Will man sich im Internet über Kuba informieren, sind die Ergebnisse auf Google spärlich, die Zeitungsartikel oberflächlich recherchiert und in der Aktualität veraltet. Kuba ist ein Land, das in unserer heute durch-digitalisierten Welt noch immer ein Rätsel für viele ist. Wie geht das? Eine dreiwöchige Rundreise durch den kommunistischen Inselstaat.

Als wir unseren ersten Fuss auf kubanisches Land setzen, ist es schon spät: Der Flieger aus Toronto ist mit zwei Stunden Verspätung um 1 Uhr morgens auf dem internationalen Flughafen in Havanna gelandet. Trotz sternenklarem Himmel ist es heiss und schwül, das Neonlicht der Ankunftshalle brennt in den Augen.

Meine erste Lektion über Kuba lerne ich schon am Flughafen: Alles dauert hier lange. Nicht lange wie in Asien, wo sich europäische Touristen über etwas improvisierte Arrangements aufregen, sondern wirklich lange. Unser Flieger ist der einzige auf dem ausgestorbenen Flughafen, doch unser Gepäck kommt trotzdem nicht. Ganze zwei Stunden bleibt das Förderband leer. Doch wir haben Glück im Unglück: Kuba kennt keine Schlafenszeiten. Um 3 Uhr morgens lässt sich leicht ein Taxifahrer finden, der uns mitsamt Gepäck ins Hotel bringt.

Unsere ersten Eindrücke von der kubanischen Hauptstadt werden etwas getrübt vom Klima: Es ist schwül und heiss und die sengende Sonne zwingt einen, auf der jeweils schattigen Seite des Trottoirs entlang zu schleichen. Immer wieder hört man kubanische Musik aus versteckten Seitengassen. Die vielbeschriebene Altstadt «La Habana Vieja» ist tatsächlich so, wie es immer gesagt wird: marode, aber charmant. Ein farbiges Häuschen reiht sich ans andere, der Beton bröckelt jedoch bedrohlich von den Hausfassaden. Nur das Gröbste wird mit Farbe übertüncht.

Ungebrochene Staatsmacht

Ein Gebäude sticht aus der bunten Masse heraus. Das weisse, gigantische Regierungsgebäude «El Capitol» versinnbildlicht die ungebrochene Macht des Staates. Der Kommunismus des Castro-Regimes sollte Wohlstand für die grosse Mehrheit der Kubaner bringen, doch bis jetzt leben die meisten in Armut und ständigem Mangel: Die Häuser zerfallen, Grundnahrungsmittel sind regelmässig vergriffen, Mobilität, freie Meinungsäusserung oder Mitbestimmung sind Fremdwörter. Das Embargo der USA trifft den kommunistischen Inselstaat noch immer hart. Der Staat bezahlt seine Bürger, um Nachbarn, enge Freunde oder die eigenen Kinder zu bespitzeln. Lektion 2: Sagen zu können, was man denkt und eine kritische Meinung einzunehmen ist hier keine Selbstverständlichkeit.

An unserem ersten Abend besuchen wir noch die Fábrica de Arte Cubano, kurz FAC, ein ehemals leerstehendes Fabrikgebäude, das in einen modernen Kunsttempel mit Bars, Konzertsälen und einer Grossleinwand umgebaut wurde. Auf drei Stockwerken werden zu Mojito und Cuba Libre die neuesten kubanischen Kunstwerke ausgestellt, im Erdgeschoss läuft ein Rockkonzert und nebenan werden alte amerikanische Filme gezeigt. Eine Einmaligkeit in Kuba und eine Art Ankunft des Hipstertums, wenn man dem so sagen möchte. Lektion 3: Kunst und Kreativität überleben auch das repressivste Regime.

Abenteuer Autofahren

Nach drei Tagen Stadtfeeling in Havanna führt unsere Reise an die grüne Westküste ins Valle de Viñales. Mit dem Mietwagen wagen wir uns auf die Strassen. Das Gute: Verkehr gibt es schon in der Hauptstadt wenig, ausserhalb treffen wir eher auf Pferde und Ochsen, das übliche Fortbewegungsmittel der Kubaner. Wegen dem Embargo der USA sind Autos eine der krassesten Mangelwaren, Kubaner warten nicht selten mehrere Stunden an Autobahneinfahrten auf eine Mitfahrgelegenheit. Wenn man seinen freien Platz nicht anbietet, kann das auch schnell mal zu obszönen Gesten seitens der Kubaner führen. Weil die Strassen dann auch fast nicht befahren werden, ist ihr Zustand jeweils noch schlechter: Jederzeit muss man auf strassenbreite Schlaglöcher gefasst sein, die Strasse kann einfach so mal von Teer zu Schotter wechseln und Wegweiser gibt es keine. Wieso auch?

