Psychedelische Drogen wie LSD und Psilocin-Pilze wurden lange in den Untergrund gedrängt. Seit einigen Jahren wird wieder vermehrt dazu geforscht. Die Ergebnisse könnten die Psychiatrie revolutionieren.

Martins* Rücken fühlt sich sonderbar an – warm und leicht, als flösse reine Energie durch seine Wirbelsäule. Gedanken und Eindrücke strömen rasend durch seinen Kopf. Alles erscheint neu, intensiv und voller Bedeutung. Alltags-Martin ist verschwunden – ersetzt durch ein Mischwesen aus Mensch und Pilz. Die Angst, die er noch vor dem Trip spürte, ist wie weggeblasen. So, ist er überzeugt, sähe die Welt jenseits unserer Vorstellungen und Vorurteile aus.

Vom Untergrund zurück ins Labor

Psychedelika waren durch ihre Illegalität der Forschung lange kaum zugänglich. Erst in den Neunzigern, als die Gehirnfunktionen ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses rückten, kam wieder Bewegung in die Sache. Keine hundert Kilometer entfernt vom Basler Labor, in dem 1938 Albert Hofmann erstmals LSD synthetisierte, machte sich 1995 Franz Vollenweider an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich daran, die Funktion von Psychedelika zu verstehen. Das neue Forschungsinteresse schwappte rasch auch über ins Ursprungsland der Psychedelikaprohibition. Von Zürich bis Boston nahmen Forscher die mühselige Arbeit auf sich, den Behörden Sondergenehmigungen zur Arbeit mit illegalen Drogen abzuringen. Die Mühe lohnte sich. Bald schon prasselte es wertvolle Erkenntnisse und mögliche Anwendungsfelder eröffneten sich.

LSD

Was genau passiert denn nun, wenn man Psychedelika zu sich nimmt? Katrin Preller forscht seit zehn Jahren an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich in diesem Gebiet. «Unter LSD und Psilocin hat man eine sehr starke sinnliche Wahrnehmung – sei es nach aussen oder nach innen gerichtet», erklärt sie. Zudem ist der Thalamus, der als Filter normalerweise dafür zuständig ist, dass nur die wichtigsten Informationen ins Hirn kommen, unter Psychedelika nur eingeschränkt verfügbar. Bestimmte Hirnteile verarbeiten deshalb während des Trips viel mehr Informationen als normal. Gleichzeitig werden diese Informationen weniger mit den bestehenden Denkstrukturen abgeglichen. «Das alles führt dann dazu, dass die Welt uns neu vorkommt und dass wir Personen anders wahrnehmen.»

Psychedelische Chemie

Begonnen hat die moderne Forschung zu psychedelischen Stoffen im 19. Jahrhundert mit Meskalin. Das Molekül, das in mittelamerikanischen Kakteen vorkommt und dem Ecstasy-Wirkstoff MDMA ähnlich ist, hat eine psychedelische Wirkung und wird von amerikanischen Ureinwohnern seit langem religiös und psychiatrisch-medizinisch eingesetzt. 1943 entdeckte der Schweizer Forscher Albert Hofmann die starke psychedelische Wirkung von LSD, einem halbsynthetischen Stoff. In der Natur kommt LSA, eine psychedelische Vorstufe von LSD, in Windengewächsen in tropischen Gebieten vor. Später isolierte Hofmann aus Pilzen, die bei mexikanischen Schamanen zum Einsatz kamen, die Wirkstoffe Psilocybin und Psilocin. Psilocybin ist chemisch stabiler, muss aber im menschlichen Körper zuerst wieder zu Psilocin umgewandelt werden, bevor es wirksam werden kann. Chemisch eng verwandt mit Psilocin ist Dimethyltryptamin (DMT), der Hauptwirkstoff des schamanischen Amazonas-Tranks Ayahuasca. DMT kommt in der Natur häufig vor und wird auch vom menschlichen Körper selbst hergestellt.

Mit Psilocin aus der Depression

Diese Erkenntnisse sind nicht nur graue Theorie, sondern bieten vielversprechende Ansätze für die praktische Psychiatrie. «Depressive Patienten verarbeiten negative Emotionen sehr stark», erklärt Preller. «Unter Psilocin ist diese starke Reaktion auf negative Reize abgeschwächt. Das könnte dabei helfen, die Patienten aus der Negativspirale rauszuholen.»

