Leidet die Qualität des Studiums, weil Studierende dieses mit Nebenjob und Leistungsnachweisen vereinbaren müssen – oder dienen Nachweise der Standortbestimmung? Bereiten Gruppenarbeiten auf die spätere Arbeitswelt vor – oder minimieren sie lediglich den Arbeitsaufwand der Dozierenden? Das «Brainstorm Magazin» hat dem Stabsstellenleiter des Ressorts Lehre der ZHAW, Alessandro Maranta, auf den Zahn gefühlt.

Lisa Aeschlimann, Brainstorm: Die Gestaltung von Prüfungen wird hitzig diskutiert und sorgt bei den Studierenden nur zu oft für Unmut. Meiner Meinung nach sind die Prüfungen an der ZHAW zu wissensbasiert: Sie setzten zu sehr darauf, dass man sich Inhalte merken und dann am richtigen Ort wiedergeben kann. Solche Prüfungen sagen wenig darüber aus, ob ich im angestrebten Beruf kompetent sein werde. Wirklich nachhaltig ist das nicht: Man lernt auf eine Prüfung und vergisst danach den gelernten Stoff wieder. Dies kann in einem Zeitalter, wo die nächste Antwort mit Google nur einen Klick weit entfernt ist, keine erstrebenswerte Kompetenz sein. Viel lehrreicher wäre für mich die direkte Anwendung von Lerninhalten in Projektarbeiten oder in «open-book»-Prüfungen, die verstärkt auf Anwendung setzen. Was meinen Sie?

Alessandro Maranta, Stabsstellenleiter Ressort Lehre der ZHAW: Die Prüfungen und Leistungsnachweise halten Studierenden, Dozierenden und der ZHAW den Spiegel vor die Nase. Dies erklärt zum Teil den Unmut: Die Beteiligten fühlen sich rasch missverstanden. Das Prinzip wäre einfach: Die Studierenden weisen die Kompetenzen auf dem erwarteten Niveau exemplarisch nach. Aber Sie haben recht, wenn das blosse Wissen in Google aufgerufen werden kann, sollten Verstehen und Anwenden sowie Beurteilen etc. wichtiger sein und Prüfungen entsprechend gestaltet werden. Zudem dient ein Leistungsnachweis auch der eigenen Standortbestimmung. Hier kommen gegensätzliche Erwartungen zum Tragen: Verleiht die ZHAW geprüfte Zertifikate, oder bildet sie künftige Führungskräfte und Expertinnen aus? Bei der Zertifikatserwartung ist die individuell beurteilbare Leistung zentral. Bei der Kompetenz- und Bildungserwartung steht langfristiger Kompetenzerwerb im Fokus. Verschiedene Haltungen prägen die Erwartungen an gut gemachte Leistungsnachweise. Wissensprüfungen warten mit hoher Messgenauigkeit auf, prüfen aber nicht alles. Sie passen ins Erwartungsschema, dass die Hochschule das individuelle Fachwissen zertifiziert. Ich glaube, diese Haltung ist auch bei Studierenden verbreitet: Sie wollen individuell geprüft und bewertet werden.

Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass die eigene Entwicklung und der langfristige Kompetenzerwerb im Fokus stehen sollten. Hier können Leistungsnachweise helfen, das zuvor im Unterricht erworbene Wissen in einer Arbeit zu vertiefen. Theoretisch klingt das alles vorbildlich – in der Praxis sieht es anders aus: Leistungsnachweis reiht sich an Leistungsnachweis, die Präsenzwochen verkommen zu einem Leistungsmarathon für bestandene Projekte. Die Qualität der Arbeiten leidet. An der SML schreiben Studierende in gewissen Semestern gleichzeitig an vier Arbeiten, bereiten eine Präsentation vor und lernen dazu noch auf die Prüfungen. Ähnliches erleben Studierende am Linguistik-Departement. Die Folge: «In jede Arbeit wird gerade genügend Zeit investiert, um sie zu bestehen und abhaken zu können.» Zeit für eine vertiefte Recherche, Zeit, sich tiefgründig mit einem Thema auseinanderzusetzen, bleibt hier nicht. Es ist naiv zu glauben, dass so Entwicklung und langfristiger Kompetenzerwerb im Mittelpunkt des Studiums stehen.

Theoretisch klingt das alles vorbildlich – in der Praxis sieht es anders aus: Leistungsnachweis reiht sich an Leistungsnachweis, die Präsenzwochen verkommen zu einem Leistungsmarathon für bestandene Projekte. Die Qualität der Arbeiten leidet.

Es ist nicht naiv, sondern die Strukturen passen nicht. Schauen wir die Ursachen für die zeitliche Belastung genauer an: Ein Bachelorstudium umfasst 180 ECTS-Credits, ein Credit entspricht etwa einem Workload von 30 Stunden. Insgesamt sind das 5400 Stunden bzw. drei Jahre Vollzeitstudium – oder drei Jahre Vollzeitstelle. Auf das Kontaktstudium und das begleitete Selbststudium sollen gemäss Lehrpolicy der ZHAW maximal 60% des Workloads entfallen. Der Rest soll im autonomen Selbststudium erbracht werden. Dies wird nicht kontrolliert, sollte aber der Prüfungsvorbereitung dienen. Studierende verwenden diese 40% häufig dazu, ihr Studium zu finanzieren. Sie bewahren den Staat davor, jährlich viel Geld für Stipendien aufwenden zu müssen:  In der Schweiz studieren 60‘000 Fachhochschulstudierende im Vollzeitstudium. Diese müssen jeden Monat Kosten von, sagen wir, 2500 Franken decken, das sind monatlich 150 Millionen oder im Jahr 1,8 Milliarden Franken. Diese Kosten werden von den Studierenden selbst oder von deren Umfeld gedeckt. Studierende arbeiten, damit sie studieren können – und studieren faktisch weniger.

