In der Schweiz gibt es klar Nachholbedarf in Punkto Sicherheit und Überwachung. Dieser Meinung ist der Strategie- und Sicherheitsexperte Albert A. Stahel. Trotzdem schätzt der 73-Jährige das Risiko eines Terroranschlages in der Schweiz als klein ein.

Brainstorm: Was bedeuten die Terroranschläge vom März am Flughafen Brüssel für die Schweiz?

Albert A. Stahel: Es zeigt, wie verletzlich ein moderner Staat mit hochkomplexer Infrastruktur gegenüber Bedrohungen ist. Die Terroranschläge kamen überraschend und ohne Vorwarnung. Die Schweiz mit einer sehr empfindlichen Infrastruktur wäre hier ein leichtes Ziel. Im Augenblick sind wir aber nicht unmittelbar im Fokus des Islamischen Staates (IS). Dies klingt nach einer wagemutigen These, lässt sich aber aus der aktuellen Situation im Mittleren Osten ableiten. In diesen Krieg sind viele Parteien verwickelt. Unter anderem auch die USA. Da verschiedene europäische Staaten mit den USA alliiert sind und gegen den IS kämpfen, gibt das einen Rückkoppelungseffekt nach Europa. Und damit werden eben diese Staaten zum Ziel. Die Schweiz ist hier aber nicht involviert.

Wieso wurde Brüssel überhaupt zum Ziel des Terroranschlages?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Wen könnte es neben Frankreich treffen? Deutschland, Niederlande, Dänemark, Italien und Grossbritannien wären ebenfalls mögliche Ziele. Brüssel wurde offenbar aus opportunistischen Gründen getroffen. Man hatte die nötigen Mittel und Leute vor Ort.

Und wieso wurde Frankreich zum Ziel des IS?

Frankreich ist eine beteiligte Partei im Krieg im Mittleren Osten. Zudem hat Frankreich eine grosse Gemeinschaft, die in den Dschihad gezogen ist oder wieder zurückkam, und eine grosse Unzufriedenheit der islamischen Bevölkerung, welche in Frankreich lebt. Frankreich ist von diesem Standpunkt aus gesehen ideal für den IS.

Kann die Schweiz überhaupt etwas gegen Terrororganisationen unternehmen?

Nein, kein Staat kann etwas gegen den Terror unternehmen. Solange es Terrororganisationen gibt, kann nichts Spezifisches gegen den Terror unternommen werden. Terrorismus ist nicht eine spezifische Person, Terrorismus ist eine Aktion, eine Taktik, die es auch schon immer gab. Was wir aber machen können, ist, sensible Einrichtungen besser zu schützen. Im Nachrichtendienst des Bundes mögliche Gefahren besser überwachen.

Terrorismus kann man nicht mit einem konventionellen Krieg gleichsetzten, bei dem mehrere Staaten involviert sind. Terrorismus richtet sich je nach dem auf einen einzelnen Staat. Und dann muss dieser geschützt werden.

«Terrorismus ist nicht eine spezifische Person, Terrorismus ist eine Aktion, eine Taktik, die es auch schon immer gab.»

Muss man sich als Schweizer Sorgen um seine Sicherheit machen?

Nein. Natürlich gäbe es auch in der Schweiz Potenzial, denn es sind knapp 100 Schweizer in den Dschihad gezogen. Aber das ist ein relativ kleiner Teil. Zudem ist die Schweiz nicht im aktuellen Krieg des mittleren Ostens aktiv. Sollte sich die Lage aber ändern, ist die Schweizer Infrastruktur extrem verletzlich. Sei das der Flughafen Zürich, die SBB oder die Kommunikation des Bundes. Dort wäre ein Anschlag verheerend. Aber im Prinzip haben die Terroranschläge ein zweites, fast noch wichtigeres Ziel: Sie wollen Angst verbreiten. Es geht nicht nur darum etwas zu zerstören, sondern auch darum, Angst zu verbreiten. Und da meine ich, ist es falsch, sich jetzt in eine Angstsituation zu bewegen und zu sagen: «Wir sind nun bedroht und leben nur noch in Angst». Aber wir müssen die Gefahr wahrnehmen und das Problem auf die politische Agenda setzen.

Sie sagten, die Schweiz wäre im Falle eines Terroranschlages ein leichtes Ziel. Die Schweiz ist also nicht sicherer als andere Länder?

Nein, das ist eine Illusion. Wir sind nicht sicher in der Schweiz. Nicht, weil wir unmittelbar in Gefahr sind von Terrororganisationen, sondern weil wir eine verletzliche Infrastruktur aufweisen. Nur schon der Basistunnel ist ein leichtes Ziel mit der ganzen technischen Hochleistung. Und diese müssen wir besser schützen. Zudem brauchen wir eine höhere Polizeipräsenz, nur schon, um den Bürgern ein Sicherheitsgefühl zu geben.

Wie gefährlich sind extreme Gruppierungen in der Schweiz?

Sie können die Voraussetzungen schaffen, Leute für den IS anzuwerben. Sie können die Rekrutierung von Terrororganisationen begünstigen. Sie werden quasi in solchen Organisationen geboren und ziehen dann nach Syrien in den Krieg. Dort lernen sie das Handwerk des Kriegers. Das Problem sind aber vielmehr die Dschihadisten, die aus dem Krieg zurückkehren. Denn das sind nun ausgebildete Krieger. Und hier müssen wir uns Gedanken machen, denn sie kehren zurück, das ist keine Illusion. Bisher nahmen wir diese Entwicklung einfach zur Kenntnis und überwachten die Zurückgekehrten. Dies reicht bei weitem nicht. Hier müssen wir uns Gedanken machen, was aus ihnen werden könnte. Das sind nun Krieger, Killer. Wir müssen auch bei Predigern viel strikter sein, die aus dem Ausland zu uns stossen und zum Beispiel aus Saudi-Arabien finanziert werden. Hier müssen wir eingreifen und deren Einlass verbieten. Dies ist aber eine politische Geschichte. Eine extreme Organisation zu schliessen, ist der falsche Weg, denn dann verschwindet diese einfach im Untergrund und ist noch schwerer zu überwachen.

Wie erkennt man als Land frühzeitig eine Terrorgefahr?

Man muss die Warnzeichen frühzeitig erkennen. Zudem muss man die Schwachstellen des eigenen Landes analysieren. Dazu muss man die Lage immer wieder neu beurteilen. Diese Beurteilung ist nicht morgen abgeschlossen, sondern muss ständig erfolgen. Das heisst nicht, dass man ständig Alarm schlagen muss. Aber als Staat muss man die Gefahren laufend beurteilen.

Wird dies in der Schweiz auch gemacht?

Dies ist ein heikler Punkt. Ich meinte, in der Schweiz wird nicht alles gemacht, was man machen könnte. Es müsste viel mehr gemacht werden. Ein besonderes Augenmerk müsste auf Leute geworfen werden, die für den Nachrichtendienst des Bundes rekrutiert werden. Und hier wird nicht allzu genau hingeschaut.

«Ich meinte, in der Schweiz wird nicht alles gemacht, was man machen könnte.»

Wie realistisch ist ein dritter Weltkrieg?

Unrealistisch. Ein dritter Weltkrieg wird aus dem Krieg im Mittleren Osten nicht entstehen. Dort hat niemand unmittelbares Interesse an einem dritten Weltkrieg. Klar gibt es Brandpunkte, die die aktuelle Lage verschlimmern könnten. Aber diese werden nicht zu einem Weltkrieg führen. Einen dritten Weltkrieg sehe ich eher in Asien, China, den USA oder aus der Konfrontation zwischen den USA und Russland.

Wie wird es in Zukunft weitergehen?

Solange es den IS gibt und man gegen diesen Krieg führt, wird es in Europa Anschläge geben. Ausserdem besteht eine kriegerische Eskalation im Mittleren Osten. Es gibt zu viele Brennpunkte. Eskaliert es dort noch weiter, ist mit mehr Anschlägen in Europa zu rechnen. Im Mittleren Osten besteht ein Brandherd, der direkt mit Europa verknüpft ist. Nimmt der Krieg im Mittleren Osten weiter zu, könnte es auch die Schweiz treffen.