Wer an Hawaii denkt, sieht vor seinem inneren Auge wohl als erstes wunderschöne, ruhige Strände. Oder Surferboys auf riesigen Wellen. Oder Luxus-Ressorts mit Cocktail-Drinks in Kokosnüssen. Und damit hat man auch kein falsches Bild von Hawaii. Aber eben nur einen Bruchteil des Gesamtbildes. Was den viel grösseren und meiner Meinung nach imposanteren Teil ausmacht, sind die grünen, kantigen Gebirge, die Vulkankrater, die vielen Wasserfälle und die Regenbogen, die man fast täglich beobachten kann. Es gibt nicht nur sandfarbene Strände, sondern auch schwarze oder rote. Und was mich total fasziniert, ist, dass man innerhalb von einer Stunde vom feuchtnassen Gebiet mit Regenwald zum wüstenartigen Gebiet mit rötlichem Gestein fahren kann. In einer Vierer-Serie berichte ich auf brainstorm-online.vszhaw.ch über die schönsten Eindrücke aber auch über die imperfekten Erlebnisse auf den Inseln Kauai, Maui und Oahu.

Oahu, Hawaii – Honolulu und hoch hinaus

Auf der Insel Oahu ist die Hauptstadt Hawaiis, Honolulu. Der geschäftigste Stadtteil ist Waikiki mit dem berühmten Waikiki Beach. Eigentlich besteht Waikiki nur aus Hotels, Einkaufsmeilen und Touristen. Vor allem asiatischen Touristen. Was aber ziemlich spektakulär ist: Die Skyline an der Strandpromenade erinnert an Miami Beach. Waikiki ist der Ort, wo sich der typische Tourist am wohlsten fühlt, weil es einfach alles hat und auf Touristen ausgerichtet ist. Ich finde es hier ziemlich schnell langweilig. Ausserdem nerven all diese Tourismus-Promotion-Leute und es gibt sehr viele Obdachlose, was mir auch etwas unheimlich ist. Doch habt ihr gewusst, dass die Bürgermeister einiger US-Staaten ihre Obdachlosen für den Winter nach Hawaii fliegen lassen, damit sie nicht erfrieren können? Das erklären mir Einheimische und ja, das überrascht mich sehr.

Ich bin jetzt maximal einen Kilometer gelaufen, und sitze an einem wunderschönen Strand, wo ich meine eigenen 50 Quadratmeter habe, bevor die nächste Person kommt. Einfach himmlisch! Ich frage mich, warum so viele Leute am Waikiki Beach verweilen, wenn man doch so einfach der Masse entfliehen kann. Aber ja, gut für mich, denke ich, und geniesse den Nachmittag am halbleeren Strand, höre den leichten Wellen zu und lese ein Buch. Ich habe schliesslich schon Ewigkeiten keinen Roman mehr gelesen, doch hier habe ich die Zeit und die Ruhe dazu.

Unweit von der Metropole entfernt, findet man bereits ruhige Strände.

Der Wilde Westen im Osten Oahus

Um mir einen Überblick über die Insel von Oahu zu verschaffen, fahre ich am nächsten Tag mit dem Bus von Süden her der Ostküste entlang hinauf bis an die Nordküste. Es kommt mir vor, als wäre ich auf eine andere Insel geraten. Die touristische Atmosphäre von der Grossstadt Honolulu kann ich bereits nach wenigen Minuten Busfahrt nicht im Geringsten mehr spüren. Nirgendwo sonst auf Oahu scheint es eine Stadt zu geben, die auch nur annähernd so dicht besiedelt ist wie in Honolulu.

Die Strasse führt zuerst über einen kleinen Hügel, wo auch eine Universität sein soll, dann sind wir umgeben von den typischen Bergen Hawaiis — grün und kantig — und schon bald ruckelt der Bus an leeren Sandstränden vorbei.  Meine Stimmung wechselt von enormer Wanderlust zu enormer Badelust. Am liebsten würde ich genau jetzt vom Bus zu springen und in diese Idylle eintauchen. Doch die Neugierde will zuerst noch mehr gesehen haben. Wir kommen nun an einer Pferderanch vorbei, die aus dem Wilden Westen gepickt und hierhin verpflanzt hätte sein können. Es ist ein bizarres Bild, denn vor der Ranch ist das türkisblaue Meer mit leerem Sandstrand, hinter der Ranch ist die tropisch aussehenden Berglandschaft.

Dieser Berg ragt direkt hinter der Pferderanch empor. 

Mini-Insel in Hutform

Wir kommen am Lanikai Beach vorbei, von wo aus die winzigen Mokulua Islands sichtbar sind. Das sind zwei kleine Inseln, nicht weit von Oahu im Meer draussen. So nah, dass man mit dem Kayak dorthin paddeln kann. Die Inseln sehen aus wie zwei Kegel und sind sehr bekannt.

