Campus 0

Schau, was Du mir und meinen Kommilitonen antust. Du Monster.


Liebe Lernphase
Wir müssen reden. Das meine ich ernst. Solche Floskel finde eigentlich blöd, aber wir müssen wirklich reden. So kann es nicht weitergehen.
Ich hatte während dem Semester so viel zu tun, dass ich keinen Nerv hatte, mit Dir Zeit zu verbringen. WG-Partys, Kafi-Plausch, anderer Zeitvertreib, brauchen, neben den VSZHAW-Partys, auch ihre Aufmerksamkeit. Und dann noch diese Gruppenarbeiten, zu denen ich ein — ja sagen wir’s mal so — ein kompliziertes Verhältnis habe.
Um ehrlich zu sein, ich wollte Dich nur verdrängen. Du nimmst mir so schnell die Luft weg. Immer heisst es «Ich, ich, ich» und nie bist Du bereit, einen Kompromiss einzugehen. Du bist so egoistisch, willst die ganze Zeit, 24 Stunden lang, meine ungeteilte Aufmerksamkeit haben. Das geht so nicht. Du bist unmenschlich. Du bist mir echt zu viel. Ich brauche meinen Freiraum.
Für mich liegt es auf der Hand, dass ich mich gefühlsmässig von Dir entfernt habe. Du bist sowieso nie da. Was soll ich dann? Mich freuen auf die nervige Zeit mit Dir? Mit Dir skypen, verliebt den Bildschirm anschauen und säuseln, wie gerne ich jetzt bei Dir wäre? Oder Dir sogar verruchte Bilder schicken und schreiben, wie geil ich es jetzt fände… Nein, vergiss es. Boah ist mir schlecht von Dir. Man sagt ja, Zeit heilt alle Wunden, aber dieser Stress, den Du mir bereitest, der richtet bei mir längerfristig einen Schaden an.
Schon klar, ich bin nicht immer treu und ehrlich zu Dir gewesen. Wir sehen uns eh nicht so oft, etwa zweimal pro Jahr, vielleicht noch kurz vor den Nachprüfungen. Du bist zeitlich so unflexibel. Immer sagst du haargenau, wenn’s Dir passt. Aber wer schert sich um meine Bedürfnisse?
Was da mein Körper mitmachen muss, das ist nicht normal: Augenringe bis unter die Gürtellinie, die Gesässbacken ergonomisch an den Stuhl angepasst, die Haut bleicher als der Instagram-Filter Inkwell sie macht, die sozialen Umgangsformen von Holzmaden sind sozialer als die von mir. Du machst mich zu einem Lern-Zombie, der alle möglichen Zusammenfassungen — die natürlich nicht von mir selbst verfasst sind— gierig aufsauge. Ich behalte dann all diese Zahlen und Fakten — ach nein Entschuldigung: das zusammenhängende Verständnis und erweitertes Denken — in mir, um sie bei den Prüfungen herauskotzen zu dürfen. Ich leide unter einer geistigen Anorexie. So kann ja keine gesunde Beziehung entstehen, wenn auf beiden Seiten das Commitment fehlt. Besitzt Du überhaupt noch eine Spur von Menschlichkeit?
Das Wiedersehen nach einer längeren Zeit ist für mich immer ein bisschen schwierig. Versteh doch bitte, es liegt nicht an dir. Sobald das Eis zwischen uns gebrochen ist und ich alles sonst erledigt habe, wie stundenlanges Katzen-Videos schauen, endlich wieder einmal geputzt und ein Diplom für Prokrastination bekomme habe, dann haben’s wir eigentlich recht gut miteinander. Also, so rein, auf professionellere Ebene. Ich kann ja nicht in dich hineinschauen und weiss nicht wie’s Dir so geht, aber ich geniesse dann schon die Zeit, die wir zusammen haben.
Denn eigentlich bist Du super, so als Phase, in der ich allen sozialen Interaktionen absage, mich von der Welt abkapsle und mich nur um eines kümmere, das Wissen. Darum geht es schliesslich beim Studieren: sich Wissen aneignen. Und das liebe ich an Dir.
Du, liebe Lernzeit, zeigst mir immer auf, was ich während dem Semester verpasst habe. Du zeigst mir auf, dass es sich lohnt, Zeit in wichtigere Dinge zu investieren. Du gibst mir das Gefühl, dass es okay ist, sich Wissen anzueignen. Denn klappt eine Tür zu, geht irgendwo eine andere wieder auf. Nach deiner Zeit ist das Schöne ja, dass jeder seinen eigenen Weg wieder gehen kann. Jetzt müssen wir einfach an unserer Beziehung arbeiten. Ich weiss das klingt jetzt blöd, aber können wir trotzdem noch Freunde bleiben?

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