Judith Bühler ist Mitgründerin des Vereins «JASS – Just a simple scarf». Der Verein setzt sich für mehr Toleranz gegenüber Muslimen in der Schweiz ein. Mittels Textilien, Koch-Events und über Informationsveranstaltungen will die Studentin der Sozialen Arbeit den Schweizern den muslimischen Alltag näher bringen.

Judith Bühler

Judith Bühler

 

Judith Bühler, du hast das Projekt «JASS – Just a simple scarf» ins Leben gerufen. Worum geht es beim Projekt?
JASS soll einen Beitrag dazu leisten, die Toleranz gegenüber der muslimischen Glaubensgesellschaft in der Schweiz zu fördern. Immer wieder begegnen mir islamkritische Stimmen und vor allem über Social Media-Kanäle werden oftmals Pauschalisierungen verbreitet, die nicht wahr sind. JASS möchte vermitteln: Der Islam ist auch nur eine Religion, die von vielen Angehörigen friedlich gelebt wird. Zu diesem Zweck haben wir einen Verein gegründet, dem momentan acht aktive Mitglieder angehören.

Wie bist du auf das Thema aufmerksam geworden? Gab es einen Auslöser für dein Projekt?
Im Rahmen meines Studiums in Sozialer Arbeit an der ZHAW habe ich zwei Arbeiten geschrieben; die eine behandelte das Thema Islamophobie, in der zweiten habe ich in einer Gruppe die Medienberichterstattung der Zürcher 20-Minuten-Ausgabe untersucht mit dem Fokus, wie über Migranten berichtet wird. Glücklicherweise kamen wir zum Schluss, dass die Berichterstattung nicht dermassen negativ war, wie wir dachten. Was mich aber wirklich schockierte, waren die Ergebnisse einer Befragung der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung, die besagten, dass 20 Prozent ebendieser keine Muslime als Nachbarn wollen. Dieses Ergebnis in Kombination mit dem Wissen aus meinen Arbeiten hat mich zum Denken angeregt. Oftmals fallen Pauschalurteile über Muslime. Ich verstehe es als eine Aufgabe der Sozialen Arbeit, hier Gegensteuer zu bieten. Dass soll aber nicht mit dem Zeigefinger, sondern spielerisch passieren.

JASS steht für «Just a simple scarf» – worauf zielt dieser Name ab?
Der Verein nimmt die Thematik «Kopftuch», als eines der häufig genannten Erkennungsmerkmale der Zugehörigkeit zum Islam auf, und verarbeitet sie zur Aussage: «es ist nur ein Tuch». Tücher können auf dem Kopf oder um den Hals getragen werden, sie können aber auch bekleiden, schmücken, verhüllen, wärmen oder vor der Sonne schützen… Im Bereich JASS textil wird angestrebt, über modische Accessoires (Taschen, Tücher, Schals) Toleranz in Mode kommen zu lassen.

Gibt es neben den Textilien noch weitere Angebote von JASS?
Ja, wir planen drei Teilbereiche. Neben dem Verkauf von Textilien wollen wir Informationsveranstaltungen mit dem Thema Islam in der Schweiz organisieren. Dabei sollen Muslime über ihren Alltag erzählen, also beispielsweise, wie das Essen im Ramadan organisiert ist. Neben den Alltagsgeschichten sollen Experten zu Wort kommen. Die Informationsveranstaltungen werden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene organisiert und in Zusammenarbeit mit Schulen aufgegleist. Als letzten Bereich möchten wir die Vielfalt zum Genuss anbieten.     So vielfältig die Kulturen von Musliminnen und Muslimen sind, so vielfältig soll das Essens-Erlebnis sein. Dazu plant JASS Veranstaltungen, welche zu einem mehrgängigen, interkulturellen Menu in netter Gesellschaft einladen.

Inwiefern ist die ZHAW ins Projekt involviert?
Von der ZHAW wird mir der Teilbereich mit den Informationsveranstaltungen soweit ich weiss, als Projektpraktikum angerechnet. Dies, weil dieser Bereich der klassischen Sozialen Arbeit entspricht, die im direkten Kontakt mit Betroffenen arbeitet.

