Wer an Hawaii denkt, sieht vor seinem inneren Auge wohl als erstes wunderschöne, ruhige Strände. Oder Surferboys auf riesigen Wellen. Oder Luxus-Ressorts mit Cocktail-Drinks in Kokosnüssen. Und damit hat man auch kein falsches Bild von Hawaii. Aber eben nur einen Bruchteil des Gesamtbildes. Was den viel grösseren und meiner Meinung nach imposanteren Teil ausmacht, sind die grünen, kantigen Gebirge, die Vulkankrater, die vielen Wasserfälle und die Regenbogen, die man fast täglich beobachten kann. Es gibt nicht nur sandfarbene Strände, sondern auch schwarze oder rote. Und was mich total fasziniert, ist, dass man innerhalb von einer Stunde vom feuchtnassen Gebiet mit Regenwald zum wüstenartigen Gebiet mit rötlichem Gestein fahren kann. In einer Vierer-Serie berichte ich auf brainstorm-online.vszhaw.ch über die schönsten Eindrücke aber auch über die imperfekten Erlebnisse auf den Inseln Kauai, Maui und Oahu.

Hawaii, Maui

Maui. Der Name der hawaiianischen Insel Maui steht für einen polynesischen Halbgott, der den Menschen das Feuer brachte. Absolut passend für eine vulkanisch entstandene Insel. Vulkanische Spuren treffe ich im Verlaufe meiner Hawaii-Reise immer wieder an: schwarze Strände, Lava-Tunnels und Vulkan-Krater. All dem und vielen anderen faszinierenden Naturdenkmalen begegne ich auf der Insel Maui. Unterwegs bin ich mit einem nach Kalifornien ausgewanderten Brasilianer und einer australischen Naturliebhaberin. Alle drei Alleinreisende, tun wir uns zusammen, mieten ein Auto von einem «Local» und los geht’s «on the road».
Die «Road to Hana»

Die Road to Hana ist bekannt als die schönste Panoramastrasse Mauis. Die schmale Strasse mit unendlich vielen Spitzkurven führt rund um die gesamte rechte Halbinsel. Ohne Halt würde die Route nur etwa drei Stunden dauern. Genau in der Mitte der Strecke, an der Ostküste Mauis, liegt das kleine Städtchen Hana.

Gemeinsam mit einer Australierin und einem Brasilianer fuhr ich diese Route, mit unserem gemieteten Infinity M35, beginnend im feuchtnassen Norden. Es regnet, wie es sonst nur in der Schweiz regnet. Dicke Tropfen fallen mit enormer Schwerfälligkeit auf die Windschutzscheibe, so dass der Scheibenwischer kaum mehr mithalten kann. Nach einigen Meilen wird der Regen sanfter aber die Tropfen sind immer noch gleich dick. Die Strasse führt nun dem Regenwald entlang. Es ist unglaublich dichtes grün und es hängen immer noch dichte Wolken über uns.

Der Norden Mauis ist dank nassem Klima sehr grün. (Bildurheber: Paul Sauron)

Wir entscheiden uns anzuhalten, um einen kleinen «Loop Trail» durch den Regenwald zu gehen. Jetzt bereue ich, die weissen Nike Sneaker angezogen zu haben. Auf dem ausgeschilderten Weg müssen wir durch meterlange Schlammpfützen gehen. Die Pfützen sind notdürftig mit Ästen ausgelegt, die als Inseln dienen sollen. So sind wir nur fünf statt zehn Zentimeter im Schlamm eingesunken. Aber ich weiss, ich bin selber schuld, dass ich meine Schuhe ruiniere.

Es ist friedlich im Regenwald. Von den riesigen Bäumen hängen Lianen, riesige Farne bringen grüne Farbe ins Bild. Ein Schild steht da, auf dem steht: «Quiet, trees at work». Weiter oben liegt ein Baumstamm quer über dem schmalen Weg. Links geht es steil rauf. Rechts steil runter. Die Aussicht ist spektakulär: Wir schauen herab auf riesige Bäume mit breit gefächertem Blätterdach und sehen gleichzeitig im Hintergrund die üppig bewachsenen Felswände. Wir klettern nun über die nasse Wölbung des querliegenden Baumstamms und lassen uns auf der anderen Seite möglichst mit wenig Schwung in die nächste Pfütze sinken.

