Räubergeschichten erzählen, neugierig sein, im Moment leben – kurz zusammengefasst beschreibt das ziemlich gut, was Jacky Jennys Leben zu einem Leben voller Highlights macht. Er kennt allerlei Tricks, wie das Rentenalter nie langweilig wird.

Kaffee rösten, das wollte Jacky schon immer mal lernen. Und es hat ihn gerettet. Gerettet vor dem berüchtigten Loch, in das man hineinfällt, wenn man plötzlich Rentner wird und nicht mehr 120 Prozent arbeitet, sondern 0. Mit 62 Jahren ging Jacky Jenny in Pension, das war vor fünf Jahren. Und plötzlich musste er nichts mehr tun. «Ich hatte keine fixe Aufgabe und irgendwie auch keine Erwartungen mehr, auch nicht an mich selbst.»

Wenn Jacky Geschichten erzählt, ist er ganz in seinem Element und seine blauen Augen strahlen. Er gestikuliert, fährt sich über die kurzen Haare, «züpflet» an seinem Schnauz, «gigelet» zwischendurch und sitzt kaum eine Minute still.

Chaotisches Reich im Keller

Zuerst kam damals das «Jöbbli» in der Kaffeerösterei eines Freundes. Mittlerweile ist die Jahresagenda voll. Vom Veloprüfungs-Experten über Glühweinstandbetreiber bis Plättlileger, zwischendurch noch Finanzplaner, Katzenhüter, Mechaniker, Brautführer. Und wenn gerade nichts ausser Haus ansteht, «chlütteret» er für sein Leben gerne in seiner Werkstatt im Keller. Stundenlang singt er dann vor sich hin, tüftelt, verbreitet Chaos, ist ganz in seiner eigenen Welt.

Was nebst allem aber immer noch Platz haben muss, ist das Zigeunern: Auf der «Leutsch» sein, kürzere und längere Touren mit dem Velo, Cabriolet oder Wohnmobil.

Das Leben darf nicht eintönig werden

Er mag es, gebraucht zu werden, zu helfen und zu beraten. Gerade eben hat ihn eine weitere Nachbarin als Helfer entdeckt. Nicht ganz zufällig. «Ich schwatze mich jeweils ein bisschen auf», meint er augenzwinkernd. So verlegt er Plattenböden für alte Freunde, stellt Budgets auf, gibt Techniknachhilfe.

«Ich mag Abwechslung und habe am liebsten gleich mehrere Baustellen aufs Mal», erklärt er. Eintönig darf das Leben für Jacky keinesfalls werden. Und dann ist die Agenda irgendwann voll und seine Frau Rosy erinnert ihn daran, dass wieder einmal Zeit sei für eine Pause. Im Alltag kommt es trotz Rentenalter auch bei ihnen vor, dass sie sich als Paar ein bisschen aus den Augen verlieren, weil sie so beschäftigt sind. Umso mehr verbringen sie auf Reisen bewusst Zeit zusammen.

Auch auf den Reisen war das Organisieren und Planen immer wichtig. 20 Jahre lang fuhren sie Töff, gingen auf ausgedehnte Europatouren, bis hoch zum Nordkap oder runter nach Griechenland. Immer in der Gruppe, immer organisiert von Jacky. Als sie dann älter wurden, und das Motorradfahren zunehmend anstrengender, tauschten sie den Töff gegen einen Wohnwagen. Mittlerweile haben sie ein Wohnmobil, damit sind sie flexibler, spontaner und vor allem unabhängiger. Und sie planen einzig für sich. Früher reisten sie jedes Jahr weiter weg, bis nach Amerika, Thailand, Kenia und Mexiko. Auch heute entdecken sie noch neue Orte, wieder in Europa, dafür aber «mindestens drei Mal im Jahr fünf Wochen am Stück.»

Was sich liebt, das neckt sich

Jacky und Rosy ergänzen sich, sind sich nah und lassen sich dabei trotzdem gegenseitig ihren Freiraum. Das scheint auch das Geheimnis ihrer Beziehung zu sein. 46 Jahre sind sie bereits verheiratet und das Sprichwort «Was sich liebt, das neckt sich» scheint wie für sie erfunden. Gegensätzlich sind sie, er ein riesiger Chaot, sie die Ordnungsliebende, er der Klassenclown, sie überhaupt nicht gerne im Mittelpunkt. Doch den anderen verändern wollen würden sie nie. Auf die Frage, worauf er stolz sei, antwortet Jacky als erstes: «Dass ich in jungen Jahren die richtige Frau kennengelernt habe.»

«Wir haben uns ein schönes Leben zusammen aufgebaut», sind sich beide einig. Nach einer Berufslehre als Konditor arbeitete sich Jacky hoch bis ins Management eines Industriekonzerns. Er hat Karriere gemacht, «aber immer den Plausch gehabt», fügt er an. Das Paar hat sich ein Haus gebaut für die Familie, hat jung geheiratet, jung zwei Kinder bekommen. Die Beziehung und die Familie standen für Jacky immer an erster Stelle, auch wenn es im Job jeweils streng war.

