Ob aus finanziellen Gründen oder weil man den bisherigen Job nicht aufgeben will: Viele Studierende entscheiden sich für ein Teilzeit-Studium. Die ZHAW, die sich normalerweise durch ihre Praxisbezogenheit von anderen Hochschulen abgrenzt, hat bei diesem Thema jedoch Potenzial für Verbesserungen.

Dass ein Studium anstrengend sein kann, wissen wir alle. Prüfungen, Leistungsnachweise und das Nacharbeiten von Vorlesungen ist an sich ein Vollzeitjob. Die ZHAW empfiehlt daher auch ausdrücklich, den Bachelor im Vollzeitpensum zu absolvieren.

Für manche Studierende ist dies aus verschiedenen Gründen jedoch nicht möglich. Sei es, weil man keine Chance auf ein Stipendium hat und sich seinen Lebensunterhalt selber verdienen muss. Sei es, weil man schon fest in die Arbeitswelt integriert ist – Studium, Beruf und/oder Familie unter einen Hut zu bringen, wird zu einem immer grösseren Anliegen. Die ZHAW bietet daher viele Studiengänge berufsbegleitend an. Was anfänglich wie ein guter Kompromiss klingt, birgt jedoch einige gravierende Nachteile.

Die Frage der Zuständigkeit

Die Recherche zum Thema gestaltete sich aus einem einfachen Grund als sehr schwierig: Es scheint an der ZHAW keine departementsübergreifende Stelle zu geben, die sich um die Teilzeit-Studierenden kümmert und wichtige Fragen beantworten kann. An jedem Departement ist die Organisation anders aufgebaut. Findet man für die Studiengänge Elektrotechnik, Informatik, Maschinentechnik und Wirtschaftsingenieurswesen via Google beispielsweise schnell heraus, wie ein Teilzeitstudium strukturiert ist und wann Info-Abende zu dem Thema stattfinden, muss man bei anderen Studiengängen schon länger suchen. Auf der unübersichtlichen Homepage der Hochschule ein anspruchsvolles Unterfangen.

Starre Strukturen und kurzfristige Informationen

Auch die von mir kontaktierten Personen konnten jeweils nur für ein Departement Auskunft geben. So erläutert Prof. Dr. Barbara Schmugge, Studienleiterin des Departements Angewandte Psychologie, dass die Studientage beim Psychologie-Studium im Teilzeitmodus fix donnerstags und freitags seien. Am Departement für Angewandte Linguistik ist man ein bisschen freier: Man kann aus den meist halbtägigen Modulen aussuchen, welche man im ersten und welche man im zweiten Teil des Assessment-Jahres absolvieren will. Die entsprechenden Vorlesungen werden dann mit den Vollzeit-Studentinnen und -Studenten absolviert, was bedeutet, dass man als Teilzeitler mit mehreren Jahrgängen studiert.

Die definitiven Stundenpläne kommen, wie bei allen Departementen, trotzdem erst wenige Wochen oder gar Tage vor Studienbeginn. Eine ungeheure Flexibilität wird von Arbeitgeber sowie Arbeit nehmenden Studierenden still vorausgesetzt.

Flexibilität seitens der ZHAW – Fehlanzeige

Die straffen Stundenpläne haben einen weiteren Nachteil. Ist man nicht in einer Branche angestellt, in der am Abend oder Wochenende gearbeitet werden kann – was mit dem Studium inkompatible Arbeitszeiten mit sich zieht – kommt Herr und Frau ZHAW-Studi kaum auf die nötigen Stellenprozente, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Zusätzlich muss man mit einem sehr toleranten Arbeitgeber gesegnet sein, der willens ist, um den unumstösslichen Stundenplan herum zu planen.

Warum die ZHAW keine Wochenend- oder Abendvorlesungen anbietet, kann niemand so genau sagen. Am Departement P seien es ressourcentechnische Gründe, sagt Barbara Schmugge. «Es sind nicht genügend Lehrbeauftragte zu gewinnen, um diese durchzuführen. Deswegen empfehlen wir den Psychologie-Studenten ein Arbeitspensum von durchschnittlich 40 Prozent.»

Doppelt so lang, doppelt so teuer

Eine Benachteiligung findet sich auch bei den Studiengebühren. Teilzeitstudierende zahlen pro Semester die gleiche Gebühr wie ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen im Vollzeitstudium, aber über die volle Dauer des (längeren) Studiums. Natürlich sind die rund 800 Franken in keinen Vergleich mit den realen Kosten eines Studiums zu setzten. Aber für jemanden, der auf Grund der Inflexibilität der Hochschule höchstens 40 bis 60 Prozent arbeiten kann, ist es eine Stange Geld.

Warum es berechtigt ist, Teilzeitstudierenden die doppelte Gebühr abzuverlangen, kann mir keine der kontaktierten Personen erklären. Es erstaunt, dass in einem Land, in dem in der Bundesverfassung garantiert wird, dass man unabhängig vom Einkommen eine staatliche Ausbildung geniessen kann, manche Menschen aus finanziellen Gründen kein Studium machen können.

Verantwortung wird nicht wahrgenommen

«Die doppelte Verankerung der Bildung ist durch eine programmatische Kopplung des Studiums mit der Forschung und Entwicklung sowie mit der Praxis gewährleistet», steht es im Leitbild der ZHAW geschrieben. Umso enttäuschender, dass Teilzeitstudierenden so wenig entgegengekommen wird.

Die Leistungsnachweise führen zu einer gewissen Präsenzpflicht, so dass man der Inflexibilität nicht einmal damit entgegenwirken könnte, wenn man es auf sich nehmen würde, die Vorlesungen zuhause nachzuholen. Wie viele ZHAW-Studenten deshalb schon Jobs ablehnen mussten, die ihnen persönlich und für ihre Karriere geholfen hätten, steht in den Sternen.

Als Bildungseinrichtung, die der Praxisbezogenheit einen dermassen grossen Stellenwert zukommen lässt, sollte es Aufgabe der Hochschule sein, einfachere Wege zu finden, um Studium und Beruf zu vereinbaren.

Nachtrag der Redaktion

Vielleicht hast du, lieber Leser oder Leserin, in dieser Ausgabe des Brainstorm Magazins vergeblich nach dem Streitgespräch gesucht. Dieses sollte eigentlich hier stehen. Der Grund, dass du nun einen Artikel und kein Interview gelesen hast, ist folgender: Die Autorin hat sieben verschiedene Personen aus dem Kader und zwei aus dem Sekretariat der ZHAW kontaktiert. Der Grossteil wollte zum Thema «Teilzeitstudium an der ZHAW» keine Stellung beziehen, einige wenige Fragen wurden kurz und knapp für einzelne Departemente beantwortet. Was ursprünglich als konstruktives Gespräch gedacht war, hat so in diesem kritischen Text einer leicht frustrierten Teilzeit-Studentin geendet.

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