Die Umweltingenieurstudenten in Wädenswil seien alles bärtige, barfusslaufende Hippies, erzählt man sich in Winterthur hinter vorgehaltener Hand. Bärtige Männer findet man inzwischen an allen ZHAW-Standorten. Die «Hippies» aber hat das «Brainstorm Magazin» besucht und weiss nun, wie sie zu diesem zweifelhaften Ruf gekommen sind.

Die Umweltingenieure sind vielleicht der politischste Studiengang der ZHAW. «Wir haben sicher alle das Weltverbesserer-Gen», meint Denis Kriegesmann schmunzelnd, während er seine Kaffeetasse im Gemeinschaftsraum des Departements Lifesciences and Facility Management in Wädenswil abwäscht. Der Raum wirkt wie eine grosse WG-Küche in einem Gewächshaus. Viele Pflanzen stehen und hängen an den Wänden und ein Selecta-Automat bietet Produkte aus der Region wie Käse, Joghurt oder Bio-Landjäger an. Denis studiert Umweltingenieurwesen und dieser Gemeinschaftsraum drängt eine Frage auf: Seid ihr alle Hippies, Denis? Selber in ein Hemd gekleidet, sieht er nicht aus wie ein typischer Hippie, meint aber: «Wir haben sicher ein starkes Gemeinschaftsgefühl und einen grossen Bezug zur Natur, was gewisse Hippie-Aspekte mit sich bringt.» Und wie um das noch zu verdeutlichen, schiebt er einen Flyer für veganen Lebensstil, der auf dem Tisch liegt, von sich weg.

Bäume, Gräser und Vogelgesang

Im ersten Jahr des Studiums büffeln alle zusammen die Basics in Chemie, Biologie, Botanik oder Natur und Gesellschaft. «Am Anfang mussten wir Bäume und Gräser mit ihren lateinischen Namen auswendig lernen», erzählt Denis. Das studiert man am besten am Objekt, für die Umweltingenieure also im Gewächshaus oder anhand eines Pflanzen-Parcours auf dem Campus. In einem Fach mussten sie sich mit verschiedenen Vogelarten auseinandersetzen. Zur Belustigung anderer Studierenden besteht eine Prüfungsaufgabe darin, den Gesang eines Vogels zu erkennen. «Das wird oft belächelt, aber es hat durchaus seine Berechtigung. Schlussendlich spielt in der Natur alles zusammen und es ist wichtig, dass uns das bewusst ist», erklärt Denis. «Eine technische Lösung macht nur Sinn, wenn ich sie auch im richtigen Umfeld einsetze.»

Die Jobs nach der Ausbildung sind so unterschiedlich wie die Studierenden selber. So können sie sich ab dem dritten Semester die Stundenpläne à la «Bologna-System» selber mit Vertiefungen und Minors zusammenstellen, so dass schlussendlich jeder seinen individuellen Abschluss hat. Man findet die Absolventen auf ihrem eigenen Bio-Bauernhof, in Ingenieursbüros, Energiekonzernen oder auch in der Tourismusbranche. Einige Studierende zieht es ins Ausland. Sie erhalten während dem Studium die Möglichkeit, ein Praktikum in einem Entwicklungsland zu machen.

Kampf gegen die Mehrheit

Viele der Umweltingenieure sehen sich ein Stück weit als Visionäre. Es sei nicht die Ausbildung für einen hohen Lohn oder die besten Jobchancen, stellt Denis klar. «Wir werden immer gegen eine Mehrheit kämpfen müssen. Zum Beispiel gegen diejenigen, die mit den herkömmlichen Energiemethoden ganz gut fahren.» Für ihn rückt deshalb auch eine gute Kommunikation immer mehr ins Zentrum, denn: «Was bringt es mir, wenn ich super Ideen habe, aber mich niemand ernst nimmt?»

Der eigene Lebensstil sei oft Thema unter den Studenten, erzählt der 22-Jährige. «Ich möchte die Welt besser verlassen, als ich sie vorgefunden habe.» Als Umweltingenieur kann er vielleicht tatsächlich etwas bewirken. Er möchte es aber nicht nur bei nachhaltigen Projekten belassen, sondern ist auch politisch aktiv: Er läuft bei Demos mit, sammelt Unterschriften oder leistet Überzeugungsarbeit bei Themen, die ihm wichtig sind.

Wenn man sich den ganzen Tag damit beschäftigte, dass es der Erde immer schlechter gehe, müsse man aber auch aufpassen, dass man nicht auf negative Gedanken komme. In solchen Momenten helfe der gute Zusammenhalt unter den Studierenden, eine Runde auf dem nahen Vita Parcours oder die wunderschöne Umgebung des Campus Grüental in Wädenswil.