Der Umzug ins Altersheim ist meistens der Letzte im Leben eines Menschen. Doch neben Beerdigungen und körperlichen Gebrechen birgt das Alter auch schöne Momente. In der Altersresidenz «Tertanium» in Pfäffikon (SZ) wohnen fünf Menschen, die dem letzten Lebensabschnitt auf ihre individuelle Art und Weise entgegensehen.

Die Altersresidenz Tertanium in Pfäffikon Schwyz ist ein Ort der Ruhe. Hier ziehen ältere Menschen hin, um ihre letzten Lebensjahre zu verbringen. Die Residenz liegt etwas erhöht in der Nähe des Waldes, der Ort strahlt Wärme und Entspannung aus. Jede*r Bewohner*in hat eine eigene Wohnung und bestimmt den Alltag selbständig. Fünf Menschen, die im «Tertanium» wohnen, erzählen von ihren Alltagen: Der Pläuschler, die Wissensdurstigen und die Partner.

 

Der Pläuschler

Werner Klaus ist ein munterer 88-jähriger Herr. Mit der neusten «Blick»-Ausgabe bewaffnet sitzt er an einem runden Tisch im Eingangsbereich. Um ihn herum schwirren lachend Mitarbeiterinnen der Residenz, die von allen Seiten auf ihn einreden. Er lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Schnell ist klar, dieser Mann ist ein Frauenmagnet.

Er trägt eine Jogginghose. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil er sie schlichtweg bequemer findet. Davon besitz er mehrere, mit verschiedenen Motiven. Heute zieren lauter gelbe Batman-Logos seine Hose. «Genau für solche Sachen lebe ich. Einfach einen Plausch zu haben, mit anderen Menschen zu sprechen und zu lachen.» Herr Klaus besitzt eine eigene Wohnung in der Residenz. Dort hält er sich gerne auf. Abends bekocht er sich oft selbst, mittags gesellt er sich zum Essen zu den anderen Bewohnern in den Speisesaal. Essen bereitet ihm grosse Freude. Lange schwärmt er im Gespräch von der Brasserie Lipp in Zürich. «Ein ausgezeichneter Laden, den ihr Jungen wahrscheinlich nicht kennt. Das ist zu teuer dort.»

Werner Klaus geniesst das Leben in der Altersresidenz.

Leisten kann sich Herr Klaus das Wohnen im «Tertanium» wegen seines Erfolgs mit einer Firma für Verpackungsstrategien. Dazumal, als der Plastikkonsum noch nicht so kontrovers diskutiert wurde, hat er die Einwegplastiksäckchen für Coop und Migros in der Schweiz etabliert. Er hat immer noch internationale Kontakte, die ihn regelmässig besuchen kommen. Während dem Gespräch korrigiert er sich oft. Er ist sehr bemüht, alle Fakten richtig zu erzählen, auch wenn es ihn teilweise anstrengt, sich an alle Details zu erinnern. In so einem Moment zieht er die Stirn kraus. Doch sobald er den Faden wieder aufgenommen hat, leuchten seine Augen.

Viele seiner Bekannten bezeichnet er als «glatte Siech». Es ist deutlich, dass er Wert darauf legt, mit Menschen Spass zu haben. In seiner Stimme schwingt oft Schalk mit. Er nimmt es locker, dass er alt ist, was ihn wiederum jung erscheinen lässt. «Ich habe hier immer den Plausch. Die anderen, die hier sind, die haben das nicht mehr.» Er hätte das immer in sich gehabt – den Plausch. Er findet es schade, dass es in der Residenz auch Bewohner gibt, die lieber alleine sind. «Dabei ist das Leben so einfach, wenn man es mit Freude erlebt und freundlich zu Anderen ist.»

Die Macher

Helmut und Margrit Klee sind ausgesprochen anregende Gesprächspartner. Trotz ihrer 90 Jahre scheint ihnen das Alter weder psychisch noch physisch zu schaffen zu machen. Sie erzählen bedacht und lassen sich immer gegenseitig ausreden. Ein grosser Respekt voreinander scheint dabei entscheidend zu sein. «Dazu kann Ihnen meine Frau/mein Mann mehr erzählen», heisst es oft im Gespräch. Es scheint, dass die beiden sich stets den Raum für ein eigenes Leben gelassen haben, denn ihre Alltage könnten nicht unterschiedlicher sein.

Margrit Klee verbringt ihren Tag damit, Demenzkranken dabei zu helfen, ihr Gedächtnis zu regenerieren. Helmut Klee beschäftigt sich währenddessen intensiv mit der Weltpolitik und dem digitalen Wandel. «Meine Frau lebt eher in der analogen Welt», sagt er und schmunzelt. Das Skypen mit ihren beiden Kindern, wovon eines in den USA und das andere in Holland lebt, wäre nicht möglich, wenn Herr Klee nicht so technikaffin wäre.

Anlässlich ihres 90. Geburtstages organisiert Margrit Klee eine Ausstellung mit eigenen Bildern und Kunstwerken in der Residenz. «Auch im Alter ist es wichtig, nicht nur zu warten, sondern etwas in die Hände zu nehmen.»