Valle de Viñales selbst ist ein hübsches Dörfchen, von wo aus man eine geführte Tagestour durch den Nationalpark unternehmen kann. Dort erfährt man alles was über die Produktion der berühmten kubanischen Zigarren.

Ein weiterer, nennenswerter Halt ist die autarke Kommune in Las Terrazas, ein 1000-Seelen-Dorf, das als eines der innovativsten Ökoprojekte weltweit gilt. Die Kommune baut alles, was sie brauchen, selbst an. Für die Einwohner gibt es neben einer Grund- und Sekundarschule ebenfalls eine Universität. Wie kann es sein, dass ein Land, in dem ein stetiger Mangel an Toilettenpapier, frischer Milch oder Wasserflaschen herrscht, eines der fortschrittlichsten Öko-Projekte unterhält? Wie kann es sein, dass stundenlange Stromausfälle zum Alltag gehören, das kubanische Gesundheitssystem jedoch zu den weltweit besten gehört? Oder dass Meinungs- oder Versammlungsfreiheit nicht vorhanden sowie der Zugang zu Information stark beschränkt sind, wenn doch alle Bürger einen ausserordentlich hohen Bildungsstandard haben? Lektion 4: Kuba ist voller Gegensätze.

Auf unserer Rundreise machen wir ebenfalls Halt in Trinidad, einer malerischen Stadt an der Südküste. Hier ist das erste Mal etwas von der Öffnung zu spüren, über die man in unseren westlichen Medien immer wieder liest. In den letzten Jahren eröffneten hier mehr als 90 private Restaurants. Ein Wunder in einem Land, wo seit den 60er-Jahren alles verstaatlicht ist. Die neuen Restaurants machen einander Konkurrenz, die Mitarbeiter müssen Motivation und Effizienz an den Tag legen. Etwas, das man in Kuba sonst nie zu sehen bekommt und was zum Teil bizarre Formen annimmt.

Kubas Orakel

Auch in der viertgrössten Stadt Camagüey kann man eine schleichende Veränderung erkennen. Camagüey könnte die Stadt sein, die das restliche Kuba mit sich in eine kapitalistische Zukunft führt. Zum ersten Mal entdecken wir eine Art Shopping-Meile und zwei Kinos im Stadtzentrum, welche Filme wie Casablanca zeigen. Am Abend sehen wir Gruppen von jungen Kubanerinnen und Kubanern, die das Nachtleben geniessen. Die Frauen tragen enge Kleider und zu hohe Schuhe, mit denen es praktisch unmöglich ist, auf den Pflastersteinen zu gehen, die Männer haben zu viel Gel im Haar. Junge Akademiker setzten sich samstagabends mit ihren Laptops und Smartphones auf den Hauptplatz, weil nur hier Internet zur Verfügung gestellt wird. Lektion 5: Die junge Generation ist bereit für eine Öffnung Kubas.

Ein ganz anderes Bild zeigt sich auf unserem zweitletzten Halt in Santiago de Cuba. Die als kleine Schwester von Havanna bezeichnete Stadt stinkt von Abgasen und Abfällen. Die Armut zeigt sich hier am deutlichsten. In der Hafengegend wohnen ganze Drei-Generationen-Familien zusammengepfercht in einem illegalen Holzhüttchen, das kurz vor dem Zerfall steht. Am Abend findet hier der über die Landesgrenzen hinweg bekannte Karneval statt. Ein Wagen reiht sich an den nächsten, es geht nur langsam vorwärts. Die Musik dröhnt laut, die Mojitos fliessen und die Kubaner tanzen, was das Zeug hält.

Nach unserem Aufenthalt in Santiago ist unsere letzte Station Guardalavaca, ein Hotelkomplex für zahlungswillige Touristen aus den USA, Dänemark oder Frankreich. Wir geniessen die letzten paar Tage an weissen Sandstränden und sind froh, die Reise heil überstanden zu haben.

Nachdem wir wieder in Zürich angekommen sind, trifft auch unser Gepäck mit einer Woche Verspätung ein. Bei genauerem Betrachten fehlen uns Regenschirme, Schnorchel, Aufladekabel, ein Parfüm und ein amerikanisches Markenhemd. Für uns Selbstverständlichkeiten, für die Kubaner ein fast unerreichbarer Luxus. Ich stelle mir vor, wie unsere Sachen ihren Weg über den Schwarzmarkt in willige, kubanische Hände finden und weiss: Komme was will, die Kubaner werden sich zu helfen wissen.