Drei Wochen lang habe ich diesen Sommer den Norden Europas im Zug erkundet. Mit Sack und Pack habe ich mich aufgemacht in ein Leben unter Fremden.

Teil 3 – Oslo, Kopenhagen & Amsterdam

Das Erste was mir in Oslo auffällt ist ein überwältigendes Geruchschaos – ein deutliches Zeichen dafür, dass meine Erkältung sich auf dem Rückzug befindet. Bei windigem Wetter mache ich mich an das unliebsamste meiner Reiserituale: den schwerbeladenen Fussmarsch zum Hostel. Für die ersten zehn Minuten befinde ich mich inmitten eines Schmelztiegels aus Südosteuropa, Afrika und Arabien. Dann, als hätte jemand eine unsichtbare Linie durch die Stadt gezogen, wechselt die Hautfarbe mit einem Schlag von dunkel zu hell, die Sprache vom babylonischen Gewirr zurück zu Norwegisch.

Nächte in Oslo

Oslo gilt als Stockholms hässliche Schwester und auch wenn die Wortwahl zu harsch ist: Mit der schwedischen Inselmetropole kann es tatsächlich nicht mithalten. Als ich am ersten Abend in einer bunt gemischten Truppe (einem Journalisten aus Deutschland, einem Studenten aus Australien, einem energieübersprudelnden Amerikaner, einem schweigsamen Brasilianer und einem in Oslo lebenden Schweden – letzterer Bartender, Restaurantmanager, Reggaemusiker, Ex-Profiskateboarder und verurteilter Haschschmuggler in einem) das Nachtleben erkunde, zeigt sich mir ausserdem eine weitere Seite der Stadt: Der Abend beinhaltet eine Barschlägerei und eine Verfolgungsjagd.

Der Abend beinhaltet eine Barschlägerei und eine Verfolgungsjagd.

Später als ich die Gruppe verliere, während ich mich mit einer Deutsch sprechenden Norwegerin unterhalte, erhalte ich mehrere eindringliche Warnungen, auf keinen Fall alleine nach Hause zu laufen, falls ich an meinen Wertgegenständen und meinem Leben hängen sollte. Dass Oslo des Nachts ein gefährliches Pflaster sein kann, bestätigt mir auch der Schwede, als ich ihn das nächste Mal wiedersehe – anhand seiner Gefängnisvergangenheit und mehrerer Messerstichwunden schliesse ich, dass ich ihn in dieser Sache ernst nehmen sollte.

Das schöne Grossstadtleben

An meinem dritten Tag in Oslo zeigt sich endlich die Sonne wieder. Lesend im Strassencafe – Jack verlässt gerade San Francisco und verliebt sich in eine mexikanische Wanderarbeiterin – geniesse ich das schöne Wetter und beginne langsam, mich für die norwegische Kapitale zu erwärmen. Im Park lege ich mich auf die gutbesuchte Wiese und sauge den herrlichen Duft von frischgemähtem Gras in mich auf.

Ich geniesse das schöne Wetter und beginne langsam, mich für die norwegische Kapitale zu erwärmen.

Danach schlendere ich den Fjord entlang und steige auch hier kurz hinunter, um das Meerwasser, diese ultimative Grenze des Wandernden, zu berühren – verglichen mit Trondheim ist es überraschend warm. Als ich ins Hostel zurückkomme, kann ich mich gerade noch vom Amerikaner und Australier verabschieden, bevor sie weiterziehen – der Deutsche ist bereits am Morgen nach Bangkok abgeflogen. Ich weiss: Im Leben unterwegs werden ihre Plätze nicht lange unbesetzt bleiben.

Zurück ins Woodstock

Nach vier Tagen in Oslo höre auch ich ein letztes Mal das allgegenwärtige «Hei hei» und mir wird etwas schwer ums Herz. Zum ersten Mal auf meiner Reise heisst es jetzt nicht mehr vorwärts, sondern zurück. Via Göteborg fahre ich nach Kopenhagen, wo es mich noch einmal ins «Woodstock» zieht. Ich denke an meinen letzten Abend in Oslo zurück – an einen in Berlin lebenden Katalanen, gegen den ich gut zwei Dutzend Kartenspiele verloren habe; an den Schweden, den das Glück schliesslich doch verlassen und in die Arme der Polizei übergeben hat; und an einen freundlichen Amerikaner, der sich meist als Kanadier vorstellt aus Scham über die Politik seines Heimatlandes. Während ich ihre Gesichter noch einmal an mir vorüberziehen lasse, setzt sich ein Nigerianer, den ich schon auf dem Hinweg getroffen habe, neben mich auf die Holzbank. Wir reden darüber, dass er früher in Como gelebt und täglich die
Schweizer Grenze überquert hat, dass er jetzt aber nach Kopenhagen gekommen sei, um Arbeit zu suchen. Joints wandern herum, Biere werden geleert und ich beginne besser zu verstehen, wie die Welt aus seiner Sicht aussieht.