Die Klees sind Macher. Das waren sie schon immer und das werden sie vermutlich auch bleiben. Vor allem aber sind sie diejenigen, die andere Bewohner mitziehen. Die Klees führen am Mittagstisch stets angeregte Diskussionen mit ihren Tischnachbarn. Anlässlich dessen ist ihnen die Idee für einen Club gekommen, in dem spezifische Themen diskutiert werden und der dazu dient, auch andere Leute in ihre Diskussionen einzubeziehen: «Wissensdurstige» heisst der Club. Momentan zählt dieser zwölf Personen als Mitglieder. Ihre Mitglieder rekrutieren die Klees im Lift. «Der Lift ist der Ort, an dem man Leute trifft», sagt Margrit Klee. Das Ziel ist, in Zukunft noch mehr Leute für den Club zu begeistern und diese so zum Denken anzuregen.

Um genug Zeit vom Tag zu haben, steht das Ehepaar jeden Morgen um sechs Uhr auf. Es können sonst nicht alle Dinge getan werden, die anstehen. Klar ist: Auf irgendetwas warten tun die Klees bestimmt nicht.

Die Partner

Elisabeth und Robert Rittmeyer (auf dem Titelbild) sind ein offenes, gastfreundliches Paar, das in einer warm eingerichteten, hellen Wohnung der Altersresidenz lebt. Bei Kaffee und Schokolade erzählen sie von ihrem Leben. Vor ihnen auf dem Wohnzimmertisch häufen sich Zeitungen und Magazine.

Mit 98 und 90 Jahren sind Herr und Frau Rittmeyer schon fast 70 Jahre verheiratet. Für sie ist das kein grosses Ding. Auf die Frage wie man es schafft, so lange mit dem gleichen Menschen zusammen zu sein, erwidert Frau Rittmeyer: «Es gab schon Momente, da wollte ich gehen. Ich bin aber immer geblieben, da er ein sehr guter Vater ist.» Für die beiden scheint es so selbstverständlich zusammen zu sein, dass das Reden darüber irritierend ist. Der Alltag der beiden ist im Unterschied zu den Klees sehr ähnlich: Sie verbringen die Stunden hauptsächlich zusammen.

Sie liest ihm vor, er erinnert sie am Abend daran, dass sie Hunger haben. In ihren eigenen vier Wänden sind sie sehr selbstständig. Auf dem Balkon stehen Blumen, die Küche wird zum Kaffeemachen benutzt. Kochen tun sie nicht mehr. «Ich habe jetzt 60 Jahre lang gekocht. Ich denke, das reicht», sagt Frau Rittmeyer. Erst vor einem Jahr hat Herr Rittmeyer mit dem Autofahren aufgehört. Seit da sind sie auf jemanden angewiesen, der sie von A nach B transportiert. Das ist ihnen nicht recht, da die Selbstständigkeit sie auszeichnet.

Eines ihrer drei Kinder, ihr unverheirateter Sohn, kümmert sich jedoch sorgsam um sie. Dass er unverheiratet ist, betonen sie. Es erkläre, dass er so viel Zeit für sie hätte. Dieser Sohn ist für das Ehepaar ein Geschenk. «Man darf nicht selbstverständlich nehmen, dass sich jemand so viel um einen kümmert.» Ihre Tabletten mache ihr Sohn für sie parat, das sei eine Erleichterung, sagt Frau Rittmeyer. Auf die Frage, ob sie viele Tabletten nehmen müssten, erwidert sie amüsiert: «Ja natürlich, darum sind wir ja so steinalt.»

Auch für sie ist der Kontakt zu anderen sehr wichtig. Über die anderen Bewohner der Residenz sagt Frau Ryttmeyer: «Wir sitzen doch alle im gleichen Boot.» Viele Bewohner*innen sind in den letzten Jahren verstorben. Darunter waren auch Leute, die die Rittmeyers gut gekannt haben. Frau Rittmeyer schluckt leer, bevor sie weiterfährt. «Am Anfang hat es sehr weh getan, es waren gute Leute. Es hört sich blöd an, aber wenn jetzt jemand stirbt, kann ich besser damit umgehen, weil ich mich daran gewöhnt habe.» Mit alleinstehenden Personen muss ihrer Meinung nach auch viel geredet werden. Ab und zu brauche man Trost und Mitgefühl. Dafür haben Herr und Frau Rittmeyer einander.

Das russische Konzert, welches einmal im Jahr in der Residenz stattfindet, ist für die beiden das jährliche Highlight. Aber grundsätzlich sind es die Menschen um sie herum, die Mitarbeitenden der Residenz und, auch wenn sie es so nicht sagen, sie füreinander.

Obwohl Herr Klaus, die Klees und die Rittmeyers unterschiedliche Alltage erleben, haben sie eines gemeinsam: Sie nehmen das Altwerden nicht so schwer. Der Kontakt zu anderen Menschen macht sie stark und gibt ihnen Kraft. Der Alltag in der Residenz birgt viele kleine Freuden, wie das Essen, die Mitarbeitenden, der Wissensclub und das Miteinander. Sie alle können würdevoll altern. Angst zu haben und den Spass im Leben aufzugeben steht nicht zur Debatte.

 

Bildurheberin: Hanna Fröhlich

Hanna Fröhlich

Hanna Fröhlich

Autorin

Ich schreibe fürs Brainstorm, weil ich an den Vorgängen in der Welt interessiert bin. Sich Wissen anzueignen und dieses in Form von Geschichten weiterzugeben, macht mir Spass. Hier habe ich die Möglichkeit dazu.