Was hat JASS mit dir zu tun?
Ich habe keinen persönlichen Bezug; weder zum Islam noch zu muslimischen Ländern, aber ich bin motiviert, etwas zu verändern, denn ich merke, dass etwas nicht stimmt. Durch mein Studium bin ich wohl aufmerksamer geworden.

Was verstehst du unter Toleranz?
Toleranz heisst für mich, dass es nicht entscheidend ist, woher jemand kommt und er danach beurteilt wird. Wegdiskutieren kann man die Unterschiede nicht; durch das Kopftuch werden sie sogar sichtbar, aber es sollte in der Bewertung der Menschen keine Rolle spielen. Wir sollten von diesem «mir und di andere» wegkommen.

Du willst also, dass das Kopftuch keinen Unterschied macht.
Genau. Es wäre schön, wenn es eines Tages normal würde, dass Frauen Kopftücher tragen, so wie es heute normal ist, dass Frauen arbeiten. Und dass die Gesellschaft überzeugt sagt: Es gehört bei uns dazu, dass einzelne Frauen ein Kopftuch tragen. Für muslimische Frauen ist das Kopftuch nicht zwingend eine Plage; im Gegenteil, viele tragen es auch als modisches Accessoire.

Arbeitet ihr mit muslimischen Organisationen zusammen?
Ja, für die Informationsveranstaltungen und die Koch-Events suchen wir die Zusammenarbeit – einfach auch, damit es authentischer wird. Ich selber habe leider kein Expertenwissen, dafür hole ich mir den Rat von Experten. Ein paar Experten sind bereits motiviert, grundsätzlich im Verein als aktive Mitglieder mitzuarbeiten. Andere stehen mit Rat oder Informationen zur Verfügung. Für den Alltag sind die Betroffenen die grössten Experten, deshalb möchten wir sie für JASS gewinnen.

Wie sehen die Reaktionen von Muslimen auf euer Projekt aus?
Während meiner Tätigkeit in der Sozialen Arbeit habe ich oft mit Muslimen Kontakt. Die ersten Fragen waren jeweils immer, wieso ich das Projekt überhaupt mache. Eine Frau fragte mich gar, ob ich mich in einen Ägypter verliebt habe, weil ich damals Ferien in Ägypten geplant hatte. Eine andere fragte mich, ob ich konvertieren wolle. Als ich ihnen meine Beweggründe schilderte, waren sie erstaunt; sie waren davon ausgegangen, dass ich als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ein Problem mit Minderheiten habe. Grundsätzlich haben sie das Projekt positiv aufgefasst.

Wieso ist JASS notwendig?
Eine Theorie der Sozialen Arbeit besagt, dass Menschen oftmals so handeln, wie die Vorurteile oder negative Äusserungen lauten, damit sie in ihrem Bild bestätigt werden. Wenn sie also Ablehnung erwarten, verhalten sie sich auch ablehnend. Genau das ist mir einmal widerfahren, als eine Muslima mir gegenüber sehr ablehnend war. Als ich ihr erklärte, dass ich kein Problem mit ihr habe und wir darüber sprechen konnten, merkte ich, wie das Eis brach. Sie war davon ausgegangen, dass alle Schweizer negativ gegenüber dem Islam eingestellt seien. Seit der IS bekannt geworden ist, kommen Muslime zunehmend in Bedrängnis. Daher wollen wir den unspektakulären muslimischen Alltag vermitteln.

In letzter Zeit wurden einige Fälle radikalisierter Jugendlicher publik. Habt ihr auch damit zu tun?
Wir wollen etablieren, dass Jugendliche sich nicht ausgegrenzt fühlen. In der an und für sich schon schwierigen Zeit der Identitätsfindung haben Jugendliche mit Migrationshintergrund erschwerte Bedingungen – und zusätzlich kommt der religiöse Aspekt hinzu. Einen Schweizer Moslem gibt es in unserer Gesellschaft per se nicht, er ist entweder Schweizer oder Moslem. Diese beiden Attribute scheinen einander auszuschliessen. Daher besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen sich ausgegrenzt fühlen. Viele Jugendliche haben Angst, nicht dazuzugehören, deshalb suchen sie sich Gruppen, in denen sie Anerkennung finden. Eine besondere Aufgabe der Sozialen Arbeit ist es, hier besonders vorsichtig zu sein und auf die Jugendlichen zu achten.

Mehr Informationen zum Projekt: www.justasimplescarf.ch