Wasserfälle spalten die grün bewachsenen Felswände. (Bildurheber: Paul Sauron)

Das gemietete Auto ist jetzt im Inneren dreckiger als auf der Aussenseite. Aber darum können wir uns später kümmern. Weiter geht’s! Wasserfälle spalten die grün bewachsenen Felswände. Ihre Wassermassen fallen mit wahnsinniger Geschwindigkeit von oben herab und sammeln sich in einem kleinen Becken. Von dort fliesst das Wasser unter der Strasse durch zur Küste. Den nächsten längeren Stopp machen wir kurz vor dem Städtchen Hana. Hier gibt es einen schwarzen Strand. Er ist in einer felsigen Bucht mit unglaublichen Farbkontrasten vom blauen Wasser, den hellgrünen Pflanzen und dem schwarzen Sand.

Die schwarzen Strände sind auf den vulkanischen Ursprung zurückzuführen. (Bildurheber: Alyssia Kugler)

Die Wellen stossen mit ihrer ganzen Energie in die Felshöhlen und bieten sich super an, um meine vor Schlamm strotzenden Schuhen zu waschen. Aber die Schuhe mit Meerwasser zu waschen, ist eine furchtbare Idee, wie sich später rausstellte. Schweiss, Regenwald-Schlamm und Meerwasser akkumulieren zu einem unausstehlichen Gestank. Ich habe die Schuhe nicht behalten.

Wir entscheiden uns, ins Wasser zu gehen. Die Wellen sind zwar sehr gross, kommen in Slow Motion angerollt. Wir schaukeln auf ihnen auf und ab. Dann regnet es plötzlich wieder. Wir bleiben in den Wellen, denn die Regentropfen fühlen sich angenehm warm an, wie unter der Dusche. Erst als der Regen aufhört, gehen wir weiter.

Nach Hana hätte ein roter Sandstrand sein sollen, aber den haben wir verpasst. Vielleicht hätte ich mich trotzdem an die Geschwindigkeitsgrenze von 15 Meilen pro Stunde halten sollen.

Schon bald beginnt die Diskussion, ob wir die Strasse durchfahren oder umkehren wollen. Denn wir wurden gewarnt, dass im Süden der Halbinsel eine Teilstrecke nicht geteert sei. Dies sei problematisch, weil auf Hawaii keine Versicherung für Schäden aufkomme, wenn diese auf diesem Streckenabschnitt passieren. Range Rover fahren oder sein lassen, hiess die Devise. Noch bevor wir uns entscheiden konnten, sind wir bereits auf der ungeteerten Strasse. Unser Auto ist tiefgelegt, mit Vorderradantrieb und dazu noch in weisser Farbe. Jetzt heisst es Augen zu und durch. Wenn wir jetzt noch umkehren wollten, würde das Benzin nicht mehr ausreichen, um auf dem gleichen Weg zurückzukommen.

Mit maximal fünf bis zehn Meilen pro Stunde ruckelten wir über die unebenen Stellen. Kein Problem eigentlich. Dauert einfach besonders lange. Aber die Aussicht war es wert: Die rötlich, sandige Strasse mit kurzen, sehr starken Steigungen und anschliessenden Senkungen verlief auf der ganzen Teilstrecke ganz nah der Küste entlang. Wir kamen in den Genuss von spektakulären Aussichten, sahen bis zum Horizont, wo bereits die Sonne sich langsam der Meeresoberfläche zuneigte. Nach einigen Meilen befinden wir uns plötzlich auf einer perfekten Strasse. Sie ist breit, pechschwarz, mit klarer Mittellinie in greller gelber Farbe sind die Fahrbahnen voneinander getrennt. Sie schlängelt sich in lockeren Kurven durch eine wüstenähnliche weite Landschaft mit rötlichem Boden.

Die Strasse auf dem letzten Streckenabschnitt ist ein Traum für jeden, der gerne aufs Gaspedal drückt und weite Sicht liebt. (Bildurheber: Paul Sauron)
(Bildurheber: Alyssia Kugler)

Das einzige Problem waren die «Cattle Grids», die im Boden eingelassen waren und die Ziegen und Kühe einzäunen sollten. Ich fahre immer wieder zu schnell darüber – aus Versehen natürlich. Badumm! Riesenlärm. Aber diese Strasse bietet sich wunderbar an, einfach Mal auf die Tube zu drücken. Wir haben diese Rennstrecke scheinbar für uns alleine. Naja, mit den Kühen muss man teilen. Sie stolzieren tiefentspannt über den Highway. Das ist jetzt wohl der Aloha-Lifestyle.

Molokini Krater

Ungefähr eine Meile von der Küste Mauis entfernt ragt ein Krater aus dem Ozean. Also eigentlich nur die Hälfte davon, denn die andere Seite des Kraterringes ist unter der Wasseroberfläche. Er sieht aus wie ein Halbmond: Der Molokini Krater.