Etwas weiter nördlich an der Ostküste ist eine weitere Insel, die Mokoli’i Insel. Sie wird wegen seiner Form auch Chinamans Hat genannt. Diese Insel ist ebenso klein wie die Mokulua Islands, ist aber alleinstehend. Sie ist fünf Kilometer von der Küste weg und bei Ebbe könne man den grössten Teil der Distanz durchs Wasser waten und müsste nur einen kleinen Teil schwimmen. In den Wintermonaten wird aber davon abgeraten, wegen den Strömungen. Ich entscheide mich deshalb dagegen, verbringe aber etwas Zeit am Strand mit Blick auf diese entzückende Insel.

Die Moloki’i Insel wird auch „Chinamans Hat“ genannt, wegen seiner Form. 

Im Norden ist der Sunset Beach, der bekannt ist als DER Surferstrand von Oahu. Dementsprechend hat es sehr viele Leute dort und die Wellen sind definitiv eher für Fortgeschrittene oder sogar Profis geeignet. Aber davon gibt es genug auf Hawaii. Wer auf Hawaii fragt, ob er auch surfe, wird doof angeschaut. So wie man in der Schweiz — zumindest früher — doof angeschaut wurde, wenn man gefragt wurde, ob man auch Ski fahren würde. Da der Bus für den Weg hierhin wegen der vielen Haltestellen eine halbe Ewigkeit hatte, gehe ich bald wieder in den Süden. Das ist in dem nicht klimatisierten Bus nicht besonders angenehm. Zum Glück ist wenigstens die Aussicht immer noch so spektakulär und lenkt mich davon ab, dass meine verschwitzte Haut der Oberschenkel am Sitz klebt.

Wandern, wandern, wandern

Ich fühle mich dort wohler, wo es keine riesigen Menschenmengen hat. Deshalb plane ich Wanderungen in den umliegenden Bergen und Hügeln. Bevorzugt etwas herausfordernde Wanderungen, denn sonst trifft man ja trotzdem auf Menschenmengen. Menschenmengen die Flip Flops tragen und mit Kameras ausgestattet sind.

Doch die anstrengenderen Wanderungen möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht alleine machen. In meinem Hostel habe ich bisher nur Leute getroffen, die sportlich nicht so ambitioniert sind. Die Interessieren sich auch fast ausschliesslich für die Strände und kaum für die höheren Berge. Ich bin aber trotzdem nicht die Einzige, die nach Leuten für schwierigere Wanderungen sucht. Durch reinen Zufall stolpere ich am Abend einem Kanadier über den Weg, der etwa dieselben Wanderungen machen will, wie ich. Dazu noch perfekt ist, dass er sich ein Auto gemietet hat. Wir wollen den Wiliwilinui Ridge Trail machen, eine Gratwanderung.

Der Start des Wanderwegs ist in einem Reichenquartier. Die Eingangsstrasse ins Quartier ist mit einer Schranke und so was, wie einem Zollhäusschen abgesperrt. Tatsächlich müssen wir dort einen Berechtigungsschein ausstellen lassen und die Pässe zeigen. Auf diesem Hügel reihen sich die Villen aneinander, alle mit bester Aussicht auf das Meer und eine spektakulärer als die andere

Von hier aus geht es los auf einem Kiesweg, der schon bald einem schmalen erdigen Trampelpfad weicht und immer steiler wird. Teilweise so steil, dass es Seile zur Unterstützung für den Aufstieg hat. Mein Wanderpartner stellt sich als so was wie ein Trailrunner heraus und legt ein ganz schönes Tempo vor. Bin ich aber froh, ich schleiche auch nicht gern Berge hinauf. Oben angekommen, geht der Weg auf dem Bergkamm weiter. Er ist hier relativ verwachsen, zum Teil etwas schlammig und rutschig, der Wind bläst. Es ist abenteuerlich. Und die Aussicht ist genial. Man sieht auf der einen Seite bis nach Waikiki, auf der anderen Seite Lanikai Beach und die zwei Mokulua Inseln. Vor und hinter uns ziehen erstrecken sich die Bergketten. Die Berge sind auf jeden Fall mindestens so schön wie jene, die ich noch von Kauai her kenne.

Sonne am Strand, Regen in den Bergen

Am nächsten Tag hängen dichte Wolken über den Bergen, aber im Süden ist es sonnig. Kaum kommen wir mit dem Mietauto in die Berggebiete, fallen dicke Tropfen in einem dichten können wir nur noch zehn Meter weit, so dick sind die Regentropfen, die in einem dichten Vorhang laut auf der Windschutzscheibe aufschlagen.

Die geplante Wanderung auf den Olamana Ridge Trail fällt ins Wasser, dabei hätten wir uns sehr auf diesen abenteuerlichen Trail gefreut. Er wäre über drei Bergspitzen gegangen. Jeder Bergspitz sieht aus wie ein quadratischer Biskuitkekes, der mit der Spitze voran in die Eiskugeln vom Coupe gesteckt wird. Sie sind also sehr steil und enorm schmal. Wirklich perfekt für uns zwei Adrenalin-Junkies.