Es kann sein, dass gewisse Studierende aus finanziellen Gründen neben dem Studium arbeiten müssen. Für viele ist es jedoch wichtig, Arbeitserfahrung zu sammeln, so dass sie sich nach dem Studium erfolgreicher auf eine Stelle bewerben können. Laut dem Bundesamt für Statistik üben fast 80% der Studierenden einen Nebenjob aus. Die ZHAW könnte diese Realität besser auffassen und es den Studierenden vereinfachen, einen Nebenjob auszuüben. Es gibt viele Möglichkeiten, besser auf die tatsächliche Situation einzugehen. Zwei Beispiele: Man könnte bei der Stundenplanerstellung einen freien Tag unter der Woche garantieren, den man zum Arbeiten nutzen kann. Oder man könnte die Semesterpläne früher als wenige Tage vor Studienbeginn versenden, so dass die Studierenden Arbeit und Studium besser aufeinander abstimmen können.

Die Stundenplanerstellung optimiert vielleicht die Zeitfenster, sie löst aber nicht das grundlegende Problem: Gemäss den Vorgaben im europäischen Hochschulraum ist ein Vollzeitstudium ein Fulltimejob. Die ZHAW sollte daher den entsprechenden Workload erwarten: den einer Vollzeitstelle. Da bleibt kaum Platz für einen Nebenjob. Die ZHAW versucht hier den Spagat mit 40% autonomem Selbststudium, das die Studierenden selbstverantwortlich gestalten, aber nachvollziehbar für Nebenjobs nutzen. Diese Zeit fehlt dann fürs Studium. Die Belastung der Studierenden ist eine Folge des Entscheids für ein Vollzeitstudium – und die Folge von hochschulpolitischen und volkswirtschaftlichen Strukturen. Eine Mehrheit der Studierenden versucht die Belastungen individuell zu optimieren und rücken den Fokus auf die nächste Prüfung. Gruppenarbeiten mit hohem Koordinationsaufwand werden als lästig wahrgenommen.

Gemäss den Vorgaben im europäischen Hochschulraum ist ein Vollzeitstudium ein Fulltimejob. Die ZHAW sollte daher den entsprechenden Workload erwarten: den einer Vollzeitstelle. Da bleibt aber kaum Platz für einen Nebenjob.

Gruppenarbeiten sind ein heikles Thema. Sie erwähnten, dass Studierende individuell geprüft und bewertet werden möchten. Das kann ich unterstützen, da diese Form der Bewertung am ehesten den persönlichen Leistungen der Studierenden entspricht und ihnen hilft, sich besser einschätzen zu können. Aber warum ist dann jedes Projekt – mit wenigen Ausnahmen – als Gruppenarbeit in 4er- oder 5er-Gruppen konzipiert? Eine Gruppenarbeit honoriert die individuellen Leistungen eines Studierenden nicht, sondern verschärft das Problem der Überbelastung während den Semesterwochen zusätzlich: Noch eine Arbeit mehr, noch ein Treffen mehr, für das man sich mit den anderen Gruppenmitgliedern koordinieren muss. Meine erste grosse Arbeit, die ich nicht als Gruppenarbeit schreiben werde, wird voraussichtlich meine Bachelorarbeit sein. Bis dahin kann ich nur bedingt einschätzen, wo ich im Studium stehe, wo meine Schwächen und wo meine Stärken sind. Die Häufung der Gruppenarbeiten und die oftmals zu knappe Betreuung durch Dozierende lässt ausserdem den Gedanken aufkommen, dass Gruppenarbeiten für Dozierende ein beliebtes Mittel sind, um einfach und effizient ihren Arbeitsaufwand zu minimieren.

Bei Gruppenarbeiten sehe ich verschiedene Problemstellungen. Eine ist die Erwartung, individuell geprüft und bewertet zu werden. Dem halte ich entgegen, dass in der Berufspraxis die Arbeit im Team wichtig ist. Eine andere Problematik ist, dass sich im Studium Gruppen mit fixen Rollenzuteilungen bilden. Damit wird Spezialistentum antrainiert – nicht die Fähigkeit, in einer Gruppe Aufgaben zuzuweisen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Eine weitere Problematik besteht darin, dass bei einer Gruppenarbeit auch der Prozess der Gruppenarbeit bewertet werden sollte. Wenn nur der Text, nicht aber der Prozess beurteilt wird, dann werden Besonderheiten der Gruppenarbeit verfehlt. Ein weiteres Problem: Gruppenarbeiten sollten nicht dazu dienen, den Korrekturaufwand der Dozierenden zu minimieren. Gruppenarbeiten sollten als Vorbereitung auf die Praxis erlebt werden können. Darum geht es: Fachwissen und methodische Kenntnisse zu vertiefen und exemplarisch anzuwenden, sowie Problemstellungen und Lösungsmöglichkeiten zu beurteilen und das auch kommunizieren zu können. Da ist es entscheidend, die eigenen Stärken und Schwächen zu reflektieren. Das erfordert Selbstlernfähigkeit, die bereits im Studium erworben werden sollte und die weit übers Auswendiglernen hinausgeht.