinneren an die Westküste, an die berühmte Napali Coast. Das besondere an dieser Küste ist nicht nur die Gesteinsform, sondern auch ihre intensiven Farben. Die Felsen sind grösstenteils rötlich, teilweise aber auch grünlich und kontrastieren sich mit dem hellblauen Pazifik. Speziell ist die Küste vor allem auch, weil sie auf dem Landweg nicht erreichbar ist. Weder Strasse, noch Schotterweg oder Wanderpfad führen dahin. Selbst für erfahrene Wanderer und Bergsteiger wäre der Weg dahin eine höchst herausfordernde Tour. 

Von hier aus fliegen wir wieder über die Bergkämme ins Innere. In den Kesseln des Waimea Canyons fliegen wir nahe den Felswänden entlang, können unendlich viele Wasserfälle bestaunen. Der Waimea Canyon ist der Grand Canyon « en miniature». Im Verhältnis zur Fläche Kauais ist der Waimea Canyon aber ein Gigant. Die Schlucht ist aus rötlichem und orangenem Gestein, gespickt von grünen Teilflächen und blauen Wasserfällen. Schon im Helikopter steht für mich fest: Dort werde ich ganz bestimmt noch auf eine Wanderung gehen! 

Mittendrin: Im Canyon umkesselt von gigantischen Felswänden 

Im Hostel treffe ich auf die Australierin namens Jess. Es stellt sich heraus, dass wir zufälligerweise einen sehr ähnlichen Reiseplan für die hawaiianischen Inseln haben und auf drei Inseln ungefähr zur gleichen Zeit sein würden. Wir mieten zusammen ein Auto via «TURO». Das funktioniert wie Airbnb, einfach für Autos. Wir fahren zum Waimea Canyon, denn was ich von oben gesehen hatte, wollte ich nun Jess von unten zeigen. Überraschend viele Wanderwege gibt es hier. Aus dem Helikopter konnte ich keinen einzigen Pfad und keine einzige Person erkennen. Man fühlt sich hier sehr klein, aber doch nicht verloren. Die Schluchten sind zwar kupferrot, die Wanderwege führen aber auch durchs Dickicht. Ab und zu gibt es Streckenabschnitte, die ziemlich überwachsen sind oder Hindernisse, wie etwa querliegende Bäume haben. Über dem Weg hängt ein totes Wildschwein-Ferkel in den Astgabeln. Wir wissen nicht wie wir uns verhalten sollen, wollen aber dem mitleiderregenden Bild entfliehen. 

Der Waimea Canyon ist das Pendant vom Grand Canyon – en miniature. (Urheber: Island helicopters Kauai)

Ohne einen bestimmten Trail ins Auge gefasst zu haben, folgen wir dem Trampelpfad. Und zu unserer Freude erreichen wir einen wunderschönen Wasserfall. Aber wir befinden uns nicht am Fusse der Felswand, sondern sind oben auf der Kuppe. Hinter uns ist ein kleiner Wasserfall von etwa drei Metern. Vor uns stürzt der Wasserfall über 240 Meter in die Tiefe. Anders als an den meisten Touristenorten in der klagefreudigen USA gibt es hier keine Absperrzäune oder Warntafeln. Wir stehen an die Kuppe und schauen, wie schnell das Wasser herunterfällt. 

Von unten nach oben: Den Anfang der Wasserfälle erspähen 

Zwei Tage später sind wir wieder an einem Wasserfall. Nach einer kurzen Strecke mit dem Kayak flussaufwärts, können wir das Kayak am Flussufer verankern. Hier startet der Wanderweg. Es ist eine einzige Schlammpfütze. Barfuss geht es auf jeden Fall besser als mit Schuhen. Wanderer, die uns entgegenkommen, sind bis über die Knöchel mit Schlamm bedeckt. Jess und ich schauen uns an, müssen lachen und begeben uns in die gratis Schlamm-Kur. Das Ziel sind die «Uluwehi Falls», auch bekannt als die «Secret Falls». Dort gehen wir dann auch duschen. Die Wucht des Wasserfalls habe ich total unterschätzt. 30 Meter hoch ist dieser Wasserfall, das Wasser, prallt mit enormer Energie von der Oberfläche ab. Man muss dagegen ankämpfen, um dem Wasserstrahl näher kommen zu können. Beobachtet werden wir nicht nur von anderen Besuchern, sondern auch von Hühnern und Gockeln. Ja, Hühner laufen auf Hawaii so ziemlich überall wild herum, wie ich später noch merken werde. Kein Witz. 

Die Napali Küste ist mit ihren Farben und Gesteinsformen weltbekannt aber auf keinem Landweg erreichbar. (Urheber: Xavier)

Für die «Makahela Falls» wandern wir flussaufwärts durchs Dickicht. Wir müssen mehr klettern als wandern aber die ganze Wandergruppe, die aus spontanen Leuten vom Hostel besteht, liebt dieses Abenteuer. Kratzer und Schweissperlen mehren sich im Laufe der Wanderung. Doch als wir an der Quelle des Flusses ankommen, wissen wir: Das war es wert! Das Wasser prasselt zuerst in ein Becken, das etwa in vier Metern Höhe zwischen zwei Felswänden ist. Dort ruht das Wasser ein wenig, bevor es die letzten Meter hinabfällt. Das Beste daran ist, dass im unteren Teil des Wasserfalls ein Kletterseil befestigt ist. 

Adrenalin-Junkies, wie Jess und ich es sind, denken dasselbe: Wir wollen da hinaufklettern und in das erste Auffangbecken steigen! Wir befürchten aber, dass der Fels hinter dem Wasserfall glitschig ist. Deshalb beraten wir uns zuerst mit anderen Touristen und Einheimischen, wo wir am besten die Füsse platzieren sollen, um sicher hochzukommen. Als Jess und ich da oben standen, wagen es beinahe alle, im Wasserfall hochzuklettern. Der Sprung hinunter braucht dann noch einmal etwas Mut. Für Adrenalin-Lovers aber ein Must-Do. 

Weit hinaus: Von der Küste in die Ferne blicken 

Eine ganz andere Seite von Kauai sehen wir an der Nordküste. Riesige Strände gibt es dort, einige davon fast menschenleer. Dafür sind die Wellen riesig und Baden nicht möglich. Sie kommen angerollt, türmen sich bis auf vier Meter auf und brechen mit lautem Getöse in sich zusammen. Gemäss Wetterberichten würden diese Wellen in den nächsten Tagen auf über zehn Meter wachsen. Landesweit wird davor gewarnt, ins Wasser zu gehen. Einzelne äusserst crazy Surfer gibt es dennoch, die sich dieser Gefahr stellen. 

Ebenfalls hier im Norden besuchen wir den bekannten Kilauea-Leuchtturm. Er steht am nördlichsten Punkt Kauais auf einem grossen Kap, der weit ins Meer hinausragt. Es ist sehr grün hier und erinnert an nordeuropäische Küsten. Hier kommen «Wildlife-Experten» zusammen, um brütende Seevögel zu beobachten. Oder um Walen zuzuschauen, wie sie mit an die Wasseroberfläche kommen, um einen Atemzug zu nehmen. 

Dass mich dieses «Whalewatching» als Touristenattraktion noch nerven würde, konnte ich mir hier noch nicht vorstellen. Warum das der Fall wurde, könnt ihr bald online in meinem Reisebericht über die Insel Maui lesen.

Bildurheber Titelbild: Island helicopters Kauai