Einige Leute haben mit dem steilen Weg zu kämpfen.

Etwas enttäuscht von den Wetterverhältnissen fahren wir wieder in den Süden. Obwohl nur eine halbe Stunde weg, merkt man hier nichts vom sintflutartigen Regen in den Bergen. Hier gibt es kürzere und touristischere Wanderwege. Wir entscheiden uns, auf den Koko Crater zu laufen. Kurz aber steil, denn der Trail ist eine ehemalige Bahnschiene. Die Holzplatten, die die beiden Gleise in gleichmässigem Abstand behalten sind zu Treppen umfunktioniert worden. Somit stehen nun 1’048 Treppentritte vor uns.

Mit dem Kanadier natürlich wieder im Trailrunning-Tempo. In 20 Minuten sind wir oben, kommen unterwegs an Leuten vorbei, von denen man sich nicht vorstellen kann, warum sie sich diesen Weg antun. Knieprobleme und Höhenangst sind einfach schlechte Voraussetzungen für solche Trails. Aber ich denke, das wissen sie jetzt auch. Aber wir sind problemlos und schmerzfrei hier oben angekommen und können jetzt die Aussicht geniessen. Da der Koko Head Crater sehr weit im Süden ist, kommen wir in den Genuss von einer weitreichenden Sicht über die Küste, Buchten und Randgebiete von Honolulu.

Die Aussicht vom Koko Head Crater ist wunderbar. (Foto: Alyssia Kugler)

Surfen auf Hawaii, das muss sein

Das Wetter im bergigen Teil von Hawaii erholt sich wohl nicht mehr während meinem Aufenthalt auf Oahu. Deshalb kann ich leider nicht mehr den berühmten Stairway To Heaven begehen. Das ist ebenfalls eine Wanderroute, von der aus man auf Honolulu heruntersieht. Offiziell ist der Kürzere der zwei Aufstiegswege verboten, weil er durch private Grundstücke führt und weiter oben die Treppen nicht sicher sind. Der lange Weg dauert jedoch sieben Wanderstunden. Dementsprechend bekomme ich immer wieder von anderen Reisenden ausgefeilte Tipps und Tricks. Einige haben richtige Pläne geschmiedet, um den “Guards” am Anfang des illegalen Wanderwegs auszuweichen, Ausweichrouten auf Karten eingezeichnet oder Tageszeiten ausfindig gemacht, zu denen die Kontrolleure nicht da sind. Wer auf sozialen Plattformen oder auf Google “Stairway To Heaven” eingibt, versteht bestimmt auch, warum einige diesen Aufwand betreiben. Der längere Aufstieg führt nämlich nicht über die berühmten Treppen.

Ich bleibe deshalb im trockenen Süden, und tu, was man auf Hawaii so tut: Ich buche eine Surflektion. Eine Gruppenlektion, damit es günstiger kommt. Ich bin dann aber die einzige, die sich anmeldet und somit habe ich ohne Aufpreis einen Privatkurs. Die erste Lektion ist: Nicht alle Surflehrer sind jung, sportlich und gut aussehend. Zuerst sieht es aus, als wäre meine Lehrperson eine Frau. Eine Frau, die man von ihrem Körpervolumen her nicht als Surferin einstufen würde. Kurzfristig entscheiden sie sich, mich einem männlichen Surflehrer zuzuweisen. Darüber bin ich im ersten Moment froh. Im zweiten Moment muss ich innerlich lachen. Auch dieser entspricht in keinerlei hinsicht dem Klischee eines Surflehrers. Er ist 60 Jahre alt und sieht so ungepflegt aus wie ein Obdachloser. Zuerst bin ich etwas verärgert, weil er sich unendlich viel Zeit lässt, um sich bereit zu machen. Spätestens aber als er merkt, dass ich mir sehr viel Mühe gebe und schnell Fortschritte mache, packt er seine guten Zusatztipps aus.

In weniger als einer Stunde stehe ich mehrere Male auf einer Welle und ich liebe das Gefühl von der Kraftvollen Wassermasse unter meinem Board. Es ist tatsächlich gar nicht so schwierig. Also, wenn man es im richtigen Moment auf das Brett geschafft hat. Zuerst muss man aber noch die kommenden Wellen richtig einschätzen und rechtzeitig in Wellenrichtung paddeln. Manchmal sieht aus, als gäbe es eine Superwelle und dann schleicht sie in einem leichten Wiegeln unter einem hindurch. Oder man ist zu nah an der Küste und die Welle bricht bereits hinter einem.

Das war es für mich hier auf Hawaii und ich muss sagen, ich kann es den US-Amerikanern überhaupt nicht übelnehmen, dass sie so oft für Kurzferien hierhin kommen. Für sie ist Hawaii das, was das Tessin für uns Schweizer ist. Ein Ort im Inland an dem man Sonne tanken kann. Ich will auch wieder zurückkommen.

Bildurheber: Alyssia Kugler