Ein ehemaliger Zeuge Jehovas ist nach seinem Rauswurf hin- und hergerissen zwischen zwei Welten.

22 Jahre lang lebte Mads Hendrichsen aus Kopenhagen in einer Parallelwelt. Er glaubte an die Lehren der Zeugen Jehovas, an den Untergang der Welt und dass vorehelicher Sex eine Sünde ist. Bis ihm seine eigene Sexualität einen Strich durch die Rechnung machte: Weil Mads regelmässig Pornos schaute, wurde er von der Sekte verstossen. Auch ein Jahr danach ist er noch immer zutiefst zwiegespalten.

Wie haben die Zeugen Jehovas überhaupt herausgefunden, dass du Pornos schaust?

Ich habe es ihnen gesagt, weil ich mich so schlecht gefühlt habe. Ich wollte, dass die Schuld von mir genommen wird. Daraufhin haben sie mich vor die Wahl gestellt: Nie wieder Pornos schauen oder das Verlassen der Gemeinde. Natürlich hatte ich Angst und wählte die keusche Variante. Ich täuschte monatelang vor, nicht mehr zu sündigen, bis mich die Schuld schlussendlich wieder einholte und ich endgültig zusammenbrach. Daraufhin warfen sie mich raus.


Was hast du vor deinem Rauswurf über uns Nicht-Gläubige gedacht?

Meine Eltern haben mir seit jeher eingetrichtert, dass man euch nicht trauen kann. Und ihr euch nicht umeinander kümmert. Dass «eure» Welt böse, oberflächlich und ohne Liebe sei und ich schnell unter einer Brücke landen würde.


Ein Jahr hast du nun bereits unter uns überstanden. Wie fühlst du dich?

Langsam besser. Mit dem Rauswurf habe ich auf einen Schlag mein gesamtes Umfeld verloren. Wenn ich heute meine Familie oder ehemals besten Freunde sehe, ignorieren sie mich entweder komplett oder halten mir eine Predigt. Ich hatte zuvor keine nicht-gläubigen Bekannte oder Freunde. Diese komplette Isolation hat mich beinahe um den Verstand gebracht. Ich war sehr wütend. Mittlerweile konnte ich mir ein kleines Netz aus guten, «weltlichen» Freunden aufbauen und mein Leben ist wieder etwas einfacher geworden.


Fühlst du dich heute noch schuldig, wenn du dir Pornos anschaust?

Jedes Mal. Auch wenn ich es geniesse, etwas mehr zu meiner Sexualität stehen zu können. Es ist jedoch, als wäre ich zweigeteilt: Eine Seite von mir will experimentieren und Abenteuer erleben, am Strand in Thailand Drogen nehmen oder mit einer Transfrau schlafen. Ich glaube nämlich, dass mir das gefallen würde. Da ist jedoch noch die andere, traditionelle Seite: Sie ist noch immer tief mit den Zeugen Jehovas verbunden und so präsent, dass ich mir nicht vorstellen kann, den Glauben jemals ganz aufzugeben. Dieser Kontrast macht es mir unmöglich, meine jetzige Freiheit zu geniessen und zum Beispiel Sex nicht als Sünde zu betrachten.


Wie hat sich die Zeit bei den Zeugen Jehovas auf deine Sexualität ausgewirkt?

Durch das riesengrosse Tabu, das um vorehelichen und experimentellen Sex gemacht wird, habe ich das Ganze auch auf ein unerreichbares Podest gestellt. Sex hat für mich immer die Erfüllung aller Wünsche bedeutet: Eine Erwartung, der wohl kein Sex der Welt gerecht werden könnte.


Hattest du mittlerweile einmal Sex?

Ja! Letzte Woche! Mit einer Frau, die ich über Couchsurfing kennengelernt habe. Ich war aber etwas enttäuscht, es hat sich nicht so angefühlt wie in meiner Vorstellung und gekommen bin ich auch nicht, obwohl wir es mehrmals probiert haben. Vielleicht war es aber einfach etwas überstürzt. Ich kannte sie schliesslich gar nicht wirklich. Und ich habe gehört, das erste Mal sei meistens ziemlich scheisse. Ich habe mich dabei auch ziemlich schuldig gefühlt.


Glaubst du noch an die Lehren der Zeugen Jehovas wie zum Beispiel Harmagedon?