Psilocin

Ob Psychedelika dereinst die herkömmlichen Antidepressiva ersetzen können, steht allerdings noch in den Sternen. Wenn, dann würden sie auf jeden Fall ganz anders eingesetzt. «Es hat sich gezeigt, dass der Effekt sehr langanhaltend ist – wir sprechen hier von drei bis sechs Monaten.» Die Forscherin glaubt deshalb, dass Psilocin keine Substanz ist, die man wie Antidepressiva regelmässig einnehmen muss, sondern dass man sie, wenn überhaupt dann in eher langen Abständen einsetzen könnte.

Eine weitere vielversprechende Wirkung von Psychedelika ist die Steigerung des Mitgefühls. «Wir haben die Hoffnung, dass Psilocin sich positiv auf die sozialen Fertigkeiten auswirkt und das auch psychiatrischen Patienten zugutekommt», sagt Preller. Eine aktuell laufende Studie geht der Frage nach, ob die beobachtete Empathiesteigerung die Stimmung depressiver Patienten heben kann. Auch ein Einsatz bei Persönlichkeitsstörungen, bei denen das Mitgefühl gestört ist, ist denkbar. Allerdings: «Das moralische Entscheidungsverhalten ändert sich während des Trips nicht direkt. Es gibt aber durchaus die Möglichkeit, dass sich nach einer psychedelischen Erfahrung das moralische Verhalten langfristig verändert. Das müsste man aber noch untersuchen.» Auch eine Verringerung der Aggressivität hat sich erst im Tierversuch bestätigt. Bei Menschen stehen entsprechende Studien noch aus.

Sicher im kontrollierten Setting

Doch was ist mit Nebenwirkungen? «Bei unseren Studien erleben wir relativ selten negative Reaktionen wie Angstzustände, und nie sonderlich stark. Das liegt aber natürlich daran, dass wir unsere Probanden entsprechend vorbereiten, dass wir ein Vertrauensverhältnis aufbauen und uns in einer sehr kontrollierten Umgebung befinden.» Ebenso ist bei Psychedelika, wie bei Cannabis, Vorsicht geboten bei einer persönlichen oder familiären Geschichte von Psychosen. Darüber hinaus aber gibt Preller Entwarnung: «Bei jemandem, der grundsätzlich gesund ist und keine genetische Vorbelastung hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Person psychoseähnliche Symptome entwickelt.»

Auch die Suchtgefahr ist gering. Grund dafür ist einerseits die lange und emotional anstrengende Wirkung. Andererseits aber auch, dass Psychedelika im Gegensatz zu Drogen wie Nikotin, Kokain und Heroin nur wenig Einfluss auf das «Belohnungsmolekül» Dopamin haben – LSD nur leicht und Psilocin gar nicht. Zu guter Letzt lassen sich Psychedelika auch nicht täglich konsumieren. «Wenn man einen Tag nach dem Trip wieder Psilocin oder LSD nehmen würden, dann hätte man sehr wenig oder gar keine Effekte davon. Das ist quasi eine körpereigene Schutzfunktion», erklärt Preller.

DMT

Psychedelika gehören zum Mensch

In einem Interview zu seinem 100. Geburtstag 2006 sagte LSD-Entdecker Albert Hofmann: «Ich bin überzeugt, dass die Menschheit lernen wird, in Zukunft damit umzugehen.» Es scheint, als würde sich seine Hoffnung langsam erfüllen. Eines ist bereits jetzt klar: Psychedelika gehören zum Mensch. Denn unsere Gehirne produzieren auch selbst einen bewusstseinserweiternden Stoff: DMT, das auch den Hauptwirkstoff des Amazonas-Tranks Ayahuasca ausmacht und das chemisch fast identisch ist mit Psilocin.

DMT

Theorien, wonach DMT in Verbindung steht mit veränderten Bewusstseinszuständen beim Träumen oder der Meditation, sind «für den Moment aber nur Hypothesen», so Preller. «Hoffentlich können sie in der Zukunft überprüft werden.»

 *Name geändert

 

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