Die nationalistischen Wahlergebnisse vom Oktober 2018 haben die bereits prekäre Situation in Bosnien und Herzegowina auf die Spitze getrieben: Der Graben zwischen Ethnien und Religionen ist so tief wie seit dem Krieg nicht mehr. Nun müssen vor allem junge und innovative Bosniaken, welche die Hoffnung in ihre Heimat noch nicht ganz aufgegeben haben, eine Entscheidung fällen. 

In der einen Hand eine Tasse Kaffee, in der anderen das weiche Ohr von Miko, dem ehemaligen Strassenhund. Marina Mimoza sitzt vor einer bunten Wand des Kulturzentrums in Mostar, die Herbstsonne im Gesicht. Graffitis ranken wild um ihren Rotschopf, immer wieder taucht ein gespraytes Friedens-Zeichen auf. Motive, die in der Realität Bosniens so nicht existieren. «Das Zentrum Abrašević ist ein Treffunkt, wo Religionen und Ethnien keine Rolle spielen sollen.» Auch wenn Marina Englisch spricht, tanzt ihre Stimme zum herben Rhythmus Südosteuropas.  

Marina vor dem Zentrum Abrašević: Hier finden Streetart, Poesie und Musik ihren Platz

Leise Jazzklänge plätschern vor sich hin, begleitet vom Zischen und Klackern der Spraydosen. Den Takt des Zentrums gibt jedoch der Ping-Pong-Tisch an: Eine Gruppe Jugendlicher umkreist ihn wie Planeten die wärmende Sonne. Einige tragen Jogginghosen, andere haben sich bunt in Schale geworfen. «Hier soll eine kreative Atmosphäre herrschen, die die jungen Bewohner von Mostar inspiriert und motiviert», erklärt die 32-Jährige, die das Abrašević gegründet hat. Der würzige Duft ihres Kaffees weht durch das Zentrum. Überall wird er getrunken, tagein, tagaus. Das Symbolbild des bosnischen Alltags? In der Sonne sitzen und Kaffee trinken.  

Kunst und Kaffee statt Vitamin B  

Marina führt ihre Besucher gerne durch die Stadt, vorbei an der Grenze, die Mostar auch 23 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges ethnisch entzweit: Im Osten katholische Kroaten, im Westen muslimische Bosniaken. Die Sturheit kroatischer und muslimischer Politiker lähmt die Stadt seit Jahren. Als einzige Gemeinde konnte Mostar keine Lokalwahl durchführen, da sich die Politiker nicht auf eine Änderung des Wahlrechts einigen konnten. Die Folgen sind einschneidend: Ohne Wahl keine Volksvertreter, ohne Volksvertreter keine Verabschiedung des Budgets und ohne Budget keine Finanzierung von Schulen, Kulturzentren und anderen öffentlichen Einrichtungen. 

Es geht weiter durch enge Gässchen, vorbei an der rauschenden Neretva, die sich kristallblau durch die sanfte Berglandschaft schlängelt. Es ist aussergewöhnlich still in Mostar. Der Verkehrslärm beschränkt sich auf ein absolutes Minimum, da es keine Arbeit gibt, zu der man fahren könnte. Auch kein Baulärm ist zu hören – die stagnierende Wirtschaft verhindert, dass die verlassenen Ruinen von ihren Kriegsnarben befreit werden. Gemäss dem Online-Portal Statista lag die Arbeitslosigkeit der jungen Erwachsenen in Bosnien 2017 bei 55 Prozent. Nur beim Staat oder bei staatlich kontrollierten Unternehmen erhalte man mehr als einen Hungerlohn, sagt Marina. 

«Und wenn man nicht die richtigen Beziehungen hat, hat man keine Chance.» 

Über die wenigen verfügbaren Arbeitsplätze herrschen die nationalistischen Parteien, die das Land mit ihrem korrupten Machtfilz überzogen haben. Wer eine öffentliche Stelle oder einen staatlichen Auftrag erhält, wird mitsamt seinem ganzen Familienkreis zum treuen Wähler. Denn jeder weiss, dass die Stellen neu verteilt würden, wenn es zum Machtwechsel käme. Bereits seit sieben Jahren findet Marina keine bezahlte Stelle mehr. Und das trotz ihrem Master in Marketing. Was ihr bleibt, sind Kunst und Kaffee. Das für das Kulturzentrum benötigte Geld hat sie von internationalen Spendern erhalten.   

Stell dir vor, es sind Wahlen und keiner geht hin 

Unterwegs zeigt Marina auf viele Häuser, die mit nationalistischen Zeichen beschmiert worden sind. «Mit unserer Strassenkunst wollen wir die Hooligan-Symbole und Hakenkreuze überdecken und Mostar ein freundlicheres Gesicht verleihen». Die nationalistische Stimmung im Land mache ihr Angst. Bisher sind in Mostar – eine Art Mikrokosmos für Bosniens gesamtstaatliche Probleme – keinerlei Anzeichen erkennbar, dass sich etwas ändern wird. Im Gegenteil: Die Spitzenpolitiker des Landes sind gar nicht an Reformen interessiert, weil diese ihre eigene Machtposition bedrohen würden.  

Das sorgt für Resignation: Knapp die Hälfte der Wahlberechtigten ist bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im vergangenen Oktober zu Hause geblieben. Schlussendlich stimmten so vor allem die Gefolgsleute der nationalistischen Parteien ab. Und sorgten für deren Sieg: Die SDA-Partei für die muslimischen Bosnier sowie die SNSD für die Serben bleiben die oberste Kraft. Sie kontrollieren darüber hinaus Justiz und Medien.  

Nichts wie weg aus Bosnien  

In den letzten fünf Jahren haben gemäss Statista bereits eine halbe Million Bosniaken ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Und das bei einer aktuellen Gesamtbevölkerung von rund 3,5 Millionen. Vor allem junge und gebildete Bosniaken zieht es ins Ausland, auf der Suche nach einer Perspektive. Unter den Jungen gibt es kaum jemanden, der es sich nicht schon überlegt hat. Marina ist sich sicher: «Wenn es nicht so schwierig wäre, eine Arbeits- und Aufenthaltsbewilligung zu erhalten, würde mindestens die Hälfte der Leute gehen.» Der Wahlsieg der nationalistischen Parteien werde die Situation nun noch verschlimmern.  

Zurück im Kulturzentrum trinkt Marina einen letzten Kaffee, bevor sie aufbricht. Nach langem Kampf für ein besseres Bosnien hat die Resignation nun auch sie eingeholt. Sie möchte endlich wieder arbeiten und bald eine Familie gründen: «Ich will nicht, dass meine Kinder in einer korrupten Umgebung aufwachsen, in der kritisches Denken unerwünscht ist.» Sie hofft deshalb, in Berlin einen Job in der Kulturbranche zu erhalten.  

Miko, der ehemalige Strassenhund, der bleiben durfte.

Die Herbstsonne ist untergegangen, die Kaffeetasse kühlt im Schatten ab. Miko hat sich auf den kühlen Betonboden gelegt, den Kopf auf die Pfoten gebettet und verfolgt mit seinem Blick, wie Marina aufsteht. Nachdem sie das Zentrum verlassen hat, ist es hier noch etwas stiller geworden. 

Bildurheber: Lea Ernst