Grachten statt Fjorde

Bereits am nächsten Morgen ist es an der Zeit, den Norden endgültig zu verlassen und mich aufzumachen zu meiner letzten Etappe: Amsterdam. Zuerst aber strande ich mit einer Kanadierin in Hamburg, da wir beide die wichtigste Regel für Zugreisen in Europa missachtet haben: Wenn du durch Deutschland fährst, rechne für jeden Zug mindestens dreissig Minuten Verspätung mit ein. Schliesslich schaffen wir es doch, unsere ursprünglichen Reisepläne wieder aufzunehmen – sie nach Berlin und ich in Richtung Niederlande. Spätnachts – ich beginne gerade, mich wieder daran zu gewöhnen, dass es tatsächlich dunkel wird – komme ich in der Grachtenstadt an. Ich checke ein im Hans Brinker – nach Eigenwerbung dem schlechtesten Hotel der Stadt.

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Der Schlüssel funktioniert nur sporadisch und die Gänge erinnern an eine psychiatrische Anstalt der 50er, aber ansonsten ist es im Vergleich zu anderen Hostels eher im Mittelfeld der Zumutbarkeit. Beim Grachtenablaufen komme ich dann richtig ins Schwitzen – so sonnige Temperaturen habe ich seit Stockholm nicht mehr erlebt. Immerhin: Ich befinde mich gut 1500 Kilometer südlicher als noch in Trondheim. Sommerlich gekleidet geniesse ich Amsterdams gewohnte Gelassenheit. Nur noch eine Nacht in der Fremde und dann wird mich der Zug zurückbringen in die Schweiz.

Daheim

Nun, nach 25 Tagen, 6000 zurückgelegten Kilometern und einem erst zur Hälfte durchgelesenen Buch, liege ich wieder in meinem eigenen Bett. Meine Gedanken wandern noch einmal durch halb Europa und ich sinniere darüber nach, was mir diese Reise bedeutet hat. Das Leben unterwegs ist ein Leben unter Fremden, und ein Leben unter Fremden ist ein Leben voller Möglichkeiten und Überraschungen. Es ist ein Leben, welches ich genossen habe. Wirklich glücklich aber ist nicht, wer sich nur in der Fremde wohl fühlt, sondern wer auch einen Ort hat, an den es sich lohnt heimzukehren. So freue ich mich ebenso über das Erlebte wie darüber, wieder in den Alltag einzutauchen. Und doch: Beim Einschlafen denke ich an Kolumbien und Kanada, an Indien und Vietnam, an Marokko und Malawi…

Hostels:

  • Hamburg           Generator Hostel
  • Kopenhagen     Generator Hostel
  • Stockholm        Generator Hostel
  • Göteborg           Slottsskogens Vandrarhem
  • Trondheim       Trondheim Vandrerhjem
  • Oslo                    Anker Apartment
  • Kopenhagen     Danhostel
  • Amsterdam       Hans Brinker Budget Hostel

Nachtleben:

  • Hamburg           Generator (Hostel Bar)
  • Kopenhagen     Woodstock (Bar)
  • Stockholm        F12 Terrassen (Club)
  • Trädgarden (Club)
  • Göteborg           Bara Magnus (Gartenclub im Hinterhof des Restaurants Magnus & Magnus)
  • Trondheim       Bar Circus (Bar)
  • Oslo                    ? – Livemusik & nur 10 Franken für ein kleines Bier – in Norwegen ein echtes Schnäppchen (Bar/Club)
  • Kopenhagen     Woodstock (Bar)
  • Amsterdam       Barney’s Lounge (Coffeeshop)

Essen:

  • Hamburg           The Big Balmy (Burger)
  • Kopenhagen     Gorm’s Nyhavn (Italienisch)
  • Stockholm        Hermans (Vegetarisches Buffet)
  • Kaffee Gillet (Schwedische Küche)
  • Taste of Vietnam (Vietnamesisch)
  • Vete-Katten (Kaffee & Kuchen)
  • Norrköping      Burgers & Bangers (Burger)
  • Göteborg           2112 (Burger)
  • The Barn (Burger)
  • Magnus & Magnus (gehobene skandinavische Küche)
  • Café Hebbe Lelle (Kaffee & Kuchen)
  • Brogyllen Konditorei (Kaffee & Kuchen)
  • Trondheim       In Norwegen ist der Supermarkt der beste Freund des Budget-Reisenden
  • Oslo                    Munchies (Burger)
  • Ansonsten: siehe Trondheim
  • Amsterdam       Koh-I-Noor (Indisch)

Reisen:

  • Interrail Global Pass für 394 CHF exklusive Sitzplatzreservationen (15 Reisetage, gültig für einen Monat)
  • Die Züge in Skandinavien sind mehrheitlich pünktlich, modern, mit WiFi ausgestattet und mit Reservation auch für Interrail-Reisende zugänglich.