Ja. Und wenn ich etwas Schönes sehe, kann ich mir nicht vorstellen, dass es nicht von Gott erschaffen wurde. Ich weiss, für dich ist das sehr schwer nachvollziehbar. Aber wenn man bei den Zeugen aufwächst, ist das Leben und die Welt mit ihrem Glauben so logisch erklärbar, wie es für dich wahrscheinlich mit der Wissenschaft der Fall ist.

 

Und ich sah den Himmel geöffnet und siehe, ein weisses Pferd, und der darauf sass, heisst Treu und Wahrhaftig, und er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit. Offenbarung 19:11


Wie erklären sich die Zeugen Jehovas, dass Gott einfach nur zusieht?

Adam und Eva haben von der verbotenen Frucht gegessen. Daraufhin hat Gott gesagt: «Dann schaut, wie ihr ohne mich zurechtkommt. Probiert alle Sünden aus und irgendwann komme ich wieder, greife ein und regle alles.». Deshalb glaube ich auch immer noch an das Paradies.


Wie sieht das Paradies aus?

Fruchtbar und grün, wie der Garten Eden. Es gibt keinen Hunger und keine Kriege mehr, man streitet nicht.


Auch keine Fluchwörter? Dann müsstest du aber viele Lieder von deiner Rock- und Hiphop-Playlist streichen. Wäre es dir dort nicht langweilig?

Wobei es auch christlichen Rock gi… Nein, okay, Punkt für dich: Christlicher Rock ist
tatsächlich furchtbar. Ich habe mich auch schon gefragt, ob ich im Paradies dann wieder vor denselben Problemen stehen würde. Und nie ganz reinpassen würde. Wie ein uncooles Kind, das unbedingt in diesen Club möchte, aber dann immer wieder vom Türsteher rausgeworfen wird.


Was passiert denn mit uns anderen uncoolen Kindern nach dem Harmagedon? 
Lasst ihr uns alle sterben?

Ich würde es eher mit dem Wort «verblassen» beschreiben.


Welch charmanter Euphemismus. Aber eigentlich scheinen deine Vorlieben ja eher mit der nicht-gläubigen Welt übereinzustimmen?

Ja, zum Teil. Andererseits haben mir die Zeugen Jehovas auch viele Charakterzüge
mitgegeben, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ehrlichkeit und Grosszügigkeit zum Beispiel. Ich weiss nicht, ob ich das in «dieser» Welt geschafft hätte. Ich könnte mir schon vorstellen, dass ich oberflächlicher und egoistischer geworden wäre. Das ist ja nicht euer Fehler, sondern der enorme Leistungsdruck, der diese Eigenschaften fördert. Das ist bei den Zeugen Jehovas ganz anders. Es ist aber auch kinderleicht, ehrlich und grosszügig zu sein, wenn man ständig davon ausgeht, dass das Ende sowieso bald kommt. Das Leben ist einfach, wenn man sich bei Problemen einfach sagen kann «Jehova (Gott) wird’s dann schon richten.»


In ein paar Wochen gehst du auf Weltreise. Was erwartest du davon?

Das klingt jetzt nach dem ultimativen Backpacker-Klischée, aber ich möchte herausfinden, wer ich eigentlich bin. Mittlerweile habe ich nämlich keinen blassen Schimmer mehr, was ich mag und was mich nur reizt, weil es mir so lange verboten war. Und an was ich eigentlich noch glaube. Ich erhoffe mir zudem von der Reise, dass ich viele herzliche und beeindruckende Menschen treffe, die mir ein Vorbild sein können in der Welt ausserhalb der Zeugen Jehovas. Ich möchte meine Grenzen wieder kennenlernen.


Denkst du, du wirst irgendwann wieder zu den Zeugen Jehovas zurückkehren?

Das kommt darauf an, wie ich mich im nächsten Jahr verändere. Ich vermisse meine Eltern. Und meine Geschwister und meine Freunde. Vielleicht werde ich eines Tages wieder zurückgehen, nur um mein Leben mit ihnen teilen zu können. Auch wenn ich ihnen noch nicht ganz vergeben habe, wie sie mich behandelt haben: Wenn ich an eine entwurzelte Zukunft ohne sie denke, fühle ich mich hoffnungslos. Ich freue mich jetzt aber erstmal auf meine Reisen und alle Abenteuer. Darauf, einfach ins Leben springen zu können ohne Angst vor Konsequenzen. Darauf, wild und einfach ich selbst sein zu können. Eine Möglichkeit, die viel mehr geschätzt werden sollte. Ein Grossteil der Menschen darf das pure Leben nie erfahren. Aber der Preis, den ich für diese Freiheit bezahlt habe, ist gross.

 

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