Reisen 0

Unterwegs in Skandinavien – Teil 1


Drei Wochen lang habe ich diesen Sommer den Norden Europas im Zug erkundet. Mit Sack und Pack habe ich mich aufgemacht in ein Leben unter Fremden.

Teil 1 – Hamburg, Kopenhagen & Stockholm

Das Semester ist zu Ende und endlich darf der Ruf der Ferne erhört werden. Bewaffnet mit einem Interrail-Ticket mache ich mich zuerst auf in die Hafenstadt Hamburg. Im Schnelldurchlauf marschiere ich vom Bahnhof bis zur Reeperbahn und zurück. Anschliessend stosse ich in meinem Hostelzimmer auf eine unbeirrbare Trump-Wählerin («I’m from Texas», erklärt sie mir) und verbringe dann den Abend mit einem Schotten, einem Saudi und zwei Bernerinnen, bevor es am nächsten Morgen auch schon weiter geht. Ich spüre: Das Leben unterwegs hat mich wieder einmal gepackt.

Von Hippies und Hunden

In Kopenhagen fühle ich mich gleich wohl. Empfangen werde ich mit überraschend angenehmen Temperaturen – angenehm allerdings erst, nachdem ich die halbe Stadt zu Fuss durchquert und den Rucksack abgelegt habe. Nach einer Dusche und einer Rasur fühle ich mich wieder halbwegs menschlich und laufe los in Richtung Hippieviertel Christiania. Ich streife umher zwischen Alt-68ern, Hanfhändlern, Touristen und unzähligen leinenlosen Hunden, bis ich zum «Woodstock» komme. In der wahrscheinlich abgeflashtesten Bar in Europa hängt dicker, würziger Rauch über den ergrauten Köpfen. Jemand lallt laut «I love you all» durchs Lokal. Ein Exilschwede setzt sich neben mich hin und bietet mir seinen Joint an. Kopenhagen sei die beste Stadt, erklärt er bestimmt. Von meinen weiteren Reiseplänen hält er gar nichts. «Es gibt in Stockholm keinen Ort wie Christiania.»

Nach zwei Tagen verlasse ich Kopenhagen doch etwas wehmütig, nicht nur wegen Christiania, sondern auch wegen der gemütlichen Atmosphäre, der charmanten Architektur und der Freundlichkeit der Dänen. Nun aber mache ich mich auf, zum ersten Mal die skandinavische Halbinsel zu betreten.

Im Land der tausend Inseln

In Schwedens Hauptstadt treffe ich meinen Mitbewohner, der direkt nach Stockholm geflogen ist. Im Gepäck hat er eine meiner Jugenderinnerungen: «Unterwegs», den 1957 erschienenen Roman von Jack Kerouac. Ich hatte ihn mit vierzehn das erste Mal zu lesen versucht (gekürzt damals) und mich schnell anderen Aktivitäten zugewandt. Als ich ihn das zweite Mal zur Hand nahm, las ich ihn ganz durch – und habe mich augenblicklich verliebt in diese Ode an die Rast- und Heimatlosigkeit. Später erschien dann die Urversion – das Buch, wie Kerouac es geschrieben hatte, bevor ihn die Verleger darüber informierten, dass er im Amerika der 50er-Jahre lebt. Natürlich kaufte ich mir diese Version sogleich – und das ist das Buch, das ich nun ausgehändigt bekommen soll.

Die Sache ist nur: Mein Mitbewohner hat es nicht gefunden. Kein Problem, immerhin befindet man sich in einer Grossstadt. Im dritten Buchladen werde ich fündig. Schon beim Aufschlagen der ersten Seite überkommt mich wohlige Vertrautheit. Während Jack sich in Lastwagen von New York nach Denver mitnehmen lässt, schippern wir von Stockholm zur nahe gelegenen Insel Fjäderholmen. Zusammen mit Massen städtischer Erholungssuchender geniessen wir den kurzen Spaziergang zwischen Bäumen, Felsen und Ostsee. Schliesslich tue ich es den jungen Schweden gleich und tauche ins scheinbar eiskalte Wasser ein – welches, informiert mich das Internet später, 20 Grad warm sei, was meinen Heldenstolz wieder etwas schmälert.

Tanzen unter der Brücke

Am Abend geht es dann in den Stadtteil Södermalm, wo unter einer Autobahnbrücke der Freiluftclub Trädgarden liegt. Beim Betreten meine ich für einen Moment, ich sei wieder in Christiania – abgesehen davon, dass die abgedrehte Szenerie nicht von alternden Hippies, sondern perfekt gestylten Mittzwanzigern bevölkert ist. Es wird getanzt, gegessen, Ping Pong und Boule gespielt – und das alles unter einem Himmel, der sich weigert, je ganz dunkel zu werden. Beim Anstehen an der Bar komme ich mit einem dunkelhäutigen Mann meines Alters ins Gespräch – Halbschwede, wie er sich selbst vorstellt. Als er von meinen Reiseplänen hört, erklärt er unverblümt, ich werde Norwegen lieben – Schweden sei scheisse. «Wir sagen nie was», meint er in Anspielung auf die berühmte schwedische Verschlossenheit. Allerdings, so haben wir die Erfahrung gemacht: Genauso wie in Dänemark reicht auch hier meist ein freundliches Lächeln, um das nordische Eis zu brechen.

Keine Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen