In einem Keller auf dem Winterthurer Sulzerareal wird geknobelt und Geheimnisse werden gelüftet: Im Escape Room «Geheimgang 188» geht es manchmal wild zu und her, wie Psychologie-Studentin Norma Aeppli und Politikwissenschafts-Studentin Jacqueline Woodtli erzählen. In ihrem Nebenjob als Spielleiterinnen im «Geheimgang 188» beobachten sie so einiges, wenn die Leute versuchen, ihre Mission zu erfüllen und Rätsel zu lösen.

Brainstorm: War eine Anforderung an euren Job, dass ihr alle Rätsel auf Anhieb lösen könnt?
Norma: Nein, das nicht. Man muss vor allem ins Team passen. Wir sind alle recht ähnlich und junge, offene Leute.
Jacqueline: Miro, unser Chef, hat nach dem Probearbeiten den anderen Mitarbeiter gefragt, ob er sich vorstellen könne, mit mir einen Tag lang im Keller zu sein. Man ist halt wirklich den ganzen Tag dort unten in diesem Raum, nur zu zweit. Es ist wichtig, dass man sich versteht – und das tun wir definitiv.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei euch aus?
Jacqueline: Bevor die Gäste kommen, kontrollieren wir alle Räume und schauen, ob alle Spiele korrekt zurückgesetzt worden sind. Wir ersetzen und reparieren auch kaputte Dinge, dafür haben wir unseren Werkschrank. Es gehören auch klassische administrative Arbeiten dazu, aber grundsätzlich leiten wir die Spiele.
Norma: Genau, wir begrüssen die Gruppe und erklären, wie das Ganze funktioniert. Und dann können sie in den Raum, in ihre Mission. Und wir gehen dann nach hinten ins Büro und beobachten sie über die Kameras.

Es ist bestimmt lustig, die Leute zu beobachten.
Jacqueline: Ja, dann kann man es mit einer Psychoanalyse versuchen. Der Job ist höchst empfehlenswert für alle Psychologiestudenten. Nein, ernsthaft: Es ist schon interessant. Wenn zum Beispiel Pärchen kommen und anfangen sich anzuschnauzen oder eben gar nicht. Oder zum Beispiel bei Familien: Dort schieben die Kinder jedes Mal eine Totalkrise wegen den Eltern, «Mami los mol zue… Nai Mami, da hani scho ahglueged». Das ist immer recht lustig.

Das klingt ja fast ein bisschen nach Reality-TV?
Norma: Ja, schon ein bisschen. Ich hatte letztens eine herzige Gruppe. Es war eine Familie mit drei Kindern und das Mädchen war offensichtlich in der Pubertät. Und am Anfang bei der Begrüssung verdrehte sie jedes Mal die Augen, wenn ihre Mutter einen Witz machte und sagte die ganze Zeit über kein Wort. Kaum betrat sie den Escape Room, blühte sie jedoch völlig auf.

Helft ihr aktiv oder erst, wenn sie fragen?
Jacqueline: Man kann beides machen. Grundsätzlich spielen wir automatisch Tipps ein, wenn sie nicht vom Fleck kommen und so langsam die Nerven verlieren. Aber sie können uns auch direkt anfragen mit dem alten Kurbeltelefon oder dem Walkie-Talkie.

Automatische Handgriffe: Nach jedem Spiel muss alles wieder an seinen Platz zurück. 

Musstet ihr schon mal jemanden aus dem Raum retten, beispielsweise wegen Klaustrophobie?
Jacqueline: Nein, noch nie. Die Räume sind bei uns nicht abgeschlossen. Normalerweise ist man in Escape Rooms wirklich eingeschlossen, aber bei uns müssen die Leute eine Mission im Raum erfüllen und nicht einfach nur aus dem Raum kommen.

Was gefällt euch an eurem Nebenjob?
Norma: Für mich sind es die coolen Gruppen. Wenn ich einfach merke, dass sie richtig Spass an der Sache haben und sich freuen, wenn sie alle Rätsel in einer Stunde lösen konnten. Man ist wie ein Teil von ihrem Team und fiebert mit. Man sitzt hinten im Büro und beobachtet alles auf dem Computer. Am Schluss möchten sie oft ihre Erfahrung teilen und fragen, wie sie sich angestellt haben. Und wenn sie es nicht geschafft haben, alle Rätsel zu lösen, können wir sie immer noch aufmuntern.
Jacqueline: Es ist toll, wenn man sieht, wie die Leute völlig aufblühen und total Freude haben. Es ist auch einfach unterhaltsam, den Leuten zuzuschauen. Manchmal ist es wirklich witzig und ich muss einfach richtig loslachen, wenn die Leute seltsame Dinge machen oder irgendetwas herumschreien. Gerade weil sie wissen, dass wir ihnen zuschauen und zuhören. Dann rufen sie auch mal irgendwas in die Kamera, zum Beispiel «jaja, scho guet».

Was passiert denn so Witziges?
Jacqueline: Es passieren so viele witzige Dinge. Ich denke immer, ich sollte es eigentlich aufschreiben. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die einen zum Lachen bringen.
Norma: Es ist manchmal einfach witzig, was die Leute so erwarten. Und oft hinterlassen sie auch eine richtige Unordnung. Jede Schublade wird rausgenommen. Jemand hat mal die Wanduhr komplett auseinandergenommen oder auch die Schreibmaschine. Dann liegt alles in Stücken da. Und bei mir ist effektiv mal einer fünf Minuten lang auf dem Tisch gestanden, die Arme in die Hüfte gestemmt und hat einfach umhergeschaut. Alle anderen haben gesucht, aber er hat nichts gesagt und stand einfach nur da. Bald kommt ja ein neues Spiel raus.

Wie läuft der Entwicklungsprozess ab?
Norma: Unsere Chefs kreieren die Spiele selbst und bauen sie auch. Bevor die neuen Spielräume eröffnet werden, machen wir Spielleiter es selbst einmal durch. Um das Spiel zu testen, aber auch, um den Ablauf zu lernen. Auch die anderen beiden Games mussten wir vor dem Probearbeiten durchspielen.
Jacqueline: Sie haben bei den neuen Spielen auch Testgruppen, um noch Anpassungen an den Rätseln und dem Timing vorzunehmen. Wir Spielleiter werden dann die Letzten sein, die es durchspielen. Wir müssen generell alle Spiele machen, um zu wissen, wie es ist, wie es sich anfühlt und was einem dabei durch den Kopf geht.

Helft ihr beim Tüfteln an neuen Spielen mit?
Jacqueline: Das machen unsere Chefs, die Superhirne. Zusammen mit unserem Techniker und Programmierer. Wir können aber beim Bauen helfen.
Norma: Gerade wenn es um die Kulisse geht, brauchen sie oft Hilfe. Unsere Chefs haben uns gefragt, was sie für einen nächsten Raum machen könnten. Aber die Rätsel entwickeln sie selbst.

Was gefällt euch weniger an der Arbeit?
Norma: Während dem Spiel kann ich nicht aufs Klo. Vielleicht brauchen sie mich ja genau dann! Nein, ernsthaft: Auch wenn es schönes Wetter ist, verbringt man trotzdem den ganzen Tag drinnen.
Jacqueline: Das stimmt. Im Winter kommt man am Morgen im Dunkeln und geht am Abend, wenn es wieder dunkel ist. Für die Location ist der Bunker cool, aber zum Arbeiten manchmal etwas trist. Zudem kriegen wir erst 24 Stunden vor unserer Schicht Bescheid, ob und wann genau wir arbeiten müssen.

Was gehört zu den Herausforderungen?
Jacqueline: Wir tragen sehr viel Verantwortung. Wir sind zu zweit und erledigen dann die ganze Arbeit. Sie vertrauen uns aber auch alles an. Man ist auf sich allein gestellt, dafür ist man eigenständig.

Was schätzt ihr besonders an eurem Job?
Norma: Das Team. Wir sind eine reine Studierenden-Gruppe und sind daher alle im gleichen Boot. Sobald man die Tür öffnet und die anderen da sind, herrscht eine freudige Stimmung. Wir sind mehrere Stunden mit jemandem im Büro, sitzen dort unten und reissen Witze oder beobachten zusammen die Gruppen. Man ist einfach von Anfang an ein Teil davon, ein Teil der «Gang».

 

Bildurheber: Sabrina Manser