Vom Molokini Krater ist nur die Hälfte sichtbar und gilt als sehr beliebter Ort zum Schnorcheln. (Bildurheber: Lizenzfreies Bild)

Dank seinem üppigen Unterwasserleben ist dieser Krater höchst beliebt zum Schnorcheln. Aber als wir mit einem touristengefüllten Boot, Calypso (Kreativität ahoi!), dahinfahren, regnet und stürmt es stark. Der Kapitän muss einen anderen Ort finden, wo wir schnorcheln gehen dürfen. Das Boot umfährt dazu den Krater, so dass wir die Rückseite sehen können. Diese sei vom US-Militär im Rahmen von Militärübungen beschossen worden. Deswegen sei die Kraterwand heutzutage um einen Drittel kleiner, erzählt uns der Kapitän. Auf Grund des stürmischen Wetters fahren wir weiter in den Süden, lassen die Regenwand hinter uns. Hier ist es sonnig und warm. Aber das Unterwasserleben ist entgegen unseren Erwartungen bescheiden.

Das Unterwasserleben ist nicht so farbig wie erhofft. (Foto: Jess Hancock)

Erst die Rückfahrt zurück in den Sturm ist wieder etwas spektakulärer. Wir halten uns an der vorderen Reling fest und lachen Wind und Wellen entgegen.

Kurz vor dem Hafen beginnt auf einmal ein «Oh» und «Ah»-Konzert von den anderen Touristen. Ein Wal hat 50 Meter vom Boot entfernt einen Atemzug geholt. Alle Menschen verlagern sich auf eine Seite des Bootes, das Boot neigt sich, ich fühle mich wie auf der Titanic. Mehr als eine kleine Wasserfontäne in der Ferne sieht man als Anzeichen des Wals aber nicht. Wenn man Glück hat, sieht man beim «Whalewatching» die Schwanzflosse noch kurz über die Wasseroberfläche ziehen. Erstaunlicherweise ist «Whalewatching» eine DER Touristenaktivitäten schlechthin. Ich verstehe den Hype um das Wale-Schauen nicht.

Mit einer Drohne ist Whalewatching faszinierender als vom Boot aus. (Bildurheber: Paul Sauron)
Haleakala Nationalpark

Wieder sind wir auf einer schlängelnden Strasse, diesmal aber mit Steigung. Ich fühle mich wie auf einer Schweizer Passstrasse. Tatsächlich sind wir aber auf dem Weg zum Haleakala Krater im Haleakala Nationalpark. Die Umgebung auf dem Krater gleicht einer Mars-Landschaft. Rötlicher Boden, Steine, keine Pflanzen ein Observatorium. Wir kamen für den Sonnenuntergang. Es liegt nur noch ein kurzer Spaziergang in dieser aussergewöhnlichen Umgebung drin. Ich bereue, dass wir so knapp gekommen sind. Es hätte hier oben tolle Wanderrouten gegeben.

Der Haleakala Krater gleicht einer Marslandschaft, nur ist sie auf Hawaii. (Bildurheber: Paul Sauron)

Wir sind auf 3000 Meter über Meer, über den Regenwolken. Die Sonne leuchtet in grellem orange-rot. Kleine Wolkenfetzen schweben vor ihr und lassen sich von den letzten Sonnenstrahlen durchleuchten. Der ganze Horizont hat einen orangenen Streifen, der immer dünner wird. Als die Sonne unter den Wolken verschwindet, ist nur noch eine ganz schmale Linie dieses leuchtenden Rots zu sehen. Sie zeichnen die Konturen der Wolken nach.

Der Sonnenuntergang ist über den Wolken vom Haleakala Krater aus spektakulär.
Bildurheber: Paul Sauron

Ohne Sonne wird es schon bald bitterkalt Ich habe fast ein wenig Mitleid mit den japanischen Touristen, die mit Flip Flops hier hinauf gekommen sind. Jedoch ist es mir ein weiteres Mal peinlich zu den Touristen zu gehören. Wie am Tag zuvor auf dem Boot mit den «Whale Watchers», nur sind es dieses Mal «Möchtegern-Abenteuer-Touristen».

Hätte mir auf dem Haleakala Krater jemand gesagt, dass es hier oben zwei Wochen später schneien würde, hätte ich ihm nicht geglaubt. Aber genau das berichten die Medien weltweit. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich bereits auf Oahu. Glück gehabt.

Bildurheber Titelbild: Paul Sauron