Rentnerglück

Sich selbst blieb er dabei immer treu, seine Art blieb dieselbe. Er «schnäderet» für sein Leben gerne und ist der geborene Unterhalter. Mit viel Witz und Selbstironie kommt Jacky überall und mit jedem ins Gespräch. Er nimmt sich Zeit, unterhält sich angeregt. Das Entertainer-Gen drückt besonders beim Kochen durch. Nämlich auf Reisen, draussen auf dem Rechaud. Da brutzelt er dann, was das Zeug hält, und die Leute kommen, um zu schauen. Das geniesst er, ein bisschen Show, ein bisschen «plöffen» und sich selbst nicht allzu ernst nehmen.

Kein Tag ohne Lachen

Humor spielt eine grosse Rolle in Jackys Leben. Ein Tag ohne mindestens zwei bis drei Mal zu lachen ist für ihn ein verschwendeter Tag. Und auch wenn es mal streng ist und nicht alles rund läuft, «zumindest über sich selbst kann man immer lachen», findet er. Seine leuchtenden Augen sind umrahmt mit Lachfältchen und es vergeht kaum ein Moment, in dem er nicht sein typisches Lausbuben-Grinsen im Gesicht hat.

Wenn er seine Frau ausführt, gehen sie am liebsten ins Cabaret. Der Komiker Emil beispielsweise begleitet ihn schon fast 50 Jahre. Oder Marco Rima, der bringe ihn zum «gigele», wenn er ihn schon nur ansehe. Wenn sie zusammen eine seiner Shows besuchen, ermahnt ihn Rosy: «Bitte lache erst, wenn er wenigstens schon etwas gesagt hat.» Zuletzt gingen sie Helga Schneiders Soloprogramm schauen, zuvorderst, in der ersten Reihe. Die Komikerin scherzte mit ihm, er machte freudig mit, und Rosy wäre am liebsten im Sessel verschwunden.

Grüezi Herr Doktor

Trotz Heiterkeit macht Jacky sich doch manchmal Gedanken übers Älterwerden. Vor allem darüber, irgendwann nicht mehr so vif zu sein. Demenz, «dass der Kopf einmal nachlässt», davor habe er Respekt, ja gar Angst. Mit kranksein könne er generell nicht gut umgehen. «Wenn ich einmal 0.2 Grad erhöhte Temperatur habe, meine ich schon, ich sei todkrank.» Darum geht er auch fleissig zum jährlichen Gesundheitscheck. Als beim letzten Besuch dann ein Anruf kam, mit den Laborwerten stimme etwas nicht, malte er sich schon «alles wüste» aus. Er druckte im Internet seitenweise Schauerdiagnosen aus.

Es war dann zum Glück bloss Eisenmangel. Das könne vom vielen Blutspenden kommen, mutmasste der Arzt. Jacky konnte entspannt nach Hause gehen. Entspannt sei er sonst normalerweise auch beim Arzt. Er denke schon bei der Begrüssung «Grüezi Herr Doktor» gleich an einen Sketch des Cabaret-Duos Divertimento, in dem die beiden über den Arztbesuch eines älteren Herren witzeln. «Da muss ich mich zusammenreissen, dass ich ohne zu lachen Grüezi sagen kann.»

Jackys «80/20-Regel»

Das Jammern älterer Leute, die sich über ihre Leiden unterhalten, ist ihm ein Graus. Da gehe es einem danach doch viel schlechter. Deshalb erzähle er viel lieber Räubergeschichten, sorge dafür, dass alle etwas zu lachen haben. Immer nur stur sein, wäre doch traurig. Lieber freut er sich am Leben. Wenn der Grossteil Freude macht, soll man sich darauf konzentrieren und sich nicht über negative Kleinigkeiten aufregen. Das besagt auch seine «80/20-Regel»: «Wenn 80 Prozent gut sind, wieso soll man sich über die nervigen 20 Prozent aufregen?», philosophiert Jacky.

Neugierig bleiben, Neues ausprobieren, interessiert sein, das bleibt dann auch seine Devise für die Zukunft. Eine Liste mit Dingen, die er gemacht haben will, hat er nicht. Die Ideen gehen ihm aber nicht so schnell aus: Mit dem Tanzen anfangen wäre etwas, oder eine Weltreise, in 120 Tagen mit dem Schiff um die Welt, das würde ihn noch «gluschte». Oder mal nach Neuseeland. Immer einen Schritt weiter, immer offen für neue Highlights.

 

Bildurheberin: Sandra Huwiler

Sandra Huwiler

Sandra Huwiler

Autorin

Ich liebe Geschichten – unterhaltsame, berührende, spannende, überraschende, grosse und kleine Geschichten. Und genau solche möchte ich hier